Riesige Videoleinwand, bombastische Licht-Show: David Gilmour bei Jazz Open auf dem Schlossplatz Foto: Reiner Pfisterer

Ganz unverhofft ist er nach Stuttgart gekommen. Beim Festival Jazz Open auf dem Schlossplatz hat Gitarrist und Sänger David Gilmour noch einmal gezeigt, was er kann. Er spielte Solowerke, zelebrierte Stadionrock und hatte die stärksten Momente, wenn er die alten Pink Floyd wieder auferstehen ließ.

Stuttgart - Eigentlich gibt es David Gilmour (70) dreimal. Alle drei teilen am Donnerstag vor restlos ausverkaufter Kulisse auf dem Schlossplatz ihre durchaus unterschiedlichen Auffassungen von Musik mit einem Publikum, das sein Glück kaum fassen kann. Lange war er nicht mehr auf Tournee, und schon gar nicht mit dem ganz großen Besteck, das er nun ausgerechnet in Stuttgart beim Festival Jazz Open aufgebaut hat.

Von Beginn an tut Gilmour, was er am besten kann, was den Abend als verbindende Klammer zusammenhalten wird: Er spielt Gitarre mit diesem unnachahmlich singenden Ton, dieser präzisen Phrasierung, diesem Gespür für Verzögerungen. Generationen von Gitarristen hat er damit inspiriert.

Auf das verträumte „5 a.m.“ vom aktuellen Album „Rattle that Lock“ folgen der ­Titelsong und die dunkle Rätselballade „Faces of Stone“, betextet von Gilmours Frau Polly Samson. Mehr denn je hat er sich mit dieser Platte als Solokünstler von Pink Floyd emanzipiert, einen eigenen Sound gefunden, eine eigene Stimme.

Es knirscht zwischen den Karrierephasen

Dann geht es mit dem Repertoire munter durcheinander. Flächig tönt „What do you want from me“ über den Platz, Mainstreamrock vom Album „The Divison Bell“ (1994), als Pink Floyd nicht mehr ganz waren und Autos nach der Band benannt wurden. „High Hopes“ folgt später, und Drummer Steve Di­Stanislao schlägt mit einem Hämmerchen eine reale Glocke an. Er bietet eine solide Vorstellung bei schwierigen Anforderungen: Niemand kann so unnachahmlich den Beat verschleppen wie der Pink-Floyd-Drummer Nick Mason.

Vom großen Erfolgsalbum „The Dark Side of the Moon“ (1973) gibt es zwei Stücke. Bei „The Great Gig in the Sky“ lässt Gilmour die Lap-Steel-Gitarre hawaiianisch singen, die er auf unkonventionelle Art in den Rockmusik eingeführt hat. Clare Torry hat einst ihr leidenschaftliches Jauchzen und Klagen darüber gelegt, das Gilmours Zögling Sam Brown viele Male bravourös live interpretierte. Hier nun versucht sich ein dreiköpfiges Background-Ensemble, dem im heißen Bemühen ein wenig die Sensibilität abhanden kommt. Das Siebenvierteltakt-Phänomen „Money“, trotz jahrzehntelanger Radio-Einsätze erstaunlich wenig abgenützt, entfaltet live ordentlich Dampf. Nur Gilmours Bühnenpartner Chester Kamen kommt beim Versuch eines Gitarrenduells nicht recht in Tritt.

Das Publikum lässt sich von solchen Details den Spaß ebensowenig verderben wie vom dramaturgisch unglücklichen Programmablauf: Es knirscht zwischen Stücken aus unterschiedlichen Karrierephasen, besonders drastisch bei zwei Einsprengseln aus Gilmours Schmuserockalbum „On an Island“ (2006). Sein strahlendes Gitarrenspiel und seine raue gewordene Männerstimme bleiben oft die einzigen Verbindungsglieder.

Über allem schweben diese unverwechselbaren Gitarren, diese wohlbekannte Stimme.

Hätte er die Blöcke klar getrennt und chronologisch rückwärts erzählt, wäre am Ende ein furioses Finale mit den großen Songs ­gestanden, auf die hier die meisten warten und die für die stärksten Momente des Abends sorgen. Bei „Wish you were here“ (1975) werden die 5700 Floydianer auf dem Schlossplatz zum vielstimmigen Begleitchor, geschult an unzähligen Lagerfeuern.

Exemplarisch zeigt sich in diesem Stück, wie fruchtbar die Kollision des Schöngeistes Gilmour mit seinem kongenialen Kompositionspartner war, dem egomanischen Paranoiker Roger Waters, der während der Produktion von „The Wall“ (1980) alles an sich reißen wollte und letztlich selbst aus der Band fiel. Im Selbstgespräch diskutiert da einer seine Persönlichkeitsspaltung (Text: Waters), vorgetragen mit sanft verrauchtem Timbre zu betörenden Harmonien (Gilmour).

Beim progressiven Groove-Monster „One of these Days“ (1971) gelingt es Guy Pratt, den mächtigen Bass-Antrieb des Stücks in die Gegenwart zu holen. Bei „Shine on you crazy Diamond“, Reminiszenz an den verrückt ­gewordenen Britpop-Psychedeliker Syd Barrett, für den Gilmour 1968 an Gitarre und Gesang einsprang, sieht Keyboarder Chuck Leavell nicht mehr nur aus wie ein Wiedergänger des 2008 verstorbenen Rick Wright, sondern trifft auch den Ton von dessen analoger Synthesizer-Klangwelt. Über allem schweben stets diese unverwechselbaren Gitarren, diese wohlbekannte, oft gehörte Stimme.

Ein Adelsschlag fürs Festival und für Stuttgart

Pink Floyd sind längst in die Ikonenhaftigkeit transzendiert. Die Sehnsucht von Millionen, wahrscheinlich Milliarden in aller Welt ist ungebrochen, unzählige Coverbands touren durch die Lande, füllen große Hallen. Und so liegt über dem Schlossplatz von Anfang an eine feierliche Erhabenheit – zumindest ein Viertel des Originals noch einmal live aufbieten zu können ist ein Adelsschlag für Festival. Das musste klare Kriterien erfüllen: „Es ging gar nicht so sehr ums Geld“, sagt Festivalleiter Jürgen Schlensog, „David Gilmour hat seine Entscheidung davon abhängig gemacht, wie der Spielort aussieht, ob ihm die Atmosphäre zusagt.“ Das wiederum ist ein Adelsschlag für Stuttgart, eine Stadt, deren ­Bewusstsein für die eigene Anmutung an entscheidenden Schaltstellen nicht immer so ausgeprägt zu sein scheint, wie manche Bürger sich das wünschen würden.

Förmlich bis zur Decke gestreckt hat Jazz Open sich für Gilmour: 19 Meter musste der Bühnenraum hoch sein, damit seine gigantische, kreisrunde Videoleinwand hineinpasst. Die wirkt, als stamme sie direkt aus dem eingelagerten Fundus der gigantischen späten Pink-Floyd-Touren, genau wie die darauf präsentierten Clips, die in bunten Bildern mit der Fantasie spielen, und die bombastische Licht-Show.

Immer wieder erscheinen Gilmours Hände in Großaufnahme, als könnte man sich einfach abschauen, wie er das macht. Unterm Laser-Strahlenfächer, mit dem er schon 1989 vor dem Berliner Reichstag messianische ­Assoziationen weckte, intoniert er „Time“ (1973) inklusive des stilprägenden Solos – das freilich immer hinter jenem zurückstehen wird, mit dem die Albtraum-Ballade „Comfortably Numb“ (1980) ausklingt, eine der letzten kongenialen Kollaborationen von Gilmour und Waters. Sie beschließt einen denkwürdigen Konzertabend. Minutenlang feiert das Publikum den Gitarrengott und den Umstand, ihn noch einmal live erlebt zu haben. Ganz unverhofft.

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