Auch Stuttgart bleibt von den Wassermassen nicht verschont: In der Überkinger Straße in Bad Cannstatt läuft eine Tiefgarage voll. Foto: Fotoagentur Stuttgart

Das Hochwasser in Baden-Württemberg hält weiterhin die Rettungskräfte in Atem. In der Region Stuttgart ist vor allem Bad Überkingen im Kreis Göppingen betroffen. In der Nacht zum Sonntag ging dem Regentief "Frederik" aber die Puste aus.

Stuttgart -  Dauerregen zum Sommeranfang: Das Hochwasser in Baden-Württemberg hält weiterhin die Rettungskräfte in Atem. In der Region Stuttgart ist vor allem Bad Überkingen im Kreis Göppingen betroffen. In der Nacht zum Sonntag ging dem Regentief "Frederik" aber die Puste aus: Die Wetterwarnung für Baden-Württemberg wurde bereits aufgehoben.

In Stuttgart war die Feuerwehr war vor allem in Bad Cannstatt im Einsatz: Zahlreiche Keller, Wohn- und Geschäftsräume liefen voll, auch Bäume stürzten um. Insgesamt mussten die Stuttgarter Floriansjünger 50 Mal ausrücken. In der Überkinger Straße in Bad Cannstatt lief eine Tiefgarage voll. Die Feuerwehr musste sie leerpumpen.

Fils tritt über die Ufer

Allein im Kreis Göppingen waren in der Nacht zum Samstag fast 900 Feuerwehrleute und Rettungskräfte im Einsatz.

Bereits in der Nacht zum Samstag erreichte die Fils die Vier-Meter-Marke und trat an mehreren Stellen über die Ufer. Die Polizei musste überflutete Straßen sperren, die Feuerwehr pumpte Keller leer. In Bad Überkingen flossen die Wassermassen in die Stadt, zahlreiche Gebäude mussten geräumt werden - auch eine betreute Wohnanlage war betroffen. Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks mussten Tiefgaragen und Keller leer pumpen. Mit Sandsäcken wurde der Überkinger Filsdamm provisorisch geschichert.

In Wiesensteig überschwemmte die Fils den kompletten Westteil des Ortes.

Aufatmen in Pleidelsheim

Entwarnung konnte die Polizei für den Kreis Ludwigsburg geben: In Pleidelsheim sinken die Pegel wieder. Die Feuerwehr hatte einen provisorischen Damm errichtet, um den Neckarkanal zu entlasten. Da dadurch der Druck auf den Altneckar stieg, wurde das angrenzende Wiesental zwischen Freiberg am Neckar und Ingersheim überschwemmt.

Nachdem in Vaihingen/Enz am Samstagabend Wasser in den Keller eines Wohngebäudes in der Schafgasse eingedrungen war und sich mit ausgetretenem Heizöl vermischt hatte, mussten die fünf Bewohner des Hauses evakuiert werden. Ein Zirkuszelt brach durch den starken Regen zusammen.

Metter und Enz traten in Bietigheim-Bissingen über ihre Ufer und führten zu kleineren Überschwemmungen. An einer Baustelle an der Enzstraße kam es zu einem Erdrutsch. Mehrere Landes und Kreisstraßen sind immer noch gesperrt.

Auch im Kreis Böblingen waren die Einsatzkräfte vollauf beschäftigt: Keller liefen voll. In Herrenberg-Mönchberg geriet ein Hang ins Rutschen, eine vorbeiführende Straße musste deshalb gesperrt werden. Bei Ehningen mussten Straßen gesperrt werden. An der Anschlussstelle Leonberg-Ost drohte ein Rückhaltebecken überzulaufen. Den Sachschaden schätzt die Polizei auf mehrere hunderttausend Euro.

Vermisste im Landkreis Reutlingen

Die Polizei im Kreis Reutlingen befürchtet, dass zwei Männer in den Fluten zu Tode gekommen sind. Ein 46 Jahre alter Bauarbeiter aus Bad Urach wird seit Freitag vermisst. Die Polizei nimmt an, dass der Mann in einen Nebenfluss der Erms stürzte, die zum Zeitpunkt Hochwasser trug. Einsatzkräfte der Feuerwehr hätten die ganze Nacht erfolglos nach dem Vermissten gesucht. Ein Rettungshubschrauber konnte bei starkem Regen nicht eingesetzt werden. In Reutlingen war am Samstag ein ebenfalls 46 Jahre alter Spaziergänger aus ungeklärten Gründen in die starke Strömung der Echaz gesprungen. Rettungstaucher und Feuerwehrleute hätten vergeblich nach dem Mann gesucht, teilte die Feuerwehr mit.

Rettungskräfte brachten in Veringenstadt (Landkreis Sigmaringen) sechs Menschen vor dem Hochwasser in Sicherheit. Wie die Polizei Sigmaringen mitteilte, war die Lauchert, die zum Flusssystem der Donau gehört, über die Ufer getreten. Im gefährdeten Gebiet sind 20 Keller überflutet worden, die Anwohner versuchen ihre Häuser mit Sandsäcken zu schützen.

Dramatische Szenen in Steinmauern bei Rastatt: Eine 29-Jährige war mit ihrem voll besetzten Kleinwagen trotz Straßensperre ins Hochwasser von Murg und Rhein gefahren, wie die Polizei berichtete. Das Auto wurde von der Fahrbahn gespült, verfing sich aber zum Glück in Bäumen. Die vier Insassen retteten sich aufs Dach. Beim Rettungsversuch kenterte ein Boot der Feuerwehr, alle zehn beteiligten Personen fielen ins Wasser, konnten sich aber am Boot oder an Bäumen festhalten und gerettet werden.

Bei Heidelberg war der Neckar in der Nacht über die Ufer getreten. Wie die Polizei mitteilte, wurde die B37 in Höhe der Alten Brücke wegen Hochwassers gesperrt. Die Altstadt sei aber nicht gefährdet. Auch in Tübingen trat der Neckar über die Ufer.

In Sipplingen am Bodensee brachte der Dauerregen am Sonntag einen Hang an der Bundesstraße B31 in Bewegung. Wegen der Gefahr eines Erdrutsches mussten die Bewohner eines Hauses in Sicherheit gebracht werden, die B 31 wurde in Bereich gesperrt.

Einen besonderen Rettungsfall erlebte die Feuerwehr Remchingen (Enzkreis) bei ihrem 16-stündigen Einsatz: Sie rettete insgesamt 66 Ziegen, die auf der Grünfläche an einem Hochwasserdamm an der Pfinz plötzlich von einem reißenden Strom umzingelt standen. Mit Futter lockte ein Bauer die Ziegen zu den Rettungsbooten

Rhein- und Neckarschifffahrt eingestellt

Auf weiten Strecken von Rhein, Main und Neckar war die Schifffahrt wegen des Hochwassers schon am Samstag gestoppt worden.

Helfer der DLRG retteten am Samstagabend bei Sasbach am Kaiserstuhl (Landkreis Emmendingen) einen Hausbootbesitzer. Das Boot auf dem Rhein war an einem Steg in der Nähe des Rheinübergangs festgemacht. Die starke Strömung des Hochwassers und Treibholz drohten es wegzureißen. Da der Steg überflutet war, konnte der 75-jährige Eigentümer laut Polizeiangaben nicht mehr ohne fremde Hilfe an Land kommen. Passanten hatten daraufhin die Feuerwehr und die DLRG alarmiert. Strömungsretter der DLRG schwammen zum Boot und brachten den Mann unversehrt ans Ufer.

Beispielloser Pegelanstieg

Laut Hochwasser Vorhersage-Zentrale (HVZ) gab es an den Nebenflüssen der Donau einen Anstieg der Wasserstände, wie es nur alle 100 Jahre vorkommt. Zahlreiche Straßen wurden überflutet, durch umgestürzte Bäume versperrt oder durch abgerutschte Hänge verschüttet. Mehrere Deiche drohten überspült zu werden. Die Polizei riegelte auch Autobahn-Abschnitte und Bundesstraßen ab.

Im ganzen Südwesten mussten die Einsatzkräfte nach Angaben des Innenministeriums am Wochenende zu mehr als 3000 Einsätzen ausrücken. Gut 6000 Helfer etwa von der Feuerwehr oder vom Technischen Hilfswerk waren landesweit im Einsatz, wie Minister Reinhold Gall (SPD) bilanzierte. Er dankte allen, „die sich qua Amtes oder ehrenamtlich in den Dienst der Bevölkerung gestellt haben“.

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