Geht dem Fußball irgendwann die Luft aus? Foto: red

Im April wird kaum ein Tag vergehen, an dem kein Fußball-Spiel live im Fernsehen übertragen wird. Sogar DFB-Manager Oliver Bierhoff warnt inzwischen vor einer Übersättigung. Wie konnte es so weit kommen? Und hat das Publikum eines Tages wirklich genug? Ein Debattenbeitrag.

Stuttgart - Mitte der 1980er Jahre bestritt der VfB Stuttgart ein Auswärtsspiel bei Bayer Uerdingen. In der „Sportschau“ der ARD, die jeden Samstag nur aus drei der neun Bundesliga-Stadien berichtete, kamen keine bewegten Bilder aus der Grotenburg-Kampfbahn. Es blieb die Hoffnung auf die „Abendschau“ des Süddeutschen Rundfunks (SDR). Sie wurde enttäuscht. Es habe sich, so erklärte der Moderator mit dem Ausdruck des ­Bedauerns, innerhalb des Senders kein ­Reporter gefunden, der die Reise nach ­Uerdingen hätte antreten wollen.

Es war eine Zeit, in der die Zuschauer in halb leeren Stadien auf unüberdachten ­Tribünen standen, die wenigen Reporter manchmal mit in der Kabine saßen, das Fernsehen seine besten Quoten mit der „Tagesschau“ oder „Wetten, dass . . .?“ ­erzielte – und der Fußball in Deutschland die Rolle spielte, die ihm zusteht. Es gab eine Menge wichtigere Dinge im Leben.

Diese Zeit ist lange vorbei.

Heute ist der Fußball allgegenwärtig. Aus einer Nebensache ist ein Milliarden­geschäft geworden, dessen Wachstum keine Grenzen zu kennen scheint. Gesellschaftliche Events sind die Spiele in den Arenen mit VIP-Lounges, von denen fast jedes irgendwo live übertragen wird. Man muss sich als Fernsehzuschauer schon sehr viel Mühe geben, wenn man keinen Fußball sehen will, der läuft längst nicht mehr nur samstags in der „Sportschau“.

Im April wird die Schlagzahl noch einmal erhöht. Es werden in den nächsten Wochen nicht viele Tage vergehen, an denen die (zahlenden) Zuschauer auf Livespiele verzichten müssen. Mit der englischen Woche in der ersten und zweiten Bundesliga geht es los, anschließend folgt ein Rhythmus, der auch dem größten Fußballfan einiges abverlangt: Freitags bis sonntags Bundesliga, montags das Spitzenspiel der zweiten Liga, dienstags und mittwochs Champions League, donnerstags Europa League, und am Freitag geht es wieder von vorne los. Im April gibt es nur vier Tage ohne Profifußball. Darf es noch ein bisschen mehr sein?

Parallelen zur Finanzkrise 2008?

Interessanterweise ist es jetzt ausgerechnet Oliver Bierhoff, der vor einer Übersättigung warnt. Als „vierte Macht im Staat“ bezeichnete der DFB-Manager einst die deutsche Nationalmannschaft und wirkte tatkräftig daran mit, die Kommerzialisierung rund um das Weltmeisterteam auf die Spitze zu treiben. Nun fragte sich Bierhoff in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: „Wie weit kann man noch wachsen? Ist es gut, dass so viel Kapital im Markt ist?“ Sein Befund: „Ich mache mir ein bisschen Sorgen um den Fußball.“

An die Zeit vor dem Bankencrash im Jahr 2008 fühlt sich Bierhoff erinnert und erkennt ähnliche Warnsignale nun auch im Profifußball: „Jeder marschiert, schaut, wo geht noch ein bisschen mehr, was können wir machen, um es noch größer und bedeutender zu machen.“ Es ist das ewige Streben nach Profitmaximierung, das laut Bierhoff eines Tages fatale Folgen haben könnte: „Irgendwann knallt es dann mal.“

Tatsächlich? Auf den ersten Blick fällt es schwer, untrügliche Anzeichen dafür zu finden, dass die Blase bald platzt. Heimländerspiele mögen zwar nicht mehr jedes Mal ausverkauft sein – ansonsten aber ist der Boom des Fußballs ungebrochen. Die meisten Bundesliga-Stadien sind ausverkauft, die Deutsche Fußall-Liga (DFL) vermeldet jährlich neue Umsatzrekorde, das Fernsehen bezahlt Milliarden für die Übertragungsrechte, weil die Deutschen nichts mehr zu bewegen scheint als der Fußball.

Unter den Top 20 der TV-Einschaltquoten im Jahr 2016 fanden sich 19 Fußballspiele. Nur das EM-Finale der deutschen Handballer schmuggelte sich auf Rang 17. Kein Wunder also, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen inzwischen nicht nur Saisonvorbereitungsspiele live überträgt, sondern auch die Amateur-Pokalendspiele aller 21 Landesverbände, mehr als acht Stunden lang in einer Mammutkonferenz.

Gegen König Fußball stehen alle anderen Sportarten auf verlorenem Posten

Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass der Fußball längst nicht mehr nur im Fernsehen omnipräsent ist. Unzählige Online-Portale liefern rund um die Uhr Nachschub, an dem sich auch die Protagonisten selbst beteiligen. Die Spieler twittern ­triviale Neuigkeiten in die Welt, die Clubs beschäftigen immer größer werdende Medienabteilungen, die die tägliche Lawine an Banalitäten mit eigenem Content bereichern. All das hat zur völligen Überhöhung des Fußballs beitragen – und dazu geführt, dass andere Sportarten immer weiter an den Rand gedrängt werden. Sie können noch so oft ihre Welt- und Europameisterschaften veranstalten und neue Wettbewerbsformate einführen – gegen König Fußball stehen sie auf verlorenem Posten.

Was ihnen bleibt, ist die Hoffnung, dass Oliver Bierhoffs düstere Prophezeiung in Erfüllung geht und der Fußball das Rad ­irgendwann tatsächlich überdreht. Die ­Beteiligten tun in ihrem Größenwahn viel dafür, dem Publikum den Spaß zu nehmen und die Spieler über die Belastungsgrenze hinaus zu bringen. „Man muss aufpassen, dass man nicht völlig überzieht“, sagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem jüngsten Länderspiel in Aserbaidschan.

Die Fifa hat das WM-Teilnehmerfeld auf 48 Mannschaften erweitert. Die Uefa veranstaltet von 2018 an neben der EM einen weiteren Länderwettbewerb, die sogenannte Nations League, an der in einem hoch komplizierten Modus alle 55 Mitgliedsverbände teilnehmen. Auf Vereinsebene wurde auf Drängen der Großclubs eine Champions-League-Reform beschlossen, die der Spitze noch höhere Einnahmen garantiert. Absurd mutet es an, dass ausgerechnet Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge dieser Tage anmahnte, es müsse wieder „mehr um den Fußball und weniger um das Finanzielle und Politische“ gehen.

Wer ist schuld am aufgeblähten Kalender?

Auch DFL-Chef Christian Seifert schiebt die Schuld den Verbänden zu. „Fakt ist, dass zusätzliche Spieltermine vor allem aus Entscheidungen von Uefa und Fifa resultieren. Lösungsansätze zur Reduzierung sollten daher zuallererst dort ansetzen.“ Allerdings lässt auch der Ligaverband (im Auftrag der Clubs) nichts unversucht, aus dem Produkt Fußball immer noch mehr Profit herauszupressen.

Von der nächsten Saison an wird es in der Bundesliga Montagsspiele geben, um höhere TV-Gelder zu generieren. Zudem reisen Clubs im DFL-Auftrag zu Trainingslagern oder Freundschaftsspielreisen nach Indonesien oder Südafrika, um neue Märkte zu erschließen. Vorbild sind wie üblich die Bayern, die nach ihrem New Yorker Büro eine ­Dependance in China eröffnet haben.

Der Umsatz des Rekordmeisters liegt mittlerweile bei mehr als 600 Millionen Euro. Mit dem neuen Fernsehvertrag, mit dem die DFL 1,16 Milliarden Euro pro Jahr erlöst, werden auch die meisten anderen Vereine in neue Dimensionen vorstoßen. Der Großteil des Geldes landet in den Taschen der Spieler, von denen die besten heute an einem Tag mehr verdienen als viele ihrer Fans im ganzen Jahr. Als moderne Popstars gelten die Profis – manchmal sind sie sogar noch mehr.

Bei der Kinderausstellung des Landesmuseums Württemberg in Stuttgart gehört auch Sami Khedira zu den „sieben Superschwaben“ – und steht in einer Reihe mit Johannes Kepler, Friedrich Schiller, Gottlieb Daimler, Margarete Steiff, Sophie Scholl und dem Hollywood-Pionier Carl Laemmle. Immerhin vergaß Khedira bei seinem Besuch am Dienstag nicht zu erwähnen, dass er „in keinem anderen Bereich auch nur halb so erfolgreich gewesen wäre wie die ganzen Herren und Damen“.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: