Mehr als ein Jahr lang ist die Kappelbergstraße aufgrund von Kanalarbeiten für den Verkehr gesperrt. Die Autofahrer suchen sich daher nun andere Wege – unerlaubt.
Wenn Sabrina Graf derzeit mit ihren Kindern das Haus verlässt, spielt die Angst immer mit. Der Grund sind die vielen Fahrzeuge, die im Augenblick die Hangstraße befahren – „teilweise in einem Höllentempo“. Der an manchen Stellen nicht einmal drei Meter breite Weg zwischen den Wohnhäusern und den angrenzenden Weinbergen dient als Ausweichstrecke, dabei ist dieser lediglich für landwirtschaftlichen Verkehr freigegeben. „Die sind einfach nur zu faul, um umzudrehen“, weiß die zweifache Mutter. Mehrfach sei es im Begegnungsverkehr zu gefährlichen Situationen gekommen, ein Kleintranstropter habe auch bereits einen Laternenmasten gestreift. Denn seit gut einer Woche ist die Kappelbergstraße, die Hauptverbindung zwischen dem Ortskern von Untertürkheim und dem Stadtteil Luginsland sowie weiter nach Fellbach aufgrund von Kanalarbeiten gesperrt.
Selbst gegen die Einbahnstraße wird gefahren
Es ist nicht der einzige illegale Weg als Abkürzung nach Fellbach. Vor allem ortsfremde Autofahrer nutzen auch die Fellbacher Straße durchs Wohngebiet, obwohl diese lediglich für Anlieger freigegeben ist. „Der Durchgangsverkehr hat sich vervielfacht“, ärgert sich Anwohner Mahnaz Shahriyari. Von bis zu 50 Autos pro Stunde ist die Rede. Verstärkt wird der Effekt durch die S-Bahn-Sperrung zwischen Fellbach und Stuttgart. „Auch andere Wege durch die Weinberge zwischen Luginsland und Rotenberg werden stärker frequentiert“, ergänzt Helin Haug aus Luginsland. Mancher Autofahrer hat gar keine Skrupel auch entgegen der Fahrtrichtung eine Einbahnstraße zu nutzen.
„Wir werden wieder einmal alleingelassen“, erklärt Jörgen Scheller, der Vorsitzende der Bürgerinitiative „Untertürkheim entschleunigt“. Seine Kritik zielt vor allem auf die mangelhafte Beschilderung ab. Weder im Ortskern noch von Fellbach kommend, werde deutlich darauf hingewiesen, dass die Durchfahrt nicht möglich ist. Das erkläre die vielen Fehlfahrten. Dabei sei bekannt, „dass die Verbindung von Fellbach über Untertürkheim für viele Autofahrer der tägliche Weg zum Arbeitsplatz der großen Unternehmen im Neckartal ist“. Noch schlimmer für Scheller: Zwar sei die Sperrung in Google-Maps ersichtlich, als mögliche Ausweichstrecke werde aber die Fellbacher Straße angegeben. Dabei führt die offizielle Umleitungsstrecke über die Dietbachstraße komplett um den Untertürkheimer Ortskern herum.
Bürgerinitiative kämpft seit Jahren für eine Verkehrsberuhigung
„Das sorgt wieder einmal für eine Mehrbelastung der Anwohner“, ärgert sich der Vorsitzende. Seit Jahren kämpft die Bürgerinitiative für eine Verkehrsberuhigung in Untertürkheim. Der Rückbau der Kappelbergstraße und ein Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde stehen dabei im Mittelpunkt. Für die Mitglieder ist es unbegreiflich, dass nun für insgesamt 7,5 Millionen Euro die Kanäle erneuert würden, aber die Verhältnisse der Hauptverbindung zwischen Untertürkheim und Fellbach nur minimal verbessert werden. „Nicht einmal der Gehweg wird verbreitert“, obwohl für Fußgänger und Radfahrer aufgrund der beengten Verhältnisse stets Gefahr drohe. Auch ein entsprechender Antrag der Grünen im Gemeinderat blieb erfolglos. Nach der Baustelle müssten die Anwohner der Kappelbergstraße wieder unter dem Verkehr leiden, und solange eben die Menschen an den umliegenden Wegen.
Und Andreas Ströbele befürchtet, dass „dies erst der Anfang ist“. Schließlich dauert die Erneuerung des aus den 1920er Jahren stammenden Kanalnetzes und die damit verbundene Sperrung der Kappelbergstraße laut Verwaltung bis März 2027. Im Anschluss sollen die Arbeiten im angrenzenden Wohngebiet fortgesetzt werden. „Die Schleichwege werden sich herumsprechen. Dann wird es noch schlimmer“, ist der Anwohner im Ortskern überzeugt.