Tatort der Entführung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF in Köln (Archivfoto vom 5.September1977). Foto: dpa Foto:  

IRA, Eta, RAF, Rote Brigaden, Hamas – Diese Organisationen stehen für Gewalt, Mord und schwerste Verbrechen. Hier berichten Opfer über ihren entfesselten Terrorismus.

Stuttgart - 33 000 Menschen töteten Terroristen weltweit allein im Jahr 2014 – und damit fast 80 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Dabei ist Terrorismus kein neues Phänomen. Seit dem 19. Jahrhundert versuchen extreme Gruppen, ihre Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Wir haben einen Experten gefragt, was Terrorismus eigentlich ist – und ob wir derzeit einen neuen Höhepunkt erleben. Außerdem lassen wir Menschen aus Ländern zu Wort kommen, die lange Zeit unter brutalen Anschlägen gelitten haben. Eine spanische Politikerin erzählt von ihrem Leben in Angst vor der Eta, und ein deutscher Polizist schildert, wie er von RAF-Terroristen fast umgebracht wurde.

b>Nordirland – IRA

„Eine Freundin verlor ihr Bein“

Mark Neil.Katrin Pribyl „Jedes Mal, wenn ich von Terroranschlägen auf der Welt höre, erinnert mich das an die schrecklichen Dinge, die in meiner Gegend passiert sind. Ich bin auf der protestantischen Seite der Friedensmauer in West-Belfast aufgewachsen, in einer Straße namens Sugarfield Street gleich bei der Shankill Road, dem Zentrum der protestantischen Arbeiterschaft.

Den Terror, der sich durch die Jahrzehnte bis Anfang der 90er Jahre gezogen hat, habe ich deshalb hautnah miterlebt. Alles ist immer ganz schnell passiert, und schon als Kinder haben wir in einer Mischung aus Furcht und Nervosität gelebt. Auf meiner Straße und in der Umgebung sind die Unruhen oft eskaliert, Leute wurden erschossen, unzählige Bombenanschläge verübt, etliche Menschen ermordet. Doch ein Attentat hat sich bei mir besonders eingebrannt, weil es eines der entsetzlichsten und abscheulichsten ist.

Am 23. Oktober 1993 zündete ein IRA-Mitglied in einem lokalen Fischladen eine Bombe. Es geschah an einem Samstagnachmittag zur Hauptgeschäftszeit auf der Shankill Road. Neun unschuldige Menschen – Männer, Frauen und Kinder – wurden einfach so getötet. So viele Unschuldige. In der Folge dieser Todesfälle waren alle in der Gegend am Boden ­zerstört.

Es war für beide Seiten nicht sicher, in andere Viertel zu gehen. Katholiken wagten sich nicht zu den Protestanten. Und Protestanten konnten nicht gefahrlos in katholische Gegenden fahren. Menschen wurden einfach sehr, sehr schnell umgebracht. Die Gefahr war allgegenwärtig. Trotzdem haben die Leute ihr Leben so normal wie möglich weitergelebt. Was sollte man auch sonst tun? Wir entwickelten fast so etwas wie eine Abwehrhaltung. Man wollte dem Terror nicht gestatten, dass er den Alltag beeinflusst. Jeder ging weiter einkaufen oder abends aus, obwohl Bars attackiert oder zerstört wurden.

Für Eltern war es schwer. Sie hielten ihre Kinder besonders aufmerksam im Blick, jeder hatte Angst um seine Liebsten. Ich erinnere mich an einen Vorfall, als ich neun war. Wir spielten auf der Straße, und plötzlich begann eine Schießerei von der anderen Seite, der ­katholischen Seite, über die Mauer. Eine Spielkameradin, sie war zwei Jahre älter als ich, wurde von einem Gewehrgeschoss getroffen und verlor fast ihr Bein. Manche meiner Freunde wurden ermordet.

Aber der Terror wird Teil deines täglichen Lebens, man passt sich an. Ans Wegziehen haben wir nie gedacht. Warum sollten wir? Jeder, den man kennt, die Familie, die Omas und Tanten, alle wohnten hier. Außerdem hatten wir diese defensive Einstellung: Wir lassen uns nicht aus unserer Gegend vertreiben. Wir werden uns nicht als Gefangene in unserem eigenen Zuhause fühlen. So normal wie möglich zu leben wurde schon als Sieg über die Terroristen betrachtet. Auch heute herrschen noch Spannungen. Die Wunden sind zu frisch, die Menschen trauern noch immer über den Verlust ihrer Liebsten und sind nicht bereit zu vergessen und denen zu vergeben, die diese Gräueltaten verübt haben. Bis wir wirklich Frieden finden, wird es wohl noch ein oder zwei Generationen dauern. Kinder und Jugendliche wie meine neunjährige Tochter und mein 16 Jahre alter Sohn fühlen nicht denselben Hass und dieselbe Verbitterung. Sie sind unsere Chance für die Zukunft.“

Seine Kindheit war geprägt von Furcht und Nervosität. Die Wunden seien immer noch frisch, sagt Mark Neil (45), Taxifahrer und Tourguide aus Belfast. So erlebte er den IRA-Terror in Nordirland während der 80er und 90er Jahre.

(Aufgezeichnet von Katrin Pribyl, Belfast)

Info: IRA

Die Irish Republican Army (IRA, Irisch-Republikanische Armee ) entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Laufe ihrer Geschichte gab es zahlreiche Abspaltungen. Ziel war die Unabhängigkeit Nordirlands von Großbritannien. Die IRA sah sich als Schutzorganisation der irischen Katholiken. Bis 2005 starben 1800 Menschen.

Spanien – Eta

„Seit einem Jahr lebe ich endlich ohne Leibwächter“

Blanca Roncall. Foto: PSE

„Als es mit dem Terror so richtig losging, 1989/90, war ich Verwaltungsratsmitglied der sozialistischen Partei im Rathaus von Mondragón, einem kleinen Dorf im Baskenland. Damals richtete die Eta ihre Attentate noch ausschließlich gegen die spanische Polizeieinheit Guardia Civil und nicht gegen die Zivilbevölkerung.

Anfangs verstanden sich die Terroristen als Freiheitskämpfer – die Eta entstand während des Franquismus. Als nationale Freiheitsbewegung genoss sie großen Rückhalt in der baskischen Gesellschaft. Das änderte sich, als die Etarras (so werden die Mitglieder der Eta genannt) ihren Terror ausdehnten. Plötzlich waren auch Politiker, Journalisten und einfache Polizeibeamte Ziel ihrer Attentate und Entführungen. Wir waren alle Opfer – nur sie waren bewaffnet.

Meine drei Töchter und meine Eltern lebten zu jener Zeit in ständiger Angst um mich. Als Politikerin war ich ein mögliches Angriffsziel der Eta. So zu leben war sehr schwer. Das Schlimmste für mich war eigentlich, nie zu wissen, wer gerade neben einem sitzt: ein Kollege oder ein Spitzel der Eta. Und nicht zu wissen, ob jemand den Terroristen vielleicht schon Bescheid gesagt hat, dass ich gleich mit dem Auto losfahre.

Zwölf Jahre lang wurde ich von zwei Leibwächtern dauerhaft begleitet. Eine Schutzmaßnahme. Ich konnte nicht spontan alleine aus dem Haus gehen. Und ich konnte auch keine Regelmäßigkeiten in meinem Alltag zulassen. Wenn ich jeden Abend um neun Uhr heimgekommen wäre, hätten die Etarras mich ganz einfach abschießen können. Es war ein Leben ohne Freiheit.

Mir hat das sehr zugesetzt. Meine Familie und ich lebten sehr zurückgezogen. Wir standen unter fortlaufender Aufsicht – während die Etarras sich frei bewegen konnten. In bestimmte Teile der Stadt konnte man gar nicht mehr gehen. Frei fühlten wir uns nur noch außerhalb des Baskenlandes.

Trotzdem kämpften wir nicht mit Gewalt gegen den Terror an. Zusammen mit anderen demokratischen Politikern organisierte ich Demonstrationen als Geste des Friedens. ­Jedes Mal, wenn wieder ein Mensch entführt oder ermordet wurde, gingen wir stillschweigend durch die Straßen. In Vitoria, San Sebastián und Bilbao, aber auch in anderen baskischen Städten und Dörfern.

Eine blaue Schleife war unser Zeichen. Mit ihr wollten wir den Etarras zeigen, dass wir ihnen das Land nicht überlassen werden. Dass wir nicht zulassen werden, dass sie sich an der Macht etablieren. Mein Mann hat mich bei diesen Aktionen immer unterstützt. Auch er wollte den Kampf gegen den Terrorismus nicht aufgeben. Nach und nach ­haben uns immer mehr Leute begleitet.

Den Untergang der Eta markierte das Attentat vom 11. September 2001 in New York. Danach wandelte sich die öffentliche Wahrnehmung. Im Dezember wurde die Eta in die Liste der terroristischen Organisationen der Europäischen Union aufgenommen. In Belgien und Frankreich, aber auch in anderen Ländern Europas und in Lateinamerika hatten zuvor viele Mitglieder Unterschlupf gefunden. Insgesamt hat der Terror fast 40 Jahre gedauert.

Als die Eta vor vier Jahren das Ende des bewaffneten Kampfs verkündete, war das eine große Erleichterung für alle. Meine Leibwächter habe ich aus Vorsicht noch drei weitere Jahre beschäftigt. Als Person des öffentlichen Lebens bin ich leicht anzugreifen. Man kennt mein Gesicht aus dem Fernsehen. Und viele Etarras wurden noch immer nicht verurteilt. Seit einem Jahr lebe ich nun endlich ganz ohne Leibwächter. Ich genieße vor allem das Gefühl von Freiheit. Spontan vor die Tür gehen zu können, mich ins Auto setzen und irgendwo hinfahren zu können. Das ist wie ein anderes Leben, wie eine andere Welt.“

Als Politikerin musste Blanca Roncal um ihr Leben fürchten. Zwölf Jahre lang wurde sie von Leibwächtern beschützt. Die 65-Jährige, Vizepräsidentin des baskischen Parlaments, über die Bedrohung durch die baskische Terrororganisation Euskadi Ta Askatasuna (Eta).

(Aufgezeichnet von Melanie Maier, Stuttgart/Bilbao)

Info: Eta

Die Euskadi Ta Askatasuna (Eta, Baskenland und Freiheit) wurde 1959 als Widerstandsbewegung gegen die Franco-Diktatur gegründet, sie machte sie Entführungen und Anschlägen von sich reden. Ziel war ein von Spanien unabhängiger, sozialistisch geprägter baskischer Staat. Bis 2011 tötete die Eta mehr als 800 Menschen.

Israel: Radikale Palästinenser-Organisationen

„Der Terror zieht sich durch mein Leben“

Dafna Meller. Foto: Kaufmann

„In meinem Kopf sind die Erinnerungen verschwommen. Ich kann nicht mehr sagen, ob eine bestimmte Terrorattacke während der Ersten Intifada Anfang der neunziger Jahre oder während der Zweiten um die Jahrtausendwende passiert ist. Es ist, als habe sich der Terror seit meiner Kindheit durch mein Leben gezogen. Mal waren es Bombenanschläge, heute sind es Messerattacken.

Ich habe immer versucht, mich möglichst wenig verrückt zu machen, nicht ständig Nachrichten zu lesen und der ganzen Aufregung zu folgen: Wie ist es passiert? Warum? Wer waren die Täter? Während meines Pflichtdienstes in der Armee sind täglich irgendwo Bomben in Bussen explodiert. Eine Schulfreundin hat mich jedes Mal angerufen. ,Hast du schon gehört, wer diesmal gestorben ist?‘ Ich habe später gar nicht mehr abgenommen.

Irgendwo war immer eine Beerdigung. Ich habe sie gemieden und versuche bis heute, mein Leben so normal wie möglich zu leben. Auch zu den Hochzeiten des Terrors bin ich mit dem Bus nach Jerusalem gefahren, in Einkaufszentren und in Cafés.

Man kann dem Terror nie ganz entkommen. In der Armee habe ich eine Kameradin verloren, die bei einem Anschlag auf die Buslinie 18 in Jerusalem ums Leben gekommen ist. Und ein Freund hat wie durch ein Wunder ein Selbstmordattentat in Netanya überlebt. Er kam schwer verletzt ins Krankenhaus, musste danach erst wieder sprechen und laufen lernen. Mittlerweile ist er verheiratet, ich sehe ihn ab und zu mit seinen Kindern in den Straßen von Tel Aviv, wo ich heute wohne.

Wir Israelis haben uns daran gewöhnt, dass wir vor den Toren der Universität und der Einkaufszentren unsere Handtaschen öffnen müssen und gefragt werden, ob wir eine Waffe bei uns tragen. Wir leben mit dem Misstrauen. Wenn im Bus jemand Arabisch spricht, schaut man sich um, hört genau hin. Ich versuche, es nicht zu tun. Ich schäme mich dafür, es ist rassistisch. Aber es passiert ganz automatisch. Als damals ein religiöser jüdischer Attentäter den Premierminister Jitzhak Rabin erschoss, hat man danach alle Kippa-Träger schief angeschaut.

Auch wenn wir versuchen, cool zu sein – der Terror hat uns nicht kaltgelassen. Wir Israelis sind angespannt, immer ein bisschen aggressiv und aufdringlich, ob an der Supermarktkasse oder im Straßenverkehr. Die Charaktereigenschaften eines typischen Israelis sind größtenteils das Ergebnis eines Lebens mit dem Terror.“

Dass ihre Landsleute oft aggressiv und aufdringlich im Alltag sind, führt Dafna Meller auf die ständige Terrorgefahr zurück. Dafna Meller (32), Praktikumskoordinatorin aus Tel Aviv, über ihre Erfahrungen mit dem Terrorismus radikaler Palästinenser-Gruppen.

(Aufgezeichnet von Lissy Kaufmann, Tel Aviv)

Info: Radikale Palästinenser

Der Terrorismus radikaler Palästinensergruppen tritt seit der Staatsgründung Israels 1948 immer wieder auf. Typisch sind Bombenanschläge von Selbstmordattentätern auf Restaurants und Busse. Während der Palästinenser-Aufstände der Ersten (1987–93) und Zweiten Intifada (2000–05) gab es besonders viele Anschläge.

Deutschland – RAF

„Psychologische Betreuung gab es nicht“

Wolfgang Seliger. Foto: Achim Zweygarth

Es ist alles noch da: das Café Hanser, in dem der Polizist Wolfgang Seliger das Pärchen ansprach. Der unbefestigte Parkplatz in der Höristraße, auf dem er sich, mit sieben Schusswunden am Körper, hinter ein Auto robbte. Und die Kastanie, an die gelehnt er sein Leben an sich vorbeiziehen sah.

Um seine Geschichte zu erzählen, wählt Wolfgang Seliger das griechische Restaurant Poseidon. Es liegt in der Singener Innenstadt. 400 Meter Fußweg sind es von hier zum Café Hanser, 280 Meter zur Höristraße. Das Poseidon ist eines von Seligers Lieblingsrestaurants. Die Wirte begrüßen ihn mit Handschlag und Ouzo. Immer wieder kommen sie an den Tisch, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Interessiert gucken sie auf den dicken Ordner, aus dem Fotos und Zeitungsberichte hervorlugen. Sie kennen diesen Teil des Lebens ihres Stammgastes noch nicht.

Seliger ist in der Nähe von Singen aufgewachsen. „Ich wollte hier auch nie weg“, sagt er. Polizist zu werden war sein Kinderwunsch. Der Vater ist Maurer, die Eltern haben eine Landwirtschaft im Nebenerwerb und vier Kinder. Als der Sohn 1974 mit 17 Jahren auf die Polizeischule nach Biberach geht, sitzt ein Esser weniger am Tisch.

Ab 1975 beginnt die Zeit der zweiten Generation der Roten-Armee-Fraktion (RAF). Ihr Ziel ist, die inhaftierten Terroristen der ersten Generation, unter anderem Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin, mit Gewalt freizupressen. Seligers Ausbildungszeit ist davon geprägt. Im April 1975 dringen Terroristen in die deutsche Botschaft in Stockholm ein und nehmen zwölf Geiseln. Zwei Menschen sterben. Die Polizeischüler dürfen nicht nach Hause, müssen in Bereitschaft sein.

Seliger wird während der Ausbildung im Objekt- und Personenschutz in Stuttgart eingesetzt. Menschen wie der baden-württembergische Innenminister Karl Schiess oder der spätere Daimler-Chef Edzard Reuter stehen unter Polizeischutz. „Das war für uns Junge auch ein Riesenerlebnis“, sagt Seliger. Er ist keiner, der die Dinge unnötig dramatisiert.

Im Januar 1977, direkt nach der Ausbildung, fängt der 20-Jährige als Polizeihauptwachtmeister in seiner Heimat Singen an. Während der junge Mann Autos kontrolliert und Ladendiebstähle aufnimmt, kommt der RAF-Terror immer näher. Im April 1977 ­ermordet ein Kommando in Karlsruhe ­Generalbundesanwalt Siegfried Buback. „Danach ging es richtig los. Es herrschten unglaubliche Hektik und Aktionismus. Die Polizei stand unter immensem Fahndungsdruck“, erinnert sich Seliger. Weil einer der Terroristen, Knut Folkerts, aus Singen stammt, gehen in der örtlichen Dienststelle fast täglich ­Hinweise von Menschen ein, die ihn gesehen haben wollen. Alle entpuppen sich als ­Fehlalarm.

Bis zu diesem 3. Mai. Seliger ist am Vormittag in der Dienststelle. Gegen neun Uhr meldet eine Zeugin, sie habe zwei Terroristen im Café Hanser erkannt. Seliger soll das kontrollieren, sein ein Jahr älterer Kollege Uwe Jacobs, der gerade vom Schwimmtraining kommt, begleitet ihn. Die beiden tragen keine Schutzwesten. Jacobs muss sich eine Pistole von einem Kollegen leihen, weil er die eigene nicht dabeihat. Als Wolfgang Seliger diese Episode erzählt, muss er kurz lachen, so unvorstellbar erscheint die unprofessionelle Ausrüstung im Rückblick. Damals war sie Realität. Außerdem glaubte keiner der Polizisten, dass dort im Café Hanser tatsächlich zwei Terroristen säßen. „Wir wollten das noch schnell vor dem Veschper erledigen“, sagt Seliger.

Das Paar im Café macht einen unauffälligen Eindruck. Tatsächlich handelt es sich aber um die RAF-Leute Günter Sonnenberg und Verena Becker. „Sie erzählten uns, dass sie aus Stuttgart sind und ihre Ausweise im Auto hätten“, erzählt Seliger. „Wir schöpften keinen Verdacht. Also haben wir beschlossen, sie zum Auto zu begleiten.“ Eine ganze Weile gehen die Polizisten mit den ­beiden durch die Stadt, passieren sogar das Polizeigebäude.

Auf dem unbefestigten Parkplatz in der Höristraße zeigt der Mann auf ein Auto. Es hat ein Konstanzer Kennzeichen. In dem Moment versteht Seliger, dass das eine Falle ist. Da eröffnen die Terroristen schon das Feuer.

Günter Sonnenberg, der später wegen zweifachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt wird, feuert ein ganzes Magazin auf Seliger ab. Die Kugeln reißen den Mittelfinger der rechten Hand ab, dringen in Hals, Brust, Unterleib und Oberschenkel. Uwe Jacobs, der einen Unterarmdurchschuss hat, rennt den fliehenden Terroristen hinterher, er sieht Seliger nicht, der hinter einem Auto liegt. Ein Passant zieht den Verletzten bis zu der alten Kastanie neben dem Parkplatz, in der daneben liegenden Steuerberaterkanzlei Spitznagel wählen sie den Notruf. „Ich lehnte an dem Baum. Überall Blut. Ich war die ganze Zeit bei Bewusstsein. Vom Hals abwärts brannte alles wie Feuer. Es war tatsächlich so, dass in dem Moment mein ganzes Leben an mir vorbeizog.“

Seliger erzählt das alles mit großer Ruhe. Ans Ende vieler Sätze setzt er ein „Oder“, was in seinem Dialekt kein Fragewort ist, sondern eine Bekräftigung. Seliger ist jemand, der Sicherheit ausstrahlt, vielleicht weil er genauso aussieht, wie man sich einen erfahrenen Polizeibeamten in Zivil ausmalt: in Jeans und schwarzer Lederjacke, mit ­breitem Kreuz und grau meliertem Haar. Er arbeitet heute für die Singener Polizei im Bereich Häusliche Gewalt und Opferschutz. Man kann sich gut vorstellen, dass er den Frauen, die er betreut, ein Gefühl der ­Verlässlichkeit gibt – und dass er mit deren gewalttätigen Männern fertig wird.

Mit seiner Geschichte sei er im Reinen, sagt Seliger. Die Aufarbeitung allerdings begann erst mit mehreren Jahren Verzögerung. Denn erst einmal versucht der junge Polizist, der die Schießerei nur knapp überlebt, möglichst schnell wieder so zu leben wie zuvor. Noch im Krankenhaus geht er am Wochenende zu einer Tanzveranstaltung. Nach wenigen Monaten und einer Kur in einem Thermalbad fängt er wieder zu arbeiten an. Im selben Job, auf demselben Revier. Gesprochen wird da nicht viel. 1978 wird er erneut im Personen- und Objektschutz eingesetzt. Wieder soll er Menschen vor der RAF beschützen. „So etwas wie psychologische Betreuung gab es damals nicht“, sagt Seliger. Er wird Zeuge im Prozess gegen Sonnenberg, der zusammen mit Becker an diesem 3. Mai nach einer Verfolgungsfahrt noch überwältigt wird. „Ihn persönlich treffen wollte ich nie. Aber ich habe keinen Hass auf ihn. Das ging ja nicht persönlich gegen mich.“

Über das Erlebte zu sprechen, beginnt Seliger in den 90er Jahren. Ein Journalist überredet ihn. Es folgen Zeitungsartikel, Talk-Show-Auftritte und wissenschaftliche Buchprojekte. Seliger spricht vor Schulklassen und in Vorträgen. „Ich habe gemerkt, dass mir das guttut.“ Mit den Jahren seien die Erlebnisse auch immer weiter weggerückt. Derzeit allerdings fühlt er sich wieder an die Stimmung von damals erinnert. Wenn der Bayern-München-Fan mal wieder in eines der großen Stadien fährt, dann spürt er, dass sich bei den Menschen wieder die Angst breit macht. So wie damals in diesem Deutschen Herbst 1977.

Im Restaurant Poseidon wollen sie jetzt schließen. „Ich erzähl’ euch diese Geschichte auch mal, versprochen“, sagt Seliger zum Abschied zu seinen griechischen Freunden. Dann geht es im Auto Richtung Höristraße, vorbei an der Kastanie, vorbei an dem unbefestigten Parkplatz, vorbei an der Kanzlei Spitznagel. Seliger fährt ein bisschen langsamer. „Die Zeit ist hier wirklich stehengeblieben“, sagt er. Dann gibt er Gas. Er muss heute noch zur Weihnachtsfeier mit den Kollegen.

Wenige Monate nach dem Terroranschlag kehrte Wolfgang Seliger in seinen Beruf zurück. Bis heute arbeitet er für die Polizei Singen.

(Aufgezeichnet von Lisa Welzhofer, Singen)

Info: RAF

Die Rote-Armee-Fraktion war eine linksextremistische Vereinigung in der BRD. In den 1970er bis 1990er Jahren verübten die Mitglieder 34 Morde an Führungskräften in Politik, Wirtschaft und Verwaltung, aber auch an Zivilisten. 200 Verletzte gab es durch Sprengstoffanschläge. 1998 erklärte die RAF ihre Selbstauflösung.

Italien- Rote Brigaden

 

„Meine Eltern fürchteten ständig um mein Leben“

Maria Teresa Ciniselli. Foto: Migge

1977 bis 1980 wurde Italien von zahlreichen Anschlägen der linksextremistischen Brigate Rosse, der Roten Brigaden, erschüttert. „Die Entführung und Ermordung des christdemokratischen Politikers Aldo Moro in Rom 1978 war für uns alle entsetzlich“, sagt Maria Teresa Ciniselli (63). Die Italienerin war damals Studentin, lebte in einer Gemeinde zwischen Rom und Turin. Ihre aus Turin stammende Familie war wohlhabend, ihre Eltern unter anderem mit der Familie Agnelli, den Eigentümern des Fiat-Konzerns, befreundet. „Wie die Agnellis und andere reiche Familien hatten wir damals Angst vor terroristischen Anschlägen. Deshalb versuchten meine Eltern, mich ins Ausland zu schicken, damit ich mein Studium dort in Sicherheit fortsetzen konnte.“

Die Unternehmer fürchteten, Opfer der Roten Brigaden zu werden. Diese verübten nicht nur spektakuläre Morde. Dutzendfach schossen die Mitglieder Unternehmern und Managern in die Beine. Sie nannten das „gambizzare“. Es ging um gezielte Schüsse in die Beine, nicht um zu töten, sondern um Angst und Schrecken zu verbreiten. Die meisten von Maria Teresa Cinisellis engsten Studienfreunden gingen für die nächsten Jahre tatsächlich ins Ausland. Sie selbst aber blieb in Italien und machte ihren Doktor in Philosophie an der Universität Rom, damals eines der Zentren zum Anwerben junger Leute für die Brigaden.

„Meine Eltern fürchteten ständig um mein Leben“, erinnert sich Ciniselli. „Es gab ja auch oft Entführungen mit Lösegeld­forderungen, durch die sich die Terroristen teilweise finanzierten.“ 1977 lernte die Doktorandin einen Mann kennen, der den Brigaden ideologisch sehr nahe stand. „Wir wurden für kurze Zeit ein Paar, aber dann stritten wir uns permanent über politische Themen“. Als er sich von ihr trennte, schrie er Ciniselli an: „Auch dich und deine Sippe werden wir noch kriegen.“

Je mehr die Brigaden sich radikalisierten, Anschläge verübten und Menschen töten, umso „unerträglicher wurde die Situation an den damals durch und durch politisierten Hochschulen“, sagt die Zeitzeugin. Erst mit dem Beginn der 1980er Jahren habe sich die Situation langsam beruhigt. „Die Brigaden begannen, sich ideologisch und logistisch selbst aufzulösen“, erzählt Ciniselli. Sie hält es für ein Verdienst von Polizei und Militär, dass langsam wieder ein Gefühl der Sicherheit im öffentlichen Leben zurückkehrte. Heute kommt ihr die damalige Zeit „ungemein gespenstisch vor“, so Ciniselli.

Maria Teresa Cinisellis Eltern waren reiche Unternehmer, die Entführungsgefahr durch die Roten Brigaden war hoch. (Aufgezeichnet von Thomas Migge, Rom)

Info: Rote Brigaden

Die Roten Brigaden wurden 1970 als kommunistische Untergrundorganisation in Italien gegründet. Zwischen 1970 und 1988 verübte die Gruppe 73 Mordanschläge. Zudem kam es zu Entführungen und Banküberfällen. 1978 ermordeten die Mitglieder den ehemaligen Ministerpräsidenten Aldo Moro.

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