Das Grab von Auguste Supper befindet sich auf dem Brüdergemeinde-Teil des neuen Korntaler Friedhofs. Foto: factum/Granville

Nach der Schriftstellerin und Nazi-Propagandistin ist in Korntal-Münchingen ein Weg benannt. Das soll sich nach dem Willen der Grünen ändern. Doch die Stadt hat sich an die im Ort beerdigte Korntalerin enger gebunden, als ihr lieb ist.

Korntal-Münchingen - Die Diskussion um die Schriftstellerin Auguste Supper schwelt seit über einem Jahr in Korntal-Münchingen, nun nimmt sie Fahrt auf. Bürger wie Politiker stört, dass seit Juni 1954 ein Weg in Korntal nach der Verehrerin Hitlers benannt ist. Und dass die Stadt die Kosten von rund 150 Euro jährlich für die Grabpflege übernimmt: Supper und ihr Mann Otto sind auf dem Brüdergemeinde-Teil des neuen Korntaler Friedhofs begraben.

Geht es nach der Grünen-Fraktion, heißt der Weg künftig anders. „Einerseits gedenken wir der Opfer des Nationalsozialismus, andererseits ehren wir eine Frau, die den Nationalsozialismus befördert und Hitler verehrt hat, mit einer nach ihr benannten Straße. Das ist ein Widerspruch“, sagt Harald Wagner. Ihren Antrag, den Straßennamen zu ändern, wollen die Grünen am 15. November einbringen. Für ihre Forderung gibt es zwei Beweggründe. Inzwischen gibt es auch in Korntal eine „Initiative Stolpersteine“. Sie verlegt nächsten Sommer die ersten Messingtafeln, um an die Opfer der NS-Zeit zu mahnen. „Außerdem wurde Julius von Jan, ein Pfarrer im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, posthum mit einem Ehrentitel gewürdigt. Von Jan liegt auf unserem Friedhof begraben“, sagt Wagner. In dem Kontext sei eine Änderung des Straßennamens angemessen.

Grünen sind mit ihrem Wunsch nicht allein

Mit ihrem Wunsch stehen die Grünen nicht allein da. Bereits Ende des vorigen Jahres gab es Impulse aus der Bevölkerung, den Auguste-Supper-Weg umzubenennen. Daraufhin befasste sich der Ältestenrat mit dem Anliegen – und sprach sich in einer Sitzung im November dagegen aus. Dabei hat die Stadt schon Straßennamen getilgt. Anders als Carl Peters, ein gewalttätiger Rassist, sei Auguste Supper keine Täterin gewesen, erklärte der Bürgermeister Joachim Wolf (parteilos), wohl aber eine Propagandistin nationalsozialistischer Weltanschauung. Die Carl-Peters-Straße heißt seit 2012 Lembergstraße.

Mit ihrem Antrag wollen sich die Grünen auch von der „bedauerlichen“ Entscheidung im Ältestenrat distanzieren. „Hinterher habe ich mich sehr darüber geärgert, dass ich geschwiegen habe“, sagt der Fraktionschef Wolf Ohl. Allerdings hatte die Stadt damals „genug andere Probleme“. Dagegen findet Ohl heute deutliche Worte: „Auguste Supper war mehr als eine Mitläuferin, zumal sie eine gescheite Frau war.“

„Heute würde man keinen derartigen Beschluss mehr fassen“

Der Erste Beigeordnete der Stadt zeigt Verständnis für den Unmut und Wunsch nach Umbenennung. „Die Menschen wurden über die Jahre immer sensibler, was stark an der Aufarbeitung der Geschichte liegt. Heute würde man keinen derartigen Beschluss mehr fassen“, sagt Alexander Noak. Die geforderte Namensänderung sei eine Diskussion wert. Obgleich sie einen „ordentlichen Aufwand“ nach sich zöge. Straßennamen seien bei Behörden aufgeführt, im Melderegister, in Ortsplänen, Navigationssystemen, Ausweisen. Überall dort wären dann Änderungen nötig.

An den Verträgen, die die Stadt einst unterschrieben hat, lässt sich indes wohl nichts ändern. Im Februar 1983 nahm Korntal-Münchingen von Auguste Suppers Tochter ein Vermächtnis von rund 10 000 Mark an. Im Gegenzug verpflichtete sie sich, das Grab der Eltern zu pflegen – „für die Dauer des Bestehens des Friedhofs“. Ist der Nachlass aufgebraucht, muss die Stadt die Grabpflege aus dem Haushalt finanzieren. Viele Jahre wurden die Kosten aus den üppigen Zinsen des Nachlasses bestritten, zudem erhielt die Bücherei aus dem Überschuss neue Literatur. Mittlerweile sind die Zeiten hoher Zinsen vorbei, und der Nachlass selbst wird für die Grabpflege benötigt.

„Aus finanzwirtschaftlicher Sicht war das damals keine falsche Entscheidung, sie wurde aber nicht zu Ende gedacht“, sagt Noak. Er betont, dass das Grab kein Ehrengrab sei. „Bloß hätte man die Grabpflege unbedingt zeitlich begrenzen müssen.“ Noak kündigte an, dass die Stadt prüfen lassen werde, ob sie aus dem Vertrag herauskomme. Grundsätzlich hält er es für wichtig und richtig, die Bürger über Auguste Supper aufzuklären. Denkbar seien Infotafeln unter dem Straßenschild oder dass sich Schüler mit ihren strittigen Werken auseinandersetzten.

Stadtarchivar: Tilgung nicht immer der Königsweg

Der Stadtarchivar Alexander Brunotte sieht das ähnlich. „Es ist nicht immer der Königsweg bei problematischen Personen, sie aus dem öffentlichen Raum zu tilgen“. Wohlwissend, dass Straßennamen immer auch was Ehrendes haben, sei es im konkreten Fall eine Option als Folge der Auseinandersetzung mit Auguste Supper, über etwas nachzudenken, das „nachhaltig wirkt, dass man sie nicht nur ausradiert“. Brunotte wirbt für eine differenzierte Betrachtung: Suppers literarisches Werk sei von der Kritik gewürdigt worden, und ein Teilnachlass liege heute im Literaturarchiv in Marbach. Gleichwohl habe die Person eben auch eine „politische Dimension, die nachhaltiger ist als die literarische Qualität“.

In Ludwigsburg, wo es eine Auguste-Supper-Straße gibt, misslang ein Vorhaben wie das der Grünen in Korntal-Münchingen: Im Gemeinderat scheiterte im Juli 2015 der Antrag der SPD-Fraktion am Veto der CDU-Fraktion, der Fraktion der Freien Wähler und des Stadtrats der Republikaner. Auch ein Stadtrat der FDP lehnte die Vorlage ab. Eine Auguste-Supper-Straße haben auch noch Calw und Pforzheim.

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