Diskussionsauftakt: Stadtgespräch über Bismarck und den Bismarckplatz. Foto: Jan Sellner

Wie umgehen mit Bismarck, dem einst reihenweise Straßen, Plätze und Denkmäler gewidmet wurden? Auch in Stuttgart. Die Stadt hat dazu jetzt einen Diskussionsprozess gestartet.

„Wenn’s um Orte und Steine geht, sind immer auch Gefühle im Spiel.“ Der Satz stammt von Gülsah Stapel, eine auf Straßen- und Platzbenennungen spezialisierte Stadt- und Regionalplanerin aus Berlin. Sie hat reichlich Erfahrung mit Emotionen, die in der Bevölkerung bei diesem Thema hochkochen. Am Montagabend moderierte sie im Gemeindezentrum der Pauluskirche im Stuttgarter Westen ein „Stadtgespräch über Namen, Orte und Erinnerung“, zu dem die Koordinierungsstelle Erinnerungskultur der Stadt Stuttgart eingeladen hatte. Es war zugleich die Auftaktveranstaltung zu einem mehrstufigen und mehrmonatigen „ergebnisoffenen“ Diskussionsprozess, in dem das Thema Bismarck und Bismarckplatz öffentlich und mit Beteiligung von Stimmen aus Wissenschaft und Kunst verhandelt werden soll – auch als eine Art Blaupause für vergleichbare Diskussionen in der Stadt.

 

Bundesweit erinnern rund 3000 Orte an den Reichsgründer

Anders als es vielleicht zu erwarten gewesen wäre, hielten sich die Emotionen bei dem gutbesuchten Stadtgespräch in Grenzen; die Moderatorin war nicht als Schlichterin gefordert. Dennoch war erkennbar, dass das Thema bewegt. Deutlich wurde auch, dass es dabei nicht um eine schlichte Ja/Nein-Frage geht: den Bismarckplatz im Stuttgarter Westen umbenennen oder nicht? Dazu ist Geschichte zu vielschichtig und komplex. Das spiegelt sich in besonderer Weise in der Person Otto von Bismarcks (1815-1899): Lange wurde der Reichsgründer, Reichskanzler und Begründer der Sozialgesetzgebung kritiklos verehrt. Mit ihm verbindet sich jedoch auch eine autoritäre Staatsführung, ein rigider Umgang mit politischen Gegnern und das Thema Kolonialpolitik.

Die Stadt will dieser Vielschichtigkeit gerecht werden. „Erinnerungskultur entsteht immer wieder neu in der Auseinandersetzung der Gesellschaft mit ihrer Geschichte“, betonte Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner beim Stadtgespräch. Sie sei das Ergebnis von Aushandlungsprozessen. Es geht dabei nicht um reine Namen: „Straßen- und Platznamen sind Ausdruck gesellschaftlicher Werte und legen offen, welche Personen und Ereignisse als erinnerungswürdig gelten und im öffentlichen Gedächtnis bleiben sollen und welche nicht“, betonte Gegenfurtner.

Ein Teil des Bismarckplatzes im Stuttgarter Westen mit der Kirche St. Elisabeth. Foto: Archiv/Lichtgut/Max Kovalenko

Der jetzt begonnene, von Workshops begleitete und bis November 2026 angesetzte Diskurs folgt einem Impuls des Stuttgarter Gemeinderats. Von der Initiative „Ein Platz für Betty Rosenfeld“, die den Bismarckplatz nach der von den Nationalsozialisten ermordeten Jüdin und Freiwilligen im spanischen Bürgerkrieg, Betty Rosenfeld (1907-1942), benennen will und dafür mehr als 1500 Unterschriften gesammelt hat, wird die Diskussion schon länger geführt.

Die Bismarck-Diskussion ist keineswegs auf Stuttgart beschränkt. Das machte der Historiker Ulf Morgenstern deutlich, Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung, einem von sieben von der Bundesregierung eingesetzten, historischen Lernorten. Bundesweit gibt es demnach rund 3000 Plätze, Straßen, Denkmäler oder Gebäude, die nach dem Reichskanzler benannt sind – „eine rein protestantische Veranstaltung“, wie er betont. In Stuttgart sind es neben dem Bismarckplatz die Bismarckstraße, das Bismarckhaus, der Bismarckturm und die Bismarckbüste in der Vogelsangstraße. Morgenstern spricht von einem „Ehr-Regime“ im öffentlichen Raum. Auf dem Höhepunkt der Bismarck-Verehrung zu Beginn des 20. Jahrhunderts habe ein regelrechter Wettlauf eingesetzt – mit einem 36 Meter hohen Bismarck-Denkmal in Hamburg als einem Höhepunkt. Und das im Wortsinne.

Der Historiker plädiert für einen differenzierten Blick auf die Figur Bismarck. „Es gibt zwei Bismarcks“, betont er: den konservativen Politiker, den es „in seiner Zeit“ zu sehen gelte, und den später „kultisch Verehrten“ und zum Mythos Verklärten. Den Diskussionsprozess in Stuttgart begrüßt er ausdrücklich. Seine Empfehlung: „Es gilt über die Person miteinander ins Gespräch zu kommen und Widersprüche auszuhalten.“

Für die Berlinerin Noa K. Ha, die sich um „dekoloniale Stadtforschung“ kümmert, ist die Bismarck-Debatte auch Anlass, über die aus ihrer Sicht bisher unterbelichtete deutsche Kolonialvergangenheit zu sprechen. In diesen Repräsentationsgeschichten gehe es immer auch um die Frage, „was nicht erzählt wird“.

Künstlerinnen starten eine Bismarck-„Inventour“

Mit einer „Inventour“ zu Stuttgarter Bismarck-Orten wollen sich die Künstlerinnen Ann-Kathrin Müller und Judith Engel im Juli und im Oktober dem Umgang mit Bismarck nähern. Der Titel ihres feinsinnigen Projekts aus Spaziergängen, Gesprächen und Filmabenden lautet: „Eine Zierde unserer Stadt? Bismarck als Stein, Eiche, Haus, Büste, Platz“. Die beiden hatten zuvor das Erinnerungsprojekt rund um den neuen Shmuel-Dancyger-Platz in der Reinsburgstraße initiiert. Sie halten Bismarck im Stadtbild für „überrepräsentiert“, sehen aber auch Alternativen zu einer Umbenennung des Platzes.

Die Vorschläge aus dem Publikum reichten von Beibehaltung der heutigen Situation über eine bessere Einordnung der historischen Figur bis zu einer doppelten Platzbenennung. Ein Anwohner kann sich vorstellen, aus dem durch die Schwabstraße verkehrlich geteilten Platz einen „alten“ und einen „neuen“ Bismarckplatz zu machen. Der Auftakt zeigte, die Debatte wird intensiv und fachkundig geführt. Das Fazit von Moderatorin Gülsah Stapel: „Stuttgart kann sich da glücklich schätzen.“