Taucher in der Faulturmbrühe: David Matamu kommt aus 15 Meter Tiefe. Foto:  

Ein Job für echte Abenteurer: Spezialtaucher wie David Matamu sinken in die Tiefen der Kloake, um Kläranlagen zu reinigen.

Waldachtal - In Waldachtal gärt es. 1,2 Millionen Liter körnig braunschwarze Masse ruht still wie ein Bergsee im Faulturm der örtlichen Kläranlage. Doch im Innern arbeiten die Bakterien – und nicht nur sie.

 

Ein orangefarbener Punkt im Fäkalienbrei. Er wird größer, nimmt Gestalt an. Ein Helm kommt zum Vorschein. Dann ein ganzer Mensch, der langsam aus dem Moder gehievt wird. Die Kollegen oben spendieren ihm gleich eine Wasserdusche, spritzen das Visier frei. Das hat er unten ohnehin nicht gebraucht. Wer 15 Meter tief in der Scheiße wühlt, sieht gar nichts – und muss vertrauen, dass ihn die Kameraden da auch wieder rausholen. Sie setzen die Taucherfigur wieder auf ebenen Boden, schälen sie frei, helfen ihr aus der harten Gummihaut, schrauben den Helm ab: David Matamu lacht einen an.

In der Schlacke sind farbige Schläuche Matamus Nabelschnüre zur Außenwelt: Einer versorgt ihn mit Luft, ein anderer ist angeschlossen für den Fall, dass es mit dem ersten Probleme gibt. In einem läuft die Telefonverbindung. Der vierte dient, um den Leib gewickelt, als Wasserkühlung. Gerade hat die Klärbrühe 33 Grad. „Eigentlich ziemlich cool“, sagt David Matamu. Er hing schon im Biogasreaktor mit 50 Grad. Da schwitzt man wirklich.

Eine Stunde war er jetzt unten. Beim Hochziehen musste er für den Druckausgleich noch drei Minuten auf zwölf Meter rumhängen. Dann erst konnte er die letzten drei Meter nehmen. Wer zu schnell auftaucht, riskiert Lähmungen und Lungenversagen. Taucher an Ölplattformen oder Offshore-Windparks arbeiten stundenlang in 50 Meter Tiefe und leben danach eine Woche in einer Druckkammer – was sind da schon drei Minuten? Oder Pipeline-Reparaturen auf hoher See: Drei Wochen 100 Meter tief in Unterwasserwerkstätten. Teils wird dort der Stickstoffanteil im Atemgas durch Helium ersetzt. Dann sprechen da unten lauter Mickymäuse. Bei solchen Extremeinsätzen kommen die Spezialtaucher schnell auf einen Monatslohn von 10 000 Euro.

100 Tonnen Brennstoff

Dagegen ist der Faulturm im Schwarzwalddorf eine Dreckspfütze. Aber auch er hat Respekt verdient. Ausgelegt für 19 000 Einwohner der sieben Waldachtaler Teilgemeinden, dem benachbarten Pfalzgrafenweiler, Durweiler und Herzogsweiler sowie für ansässige Großbetriebe wie den Cremetortenhersteller Pfalzgraf.

1974 wurde die Kläranlage gebaut, 1996 umfassend saniert. Seitdem fault es in dem Turm vor sich hin. Beim Eintauchen umschließt einen noch die weiche Güllesuppe. Doch unten an den Trichterwänden hat sich im vergangenen Vierteljahrhundert eine Art Gestein aus Exkrementen gebildet. Und das soll jetzt weg. Weil der Schiet so fest ist, muss ihn David Matamu zunächst mit einem Hochdruckstrahler lockern, dann erst kann er den Saugschlauch anlegen. Wie ein Blinder prüft er immer wieder mit der Hand: Wo spüre ich den nackten Beton? Wo ist also schon alles frei? Wo muss ich noch ran?

Die sechsköpfige Tauchercrew der Firma Dauth aus dem unterfränkischen Eschau reiste im Konvoi an, alles vollgestopft mit Geräten. Ein Portalkran ist dabei. Von einem Technikwagen wird Atemluft zum Taucher hochgepumpt. Der alte Hartschlamm landet in einem Saugwagen, dann zum Entwässern in einer Zentrifuge, die trockene Faul-Pellets ausspuckt. 16 volle Container werden es am Ende sein. Mehr als hundert Tonnen Brennstoff für das Zementwerk in Dotternhausen.

Jeder der vier Taucher geht einmal pro Tag für eine Stunde runter. Eine Woche war eigentlich angesetzt, aber sie werden wohl noch ein paar Tage dranhängen müssen, da ist viel mehr drin als gedacht. Den Namen des Hotels haben sie sich nicht gemerkt. Nicht mal an den Ort, wo sie übernachten, können sie sich erinnern. Lützenhardt? Vielleicht. Tumlingen? Halt irgendwo hier im ländlichen Nordschwarzwald, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Danach geht es weiter nach Hof: drei Wochen Tauchaktion in einer Papierfabrik. Vielleicht ist David Matamu wieder dabei. Er ist selbstständig und wird je nach Bedarf gebucht.

Diamanten im Meeresboden

Matamu, 33, kommt aus Rundu, 70 000 Einwohner groß und das Wirtschaftszentrum der Region Kavango im Nordosten Namibias. Schon als kleines Kind habe er immer das Wasser gesucht, erzählt er. „Was willst du denn jetzt machen?“, fragte ihn sein Vater nach dem Schulabschluss. „Tauchen“, sagte David. Der Vater zahlte ihm die Ausbildung in Südafrika.

Für Taucher gibt es viel Arbeit in Namibia. Zum Beispiel als Diamantensucher. Drei Tage fuhren sie bis zu den Schürfplätzen, wo Matamu den Meeresboden aufkratzte und dann mit dem Unterwassersauger drüber ging. Oben siebten sie dann die Diamanten raus. „Früher musste man sich in Namibia nur bücken, und schon hatte man einen Diamanten in der Hand“, erzählt David Matamu. Heute sei das auch nicht mehr so.

Er hat gesunkene Tanker hochgeholt. Er reparierte Schiffsschrauben von Riesenpötten, neun Meter im Durchmesser. Er kümmerte sich um verstopfte Filter, erneuerte Dichtungen. Im kalten Atlantik vor Namibia gibt es kaum Haie – und deswegen viele Seehunde, die Tauchern das Leben schwer machen. „Ein, zwei Verrückte sind immer dabei, die angreifen und dich beißen“, erzählt Matamu. Durch den Taucheranzug. In den Arm, in den Nacken. Danach bekam er jedes Mal eine Tollwutspritze verpasst. Einmal fiel auf einem Schiff oben der Strom aus – und er bekam unten keine Luft mehr. „Als Taucher muss man seine Panik beherrschen“, sagt Matamu. „Aber das ist leicht gesagt.“

Fertig für die Fäkal-Mission

Der nächste Taucher macht sich bereit: Zwei-Kilogramm-Gewichte an jeden Fuß, eine Zehn-Kilo-Bleiweste für einen guten Stand. Es folgt eine lange Prozedur mit Gürteln, Schläuchen, Karabinerhaken. Bis alles an seinem Platz ist. Bis der junge Mann aussieht wie ein Astronaut. Fertig für die Fäkal-Mission. Gewillt, hinunter zu tauchen in den „finstern Schoß“, um es mit Schillers Ballade vom Taucher auszudrücken. „Und geheimnisvoll über dem kühnen Schwimmer schließt sich der Rachen, er zeigt sich nimmer.“

Matamu lernte in Namibia seine spätere Frau kennen, sie machte ein Praktikum im Kinderheim. Nach ein paar Jahren Fernbeziehung zog er 2012 zu ihr an den Bodensee und tauchte dort weiter. Es sei nicht einfach gewesen, bis alle Formalitäten durch waren, sagt er, die Anerkennung der Ausbildung, die erforderlichen Zusatzqualifikationen. Matamu war erst Taucher und wurde dann zum Handwerker. Bei vielen in der Branche ist es umgekehrt.

Wenn er nicht Schlacken absaugt, saniert Matamu Dämme und Kanäle, hantiert mit Brennschneidern an Spundwänden, taucht in Talsperren, Baugruben, Häfen, sucht das Wandlitzer Strandbad oder den Spreeschlamm nach Weltkriegsmunition ab. Im Winter gefriert manchmal die Luft, und das Atem-Eis setzt sich wie ein Propfen in den Schlauch. Kein gutes Gefühl für den, der dranhängt.

Der Wassermann Matamu ist auch erdverbunden: in der Konstanzer Rugby-Mannschaft oder als Langstreckenläufer beim SV Oberteuringen. „In der Freizeit will ich nicht so gern tauchen“, sagt er. Zumindest nicht mit Geräten. Lieber frei sein und leicht beim Apnoetauchen. Vier Minuten schafft er, ohne Luft zu holen. Beim Speerfischen. Oder beim Hummer-Tauchen, wenn er in Namibia ist.

Eingedickter Frischschlamm

Am schönsten war es in Südafrika. Der Indische Ozean vor Durban. Das Wasser warm und blau wie im Bilderbuch, glasklar. Korallen. Fische in Farben, die der Wassergott nur rausholt, wenn er in Angeberlaune ist und dick auftragen will. Dann plötzlich ein Blauwal über ihm wie ein riesiger Schatten. Sein mächtiger Flossenschlag ganz behäbig. So schön.

Die Waldachtaler Kotschlacke ist auch schön warm. Hier im Faulturm landen die Fäkalien und Fette. Das Zeug stinkt sehr schnell sehr stark und entwickelt besonders gut Gas. Was dann in den einzelnen Klärschritten anfällt, kommt als eingedickter Frischschlamm ebenfalls in den Turm. Dort hat der Jauchesumpf drei Wochen Zeit zum Ausfaulen. Dabei zersetzen sich die organischen Stoffe zu Gas, größtenteils Methan, das die betriebseigenen Blockheizkraftwerke antreibt. „Da steckt viel Energie drin“, sagt Thomas Rauser, 41 und seit neun Jahren Nachfolger seines Schwiegervaters als Leiter der Kläranlage.

Noch haben die Ablagerungen keine technischen Störungen verursacht. Diese will Rauser durch die Säuberungsaktion ja gerade verhindern. Und jetzt zeigt sich, wie dringlich es war. Ist der Zulauf erst mal dicht, so wie neulich in einer Nachbargemeinde, wird es richtig teuer.

„Ich könnte auch komplett leerräumen und den ganzen Schmodder rauspressen lassen, dann wär der Turm noch sauberer“, sagt Rauser. Aber das würde dauern, und danach müsste man von null anfangen, neue Schlammbakterien einimpfen. Bis zu sechs Wochen gingen da ins Land. Da zahlt er jetzt lieber die 50 000 Euro für die Reinigung, schraubt, wenn David Matamu und seine Kollegen abziehen, den Deckel auf den Turm und kann gleich loslegen mit der Gasproduktion.

In zehn Jahren will Rauser das nächste Mal reinigen lassen. „Vielleicht sogar früher. Denn man merkt es ja, wenn alles wieder frei und das ganze Faulraumvolumen nutzbar ist.“ Der Schlamm kann dann auch besser ausfaulen. „Das ist Energie, die ich zusätzlich habe“, sagt Rauser. Und das ist eine feine Sache.

Sehen Sie im Video eine Reportage über Industrietaucher am Stuttgarter Hauptbahnhof: