Irmgard Törner hat einige schwere Zeiten durchgemacht. Auf der Karlshöhe hat sie einen Arbeitsplatz gefunden, an dem sie sich wohlfühlt. Foto: Werner Kuhnle

Eine schwere Erkrankung ihrer Tochter wirft Irmgard Törner aus der Bahn. Nach 20 Jahren sucht sie den Weg zurück in den Beruf – und findet ihn letztlich auf der Karlshöhe.

Irmgard Törner hat in ihrem Leben viel erlebt – und viel durchgemacht. Eine schwere Erkrankung ihrer Tochter stellte ihr Leben auf den Kopf, jahrelang fühlte sie sich verloren. Als sie eines Tages den Weg zurück ins Berufsleben suchte, nahm sie an einem speziellen Programm der Karlshöhe Ludwigsburg teil. Heute ist sie selbst dort beschäftigt und ist nun endlich angekommen, wie sie selbst sagt. Als eine der wenigen hat sie damit beide Seiten der bekannten Ludwigsburger Einrichtung kennengelernt, die in diesem Jahr 150-jähriges Bestehen feiert.

 

Geboren und aufgewachsen in Siebenbürgen in Rumänien, kam die heute 61-jährige Irmgard Törner 1986, mit 21 Jahren, mit ihrem Bruder und ihrem Vater nach Deutschland, um in Sicherheit leben zu können. Ihre Mutter blieb in Rumänien. „Aus dem Kommunismus in den Kapitalismus zu wechseln, das war schon eine riesige Umstellung“, erinnert sie sich. Trotzdem hat sie „einen guten Start hingelegt“, wie sie es formuliert. Innerhalb von drei Monaten machte Irmgard Törner ihren Führerschein und arbeitete als Sachbearbeiterin in einer Spedition.

„Da fing so ein inneres Zittern an“

Mit 27 Jahren wurde sie schwanger – die Freude auf das erste Kind war groß. Doch dann ereilte die Familie ein schwerer Schicksalsschlag: Ihre Tochter kam mit einer sogenannten Spina bifida, einer Spaltung der Wirbelsäule, zur Welt, die in schlimmen Fällen bis zur Querschnittslähmung führen kann. Die folgenden Jahre bestanden aus Fürchten und Bangen und dem Wechsel von einer Uniklinik zur nächsten.

„Ich bin eigentlich ein positiver Mensch und glaube an das Gute“, sagt Irmgard Törner. „Und heute weiß ich auch, dass ich es geschafft habe und dass meine Tochter heute immer noch gehen kann.“ Noch immer ist sie dem Arzt unendlich dankbar, der ihre Tochter einst operiert hat. In den Wochen und Monaten nach der Diagnose aber wurde die junge Mutter komplett aus der Bahn geworfen. „Da fing so ein inneres Zittern an, das man nicht steuern kann und das auch nicht mehr wegging.“

Zu dieser Zeit musste sie sich entscheiden zwischen Arbeitswelt und Mutterrolle, beides sei aufgrund der Erkrankung ihrer Tochter nicht möglich gewesen. „Ich habe mich entschieden, Mutter zu sein und in den Kliniken zu bleiben und mein Bestes zu tun für mein Kind.“ Diese Zeit beschreibt sie als die schwerste in ihrem ganzen Leben. Denn damals schien es kein Ende zu nehmen, Untersuchung folgte auf Untersuchung, Behandlung auf Behandlung. Die gesundheitlichen Auswirkungen waren stets Teil des Alltags. „Irgendwann kamen dann auch die Fragen wie: Mama, warum habe ich keine Freundin?“

Über die Rolle des Vaters verliert Irmgard Törner nur wenige Worte, außer, dass es irgendwann auseinanderging. Und dass ihr Mann selbst lange Zeit arbeitslos war, die Familie lebte von Hartz IV, Ersparnisse gab es keine. „Es hat hinten und vorne nicht gereicht“, sagt sie.

Mittlerweile kann die zweifache Mutter – ihr zweites Kind, ein Sohn, kam wenige Jahre nach seiner Schwester gesund zur Welt – mit anderen Augen zurückblicken. Ihrer Tochter geht es gut, sie hat einen Mann und ist inzwischen selbst Mutter geworden. „Das ist alles, was ich mir für meine Kinder immer gewünscht habe, dass sie glücklich sind“, sagt Irmgard Törner zufrieden, die nun schon seit elf Jahren Großmutter einer gesunden Enkelin ist. Die Zeit war also gekommen, sich ihrem eigenen Leben zu widmen. Blieb nur die Frage: Wie sollte sie nach so langer Zeit wieder einen Job finden?

Hier kam die Karlshöhe ins Spiel. Denn die Einrichtung am südlichen Rand von Ludwigsburg verfügt über ein weit größeres Spektrum als nur die Arbeit mit Menschen mit Behinderung, wofür sie weithin bekannt ist. Dazu gehören neben Altenpflege und Wohnungsnothilfe unter anderem auch Angebote zum Wiedereinstieg in den Beruf.

„Starthilfe“ für den Wiedereinstieg

„Wir haben mehrere solcher Maßnahmen, die durchs Jobcenter finanziert werden“, erklärt René Burtscher, Pressesprecher der Karlshöhe. Das Projekt „Job & Kids“ zum Beispiel richtet sich speziell an Eltern, die wegen ihrer Kinder lange Zeit aus dem Arbeitsleben draußen waren und eine kleine „Starthilfe“ benötigen. Es gibt PC-Training, Einzelgespräche, zum Teil können sogar Abschlüsse nachgeholt werden. Auch ein Praktikum auf der Karlshöhe direkt ist nicht unüblich.

Über diese Maßnahme kam Irmgard Törner an eine neue Arbeitsstelle in Ludwigsburg, wo sie einige Jahre arbeitete. „Ich war dort aber überhaupt nicht zufrieden und habe mich gar nicht wohlgefühlt“, erzählt sie. Dabei erinnerte sie sich an ihr Praktikum auf der Karlshöhe. „Ich habe dabei sehr viele herzliche Menschen kennengelernt, auch menschlich fühle ich mir hier verstanden und anerkannt.“ Sie bewarb sich also auf eine Stelle in der dortigen Kantine im Bereich Verkauf – und wurde angestellt. Fast zehn Jahren ist das nun schon her.

Von dieser Anstellung hat Irmgard Törner weit mehr mitgenommen als nur das monatliche Gehalt auf ihrem Konto, wie sie freudig erzählt. „Jeder Mensch braucht eine Arbeit, die Sinn macht und bei der er sich wohlfühlt“, ist sie überzeugt. Auf der Karlshöhe habe sie das gefunden. Und nicht nur das: „Das innere Zittern, das ich nicht kontrollieren konnte und das auch geblieben ist, selbst als es meiner Tochter schon besser ging, das ist hier endlich weggegangen.“

150 Jahre Karlshöhe

Die Anfänge
Die Ursprünge der Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg gehen auf das Jahr 1876 zurück. Damals wurde dort ein Kinderheim gegründet, bei dem die Kinder in familienähnlichen Gruppen lebten und Betreuung und Bildung erhielten. Parallel wurden auf der Karlshöhe junge Männer in sozialer Arbeit ausgebildet, 1879 kam der Bereich der Pflege hinzu. In den 1950er Jahren gründete die Karlshöhe ein Ausbildungszentrum für körperbehinderte junge Menschen – ein Schwerpunkt, der bis heute Bestand hat.

So ging es weiter
Im Laufe der Jahre kamen weitere Bereiche hinzu, dazu gehört die Wohnungsnotfallhilfe, Wohnangebote für Menschen mit geistiger Behinderung, Angebote in der Kinder- und Jugendhilfe, in Sachen Ausbildung und beruflicher Integration, ein Pflegeheim sowie ein ambulanter Pflegedienst. Außerdem bietet die Karlshöhe Hilfen für Menschen mit psychischen und sozialen Schwierigkeiten an, darunter Wohnangebote und therapeutische Werkstätten.