Wie viele Menschen in Deutschland sind bereits geimpft? Dazu gibt es unterschiedliche Zahlen. Foto: dpa/Sven Hoppe

Erhebt das Robert-Koch-Institut die richtigen Daten zur Coronapandemie? Derzeit mehren sich die Zweifel. Die Kritik kommt zu einem heiklen Zeitpunkt.

Berlin - Daten bestimmen die Pandemiepolitik. Doch diese Datenbasis und damit das Robert-Koch-Institut (RKI) wird derzeit heftig kritisiert. Wir erklären, wo die Probleme liegen – und was daraus folgt.

 

Problem 1: die Impfquote

Die im „Impfquotenmonitoring“ berichtete Impfquote ist offenbar um bis zu fünf Prozentpunkte höher als bislang bekannt. Diesen bereits im August geäußerten Verdacht bestätigt nun die aktualisierte Covimo-Befragung des RKI. Das Institut nennt eine Reihe möglicher Gründe, darunter lückenhafte Meldungen durch Ärzte. Sie trügen die Schuld: „Das RKI kann nur die Impfdaten veröffentlichen, die ihm übermittelt worden sind“, sagt der RKI-Präsident Lothar Wieler – und bestätigt damit, dass es derzeit kein funktionierendes Meldesystem gibt.

Problem 2: die Impfeffektivität

Coronaimpfungen schützen vor schweren Krankheitsverläufen. Mit Prozentangaben will das RKI die Impfeffektivität präzisieren. Allerdings musste es sich schon zweimal korrigieren. Anfang Juli hatte es den Wert 99 Prozent angegeben – zu schön, um wahr zu sein und schlicht falsch, weil alle Impfdurchbrüche (also trotz Impfung Erkrankte) seit Februar in Relation zur Impfquote vom Juni gesetzt wurden. Mittlerweile werden Impfdurchbrüche der letzten vier Wochen berichtet. Ihr Anteil ist höher, weil es mehr und mehr Geimpfte gibt und diese eben auch erkranken.

Ende September korrigierte sich das RKI ein zweites Mal. Bei jedem zehnten Covid-Patienten ist unklar, ob er geimpft ist. Bislang hatte das RKI alle diese Patienten als Ungeimpfte gezählt und so den Anteil der Impfdurchbrüche verringert. Nun betrachtet das RKI nur noch Patienten mit Angabe zum Impfstatus, das senkt die Impfeffektivität. Allerdings müssen auch so wesentlich mehr Ungeimpfte mit Covid-19 ins Krankenhaus: Bei Jugendlichen beträgt der Anteil 97 Prozent, bei Unter-60-Jährigen sind es 86 Prozent und bei Älteren 63 Prozent.

Auch andere Behörden rechnen problematisch. Unter anderem das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg weist Infektionszahlen für Geimpfte und Ungeimpfte aus. Infizierte mit unbekanntem Impfstatus zählt es als Ungeimpfte. Den Anteil dieser Gruppe weist das Amt nicht aus, nennt auf Nachfrage aber einen Wert von 40 Prozent.

Problem 3: die Hospitalisierungsinzidenz

Mittlerweile sind die ins Krankenhaus eingewiesenen Covid-Patienten je 100 000 Einwohner für die Coronaregeln maßgeblich. Wegen der Berechnungsweise liegt die tagesaktuell ausgewiesene Hospitalisierungsinzidenz jedoch gut 80 Prozent unter dem tatsächlichen Wert. Sollte die vierte Infektionswelle Fahrt aufnehmen, kämen Gegenmaßnahmen womöglich zu spät.

Warum ist das wichtig?

Die Probleme gründen oftmals in methodischen Details. Allerdings hat die Pandemie gezeigt, dass relevante Daten die Basis für einen erfolgreichen Kampf gegen das Virus sind. Datenpannen bestätigten Zweifler, die Einschränkungen für übertrieben halten oder sich nicht impfen lassen wollen.

Wer hat die Probleme aufgedeckt?

Auf die Probleme mit der Hospitalisierungsinzidenz haben SWR, „Spiegel“ und „Zeit“ hingewiesen; Recherchen unserer Zeitung bestätigten den Verdacht. An der Berechnung der Impfeffektivität hatte die „taz“ bereits im Juli Kritik geübt, der letzten Änderung in der Berechnungsmethode gingen „Spiegel“-Anfragen ans RKI voraus. Jeweils waren Datenjournalisten maßgeblich. Sie spezialisieren sich auf die Auswertung von Daten und schauen bei der Methodik genau hin, mit der Behörden Daten erheben. Der Datenjournalismus „konnte selten so relevante Ergebnisse hervorbringen wie in dieser Pandemie“, sagt Christina Elmer. Sie war selbst Datenjournalistin beim „Spiegel“, lehrt und forscht nun an der TU Dortmund. Derzeit entstehe eine neue Art von Journalismus: So wie bereits in den USA entstünden „ganze Teams, die sich ausschließlich mit Algorithmen und ihren Effekten befassen“.

Was sagt das RKI dazu?

Nichts. Auf Anfragen unserer Zeitung verwies eine Sprecherin auf die Pressemitteilung zur Impfquote und Äußerungen des Virologen Christian Drosten. Auf Kritik von Datenjournalisten an der Datenqualität hatte das RKI im September erwidert, man richte sich vor allem an die „Fachöffentlichkeit“, ansonsten seien die Kapazitäten „limitiert“. Auch die Gesundheitsämter sowie die verantwortlichen Minister halten sich zurück.

Hat das Datendesaster Konsequenzen?

„Wieler wackelt“, titelte jüngst die „Bild“. Im Bericht kritisierte die FDP-Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus die Nähe des RKI-Präsidenten zur Bundesregierung sowie eine mangelnde Fehlerkultur. Der Virologe Christian Drosten hält Kritik an der Impfquote für „umsonst“. Der mögliche neue Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) findet Kritik an Lothar Wieler „unangebracht“. Vermutlich wird erst die neue Bundesregierung die Probleme beheben.