Die Filiale der BW-Bank an der Charlottenstraße ist Geschichte – der Schalterbetrieb wird dort wie bei vielen anderen nach Ansicht des Geldinstituts nicht mehr benötigt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Innerhalb von fünf Jahren verschwindet beinahe jede zweite Filiale in Stuttgart. Jetzt geht es auch den ersten Geldautomaten an den Kragen. Die Politik ist alarmiert und sucht nach Lösungen.

Stuttgart - Die Ankündigungen mehrerer Bankhäuser, ihr Filial- und Automatennetz in der Stadt weiter um- und abzubauen, hat die Kommunalpolitik auf den Plan gerufen. Ein breites Bündnis im Gemeinderat vom Linksbündnis über die SPD bis hin zu den Grünen fordert, Vertreter der BW-Bank, die sich zum Teil in städtischer Hand befindet, sollten vor dem Gemeinderat Rede und Antwort stehen. Und zwar „zum Abbau von Filialen, Geldautomaten und Arbeitsplätzen und deren Auswirkungen auf die Stuttgarter Stadtteile und Quartiere“, wie es in einem gemeinsamen Antrag heißt.

 

Auslöser für den Vorstoß war der Abbau des letzten Geldautomaten im Stadtteil Rohracker durch die BW-Bank. Für den Erhalt dieses Standorts hat sich auch die CDU-Gemeinderatsfraktion starkgemacht. Doch auch andernorts ist der Rückgang beim Angebot von Bankdienstleistungen ein Aufreger. So hat die Postbank den Unmut auf sich gezogen, weil sie ihren Standort im Stuttgarter Osten schließen möchte.

Massiver Rückgang

Die Banken selbst wollen sich zum Teil ungern in die Karten schauen lassen und geben nicht alle Zahlen heraus, wie eine Umfrage unserer Zeitung zeigt. Doch eines ist erkennbar: Die Abbautendenzen sind insgesamt groß. So hat sich die Zahl der vollwertigen Filialen mit Schalter in den vergangenen fünf Jahren nahezu halbiert. BW-Bank, Volksbank Stuttgart, Commerzbank, Hypo Vereinsbank, Sparda-Bank, Volksbank am Württemberg und Volksbank Zuffenhausen werden ihren Kunden am Jahresende noch 65 solcher Filialen bieten. Im Jahr 2017 sind es noch 118 gewesen. Teils wurden Filialen in Beratungszentren mit Terminvereinbarung umgewandelt wie bei der Volksbank am Württemberg, teils in Selbstbedienungsterminals wie bei der BW-Bank. Letztere hatte 2017 noch 54 Filialen in Stuttgart, am Jahresende werden es noch 24 sein.

Auch bei anderen Häusern werden die Vertretungen vor Ort weniger – oder man schweigt sich dazu aus. Die Postbank veröffentliche „als bundesweit agierende Bank keine regionalen Zahlen zu unseren Filialen“, heißt es auf Anfrage. Die Deutsche Bank lässt es bei dem Hinweis bewenden, man betreibe in Stuttgart 34 Geldautomaten. Keine Auskunft gibt es dazu, wie sich deren Zahl in der Vergangenheit entwickelt hat. Anders die Commerzbank: Sie teilt mit, dass sie heute in der Stadt fünf Filialen unterhalte, vor fünf Jahren waren es noch zwölf gewesen. Im selben Zeitraum hat sich die Zahl der Geldautomaten von 32 auf 22 reduziert.

Der Trend ist eindeutig: Erst verschwinden die Filialen, stattdessen gibt es Automaten. Und danach werden auch die weniger. So wie in Rohracker. „In den vergangenen Jahren war die Nutzung des dortigen SB-Service-Centers stark rückläufig“, sagt ein Sprecher der BW-Bank. Kundinnen und Kunden könnten den nächstgelegenen SB-Standort in Hedelfingen oder die Filialen in Wangen und Sillenbuch nutzen. Außerdem stünden Online-Angebote zur Verfügung.

Die Entfernung zum nächsten Gerät als Faktor

Die Beurteilung eines Geldautomaten-Standorts hängt von mehreren Faktoren ab. Er sollte natürlich eine gute Nutzung aufweisen. „Aber auch wenn sie deutlich unterhalb des Durchschnitts liegt, heißt das nicht automatisch, dass das Gerät abgebaut wird“, sagt ein Sprecher der Volksbank Stuttgart. Entscheidend sei auch die Entfernung zum nächsten Automaten. Einfach alle stehen lassen sei schwierig: „Die jährlichen Kosten für den Betrieb eines Geldautomaten belaufen sich auf einen niedrigen fünfstelligen Betrag. Der Großteil der Kosten entfällt auf die Bargeldlogistik, die durch die Sicherheitsmaßnahmen personalintensiv ist.“

Immer seltener nachgefragt werden sowohl Filialen als auch Automaten durch die Digitalisierung. Die Menschen machen Online-Banking oder zahlen mit Karte. Die Coronapandemie hat diesen Trend noch beschleunigt. Bei den Banken verlieren Zahlungsvorgänge deshalb massiv an Bedeutung, während der Bedarf nach Beratung offenbar ungebrochen groß ist.

Und was tun, wenn man Bargeld braucht, aber kein Automat mehr in der Nähe ist? Alle Bankhäuser verweisen auf die Möglichkeit, per Cashback Geld an der Kasse von Geschäften abzuheben. Dafür freilich müsste es solche Läden in der Nähe geben. In Rohracker etwa hilft das den Betroffenen nicht weiter.