Dax-Chart an der Frankfurter Börse Foto: dpa/Arne Dedert

Die Allzeithochs im Dax sind kein Ausdruck deutscher Wirtschaftsstärke. An der Struktur- und Standortkrise ändern sie nichts, schreibt Finanzreporter Hannes Breustedt.

Während der Dax von Rekord zu Rekord eilt, schwächelt die deutsche Konjunktur vor sich hin. Wie passt das zusammen? Der deutsche Leitindex knackte erst im Dezember die Marke von 17 000 Punkten, nun stieg er zeitweise schon über 18 000 Zähler – diese Bonanza überrascht selbst die größten Optimisten. Ein Hoffnungszeichen für die gebeutelte deutsche Wirtschaft muss das aber nicht sein.

 

An der Börse wird bekanntlich die Zukunft gehandelt, es geht um die Erwartungen. Wissen die Aktionäre etwas, was der Rest der Wirtschaft nicht weiß? Sind die Aussichten für die deutsche Konjunktur viel besser als die Lage? Ist die Dax-Rallye der Vorbote des ersehnten Aufschwungs? Schön wär’s, aber die Realität sieht trister aus.

Hoffnung auf billigeres Notenbankgeld treibt die Rallye an

Angefacht wird die Börsenparty nicht von Konjunkturoptimismus, sondern von Trendthemen wie dem Hype um Künstliche Intelligenz (KI) oder Kryptoanlagen. Trotz aller Krisen, Konflikte und Kriege ist die Risikofreude der Anleger hoch. Dahinter steht aber in erster Linie die Hoffnung auf niedrigere Leitzinsen – billigeres Geld der Notenbanken, das die Liquidität an den Finanzmärkten erhöht.

Obwohl Zeitpunkt und Ausmaß dieser Leitzinssenkungen keineswegs klar sind – in den USA stieg die Inflation zuletzt wieder – drehen die Märkte immer weiter auf. Ob Dax, US-Aktien, Gold oder Bitcoin – kaum ein Handelstag vergeht derzeit ohne neue Allzeithochs. Parallelen zum Dotcom-Crash zur Jahrtausendwende sehen die meisten Analysten zwar nicht, doch die Skepsis steigt. Im Sommerhalbjahr sei an den Börsen mit Gewinnmitnahmen und Kursrücksetzern zu rechnen, warnt etwa die LBBW.

Deutsche Konjunktur spielt für Großkonzerne untergeordnete Rolle

Dass die Euphorie der Anleger in so starkem Kontrast zum trüben wirtschaftlichen Ausblick in Deutschland steht, hat indes gute Gründe. Die Wahrheit ist nämlich, dass die Konjunktur in Deutschland für die Gewinnerwartungen vieler der hiesigen Unternehmen gar keine entscheidende Rolle spielt. Großkonzerne wie SAP, Siemens oder Mercedes-Benz sind Global Player, sie erzielen das Gros ihrer Erlöse im Ausland. Ausschlaggebend für den Dax sind vor allem internationale Märkte wie die USA oder China.

Insofern steht das Kursfeuerwerk auch nicht im Widerspruch zur Struktur- und Standortkrise hierzulande. Mitunter wird sogar umgekehrt ein Schuh draus. So kann es den Gewinnerwartungen und somit den Aktienkursen deutscher Unternehmen helfen, wenn sie die Produktion in Länder verlagern, wo die Energie günstiger, die Bürokratiebelastung geringer, die Digitalisierung fortgeschrittener und der Arbeitsmarkt offener ist.

Dax ist im internationalen Vergleich ein Leichtgewicht

Tatsächlich ist der Dax selbst ein Sinnbild für den Zwergenstatus, den der Finanzplatz Deutschland im internationalen Vergleich hat. In der globalen Betrachtung fällt der Leitindex kaum ins Gewicht. Laut Fondsmanager Bert Flossbach von der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch entspricht die Marktkapitalisierung der Dax-Mitgliedsunternehmen gerade einmal zwei Prozent des MSCI-World-Aktienindex. „Ich wundere mich, dass es überhaupt noch Fonds gibt, die nur auf den Dax setzen“, sagte der Finanzprofi jüngst.

Auch die Antwort auf die Frage, welche Marktteilnehmer eigentlich besonders vom Dax-Höhenflug profitieren, ist aus deutscher Sicht ernüchternd. Laut einer Analyse des Beratungsunternehmens EY gehört weniger als ein Drittel der Aktien im Index deutschen Anlegern. „Für die deutschen Topkonzerne werden ausländische Märkte immer wichtiger, das spiegelt sich auch in der Zusammensetzung ihrer Investoren wider“, bringt EY-Experte Henrik Ahlers die Entwicklung auf den Punkt.