Rebekka Souvard schmeißt den Haushalt, kümmert sich um drei Kinder – und muss mit ihrem Mann eventuell bald deutlich mehr Kindergartengebühren bezahlen. Foto: Simon Granville

In Steinheim (Kreis Ludwigsburg) sollen die Berechnungsregeln für Kitagebühren auf den Kopf gestellt werden. Was als faire Anpassung gedacht war, schürt bei einigen Eltern Ängste.

Ist es gerecht, wenn Großfamilien im Kindergarten für all ihre Mädchen und Jungs zusammen weniger bezahlen als Eltern mit nur einem Kind? Und ist es fair, dass die Kitagebühren pro Zögling im Haushalt sinken? Wäre es nicht angemessener, nur die Kids anzurechnen, die aktuell eine Einrichtung besuchen? Diese Fragen werden gerade unter Steinheimer Eltern heiß diskutiert. Grund ist, dass die Stadt den Modus ändern will, hin zu einem Modell, durch das kinderreiche Familien teils deutlich mehr Gebühren zahlen müssten als bisher. 

 

„Als das im November bekannt wurde, war das Stadtgespräch. Eine Bekannte von mir, die vier Kinder hat, trifft das richtig hart. Sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen“, berichtet Rebekka Souvard, selbst Mutter mehrerer Kinder und damit potenzielle Leidtragende eines solchen Kurswechsels. „Wir selbst müssten damit im Jahr 1078 Euro mehr bezahlen“, sagt die 35-Jährige.

In der Kleinkindbetreuung sind die Preissprünge noch größer

Eltern rechnen schon durch, was sie künftig unter Umständen für einen Betreuungsplatz bezahlen müssen. Foto: IMAGO/Bihlmayerfotografie

Wenn ihr Sohn im Herbst 2027 in die Schule kommt, würde es noch bitterer werden. Dann werde der Junge nicht mehr angerechnet, seine momentan sieben Monate alte Schwester sei aber bereits in der Kleinkindbetreuung. Dort geht die Schere bei der Gebührenstaffelung pro Kind noch deutlich weiter auseinander als im Kindergarten, sodass die Souvards nach dem neuen Modell für eine 30-stündige Betreuung pro Woche im Monat 382 statt 258 Euro bezahlen müssten. Dazu käme der Aufpreis für die mittlere Schwester im Kindergarten. „Aufs Jahr gerechnet wären wir ab Herbst 2027 dann sogar bei knapp 2000 Euro Mehrkosten. Das ist schon eine Nummer“, sagt Souvard.

Jetzt sind die Souvards vergleichsweise gut situiert, sodass Rebekka Souvard und ihr Mann dadurch finanziell nicht ins Schlingern geraten dürften. „Aber andere Familien wird es vielleicht richtig heftig treffen“, fürchtet die gelernte Fahrzeuginnenausstatterin. Und sie selbst werde bald kein Elterngeld mehr beziehen, müsse dann wieder arbeiten – und dennoch den Haushalt mit drei Kindern schmeißen.

Für vier und mehr Kinder soll der Bonus gestrichen werden

Ganz besonders zu knabbern hätten jedoch Familien mit vier und mehr Mädchen und Jungs, wenn der ursprüngliche Vorschlag der Stadtverwaltung tatsächlich umgesetzt würde. Der Ansatz der Rathausmannschaft sah vor, bei der Sozialstaffelung die Kategorie „vier und mehr Kinder“ komplett zu streichen. Demnach müssten Großfamilien mit vier und mehr Kindern pro Kopf so viel bezahlen wie Eltern mit drei Kids. Außerdem sollten eben generell nur noch die Kinder für eine Ermäßigung angerechnet werden, die in einer Einrichtung betreut werden. Aktuell richten sich die Gebühren danach, wie viele Kinder unter 18 Jahren im Haushalt leben.

Wer also wie die Souvards mit zwei Mädchen und einem Jungen unter einem Dach lebt, überweist derzeit zum Beispiel für eine 30-stündige Betreuung pro Kind in einer Einrichtung für über Dreijährige 109 Euro. Hätten die Souvards nur zwei Zöglinge, würden pro Platz schon 158 Euro fällig, bei einem Einzelkind 205 Euro. Mit mindestens vier Kindern im Haushalt muss man lediglich 37 Euro je Mädchen oder Jungen für die Betreuung investieren.

Just diese enorme Spreizung war einigen Müttern und Vätern ein Dorn im Auge, wie der Steinheimer Bürgermeister Thomas Winterhalter berichtet. Denn die Anregung zur Überarbeitung der Sozialstaffelung sei nicht nur aus dem Gemeinderat gekommen, „sondern auch von betroffenen Eltern, die es als ungerecht ansehen, dass Familien mit vier Kindern insgesamt weniger Beiträge für ihre vier Kinder bezahlen beziehungsweise pro Kind erheblich weniger als eine Familie mit einem Kind“, erklärt der Rathauschef.

„Ich möchte nochmals klarstellen, dass das Ziel der Verwaltung und des Gemeinderates nicht die Erzielung von Mehreinnahmen war, sondern möglichst ein gerechteres Gebührenmodell zu erarbeiten.“

Thomas Winterhalter, Bürgermeister von Steinheim

Winterhalter stellt zudem klar, „dass das Ziel der Verwaltung und des Gemeinderates nicht die Erzielung von Mehreinnahmen war, sondern möglichst ein gerechteres Gebührenmodell zu erarbeiten“. Zur Wahrheit gehört auch, dass das neue Konzept längst nicht in trockenen Tüchern ist. Anfang November sollte ein Beschluss herbeigeführt werden. Man habe das Thema aber wieder von der Tagesordnung genommen, sagt Winterhalter. Erst kurz vor der Sitzung habe man festgestellt, dass der Gesamtelternbeirat anzuhören sei.

In der Folge habe man die Mütter und Väter mit ins Boot geholt, die Hintergründe erklärt und sich die Argumente der Eltern angehört, um diese dann dem Gemeinderat rückzuspiegeln. Anschließend sei das Ganze in einer Klausur „intensiv und auch sehr kontrovers“ diskutiert worden, ebenso Anfang März in einem Ausschuss. Dabei seien auch weitere Vorschläge auf den Tisch gekommen, die Sozialstaffelung zu modifizieren. Inzwischen beschäftige man sich mit fünf möglichen Ansätzen, inklusive der Lösung, alles beim Alten zu lassen.

Die Entscheidung soll im April fallen

Das Einkaufen wird teurer. Das bekommen besonders größere Familien zu spüren. Foto: IMAGO/Rolf Poss

Hinter verschlossenen Türen hätten sich die Räte bislang nicht auf ein Modell verständigen können. Die Würfel sollen am 21. April in öffentlicher Sitzung fallen, verkündet Winterhalter. „Das Thema zeigt, wie unterschiedlich die ,gerechte’ Verteilung von Kosten gesehen wird, je nachdem, von welchem Standpunkt aus“, fasst er zusammen.

Vom Standpunkt einer vielköpfigen Familie aus dürfte klar sein, dass man die bisherigen Leitlinien am besten gar nicht antastet. Rebekka Souvard streicht hervor, dass die Lebenshaltungskosten allgemein gestiegen seien und man mit mehreren Kindern schon grundsätzlich höhere Ausgaben habe, zum Beispiel für Essen und Getränke. Zudem brauche man ein geräumiges Auto. Nicht zu vergessen die Gebühren für Freizeitaktivitäten im Sportverein oder für Musikkurse. „Das Kindergeld wiegt das nicht auf“, betont sie.

Rebekka Souvard fände es somit nur gerecht, wenn die Stadt ihr bisheriges Gebührenmodell beibehält, das Familien mit vielen Kindern entlastet. „Unsere Kinder tragen ja auf längere Sicht auch wieder zur Gesellschaft bei. Man redet immer von Familienfreundlichkeit. Da gehört das schon dazu“, sagt sie.