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Die DDR-Zeiten sind vorbei, der Kontext ist verschwunden. Deshalb sind DDR-Witze heute auch nicht mehr lustig, wurden aber seinerzeit bewusst eingesetzt und genutzt.

Berlin - Die DDR-Zeiten sind vorbei, der Kontext ist verschwunden. Deshalb sind DDR-Witze heute auch nicht mehr lustig, wurden aber seinerzeit bewusst eingesetzt und genutzt.

In der DDR war das noch ein echter Schenkelklopfer, heute reicht es nur noch zum Schmunzeln, sagt der Historiker Eckhard Schörle, der zum DDR-Witz geforscht hat. "Der Kontext ist weg und damit die konkrete Alltagssituation, in der gelacht wurde." Witze über die ehemaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht und Erich Honecker, über Radio Jerewan, fehlende Möhren und den reaktionären Klassenfeind im Westen: Das Lachen über politische Witze in der DDR konnte von Ängsten befreien, Gemeinschaftsgefühl hervorrufen, die Witze waren Ventil und konnten Druck abbauen, ohne das System zu gefährden. Dessen waren sich die "Funktionäre mit Humorlosigkeit" mal mehr, mal weniger bewusst gewesen, betont Schörle.

Aber wer das System verlachte, lebte auch gefährlich. "Was ist ein 08/15 Witz? Ein Witz, der in acht Sekunden erzählt ist und für den man dann 15 Jahre sitzen muss." Die Gefahr für Witzeerzähler war zwar nicht so groß, sagt der Forscher, "aber sicher ist, dass sich jeder schon genau überlegt hat, wem und in welcher Situation er einen politischen Witz erzählt hat." Nicht selten diente er auch dazu, das Gegenüber einzuschätzen: Zwei DDR-Grenzsoldaten stehen auf Posten und starren in Richtung BRD. "Woran denkst du jetzt?", unterbricht der eine das Schweigen. "Daran, woran du auch denkst." "Dann muss ich dich jetzt verhaften!" Wer nicht mitlachte, war verdächtig.

Aber auch die SED-Führung nutzte den Witz für ihre Zwecke, etwa um den Westen oder die Solidarnosc-Bewegung in Polen lächerlich zu machen. "Kennen Sie den kürzesten Witz in Polen? - Zwei Polen arbeiten." Aber auch der Westen nutzte die Kraft der Pointe, um Stimmung in der DDR zu machen, erzählt der Historiker, der aus den alten Bundesländern kommt. Schörle, 1971 geboren, studierte Geschichte, Politik und Philosophie in Gießen und Göttingen. An der Universität Erfurt promovierte er über die Geschichte des Lachens . Ein gern gehörter Witz war zu DDR-Zeiten folgender: Nach seinem Ableben klopft Honecker bei Petrus an die Tür. Dieser sieht nach und fragt: "Du hast dich wohl verlaufen? Ab in die Hölle!" Ein halbes Jahr später klopfen zwei Teufelchen bei Petrus an. Petrus: "Ihr seid ganz falsch hier!" Sie entgegnen: "Nein, wir sind die ersten Flüchtlinge."

Das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen veröffentlichte Anfang der 1950er Jahre Heftchen mit Anti-SED-Witzen, später war es die illustrierte Satirezeitung "Tarantel", die bis kurz nach dem Mauerbau in Westberlin gedruckt und illegal im Osten verbreitet wurde.

Viele Witze geben jedoch wenig über Entstehungszeit und die Alltagssituation preis, in der sie von Mund zu Mund gingen, bedauert Schörle. In Witz-Büchern und bei Befragungen von Zeitzeugen stößt er immer wieder auf Pointen, die vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis zur DDR auf die jeweilige Situation umgedichtet wurden. Dazu zählt der Witz über den Fahrer von Walter Ulbricht, der ein Schwein totgefahren hat. Er geht los, um sich zu entschuldigen und kommt nach Stunden mit Geschenken überladen zurück. Ulbricht wundert sich, und der Fahrer erklärt: "Ich hab gesagt, ich bin der Fahrer von Walter Ulbricht und habe das Schwein totgefahren." Dieser Witz kursierte in der NS-Zeit schon über Adolf Hitler.

Im Lachen verwischten sich auch die Grenzen, meint der Historiker. Nicht selten haben sich die Menschen in Ost und West über dasselbe amüsiert - wenn auch aus anderen Gründen. "Gestern standen wir kurz vor dem Abgrund, heute sind wir schon ein Stück weiter." In der DDR richteten sich solche Sprüche gegen das politische System, im Westen gegen die Umweltzerstörung. Überraschend einig waren sich Ost und West in der Beurteilung der Arbeitswelt. "Wir sind zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen." In den Jahren vor dem Mauerfall wurden politische Witze deutlich schärfer: Erich Honecker besucht einen Kindergarten in Karl-Marx-Stadt. Eifrig haben sich die Kleinen darauf vorbereitet. Nun fragt Erich den kleinen Hans: "Na mein Kleiner, wer ist denn dein Vater?" "Du, Onkel Erich", sagt Hans. Erich freut sich und fragt weiter. "Nun sag mir doch mal, wer ist denn deine Mutter?" "Das ist die DDR, Onkel Erich!" Wieder freut sich Erich und fragt weiter. "Und was möchtest du denn mal werden mein Kleiner?" "Vollwaise, Onkel Erich!"

In dieser Zeit konnten die Erzähler von einer breiten Zustimmung ausgehen. Und auch die SED-Führung war mit unfreiwilliger Komik wieder mit dabei. Als Staatssicherheitsminister Erich Mielke 1989 in der DDR-Volkskammer verkündete: "Ich liebe doch alle, alle Menschen", sorgte er für einen Treppenwitz der Geschichte.

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