Im blutigen Nordirland-Konflikt brannten viele Autos – so wie dieses in der Stadt Londonderry. Rund 1800 Menschen starben durch IRA-Täter. Foto: dpa

Wie unterscheidet sich Terrorismus von Terror? Welche Rolle spielen die Massenmedien? Und: Erleben wir derzeit eine neue Qualität der Gewalt? Ein Experte klärt auf

Was ist überhaupt Terrorismus?
Während Terror eine vom Staat ausgehende, willkürliche Gewalt bezeichnet, die Bürger einschüchtern soll, ist Terrorismus nach der Definition des Forschers Peter Waldmann eine Gewaltstrategie kleinerer Gruppen aus dem Untergrund: „Sie wollen Unsicherheit und Schrecken verbreiten, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen.“ Um einen wirklichen Umsturz herbeizuführen, seien diese Gruppe meist zu klein, sagt Stefan Malthaner (40). Er ist Terrorismusforscher und hat in verschiedenen Projekten mit Peter Waldmann zusammengearbeitet. „Es geht darum, eine Überreaktion des Staates zu provozieren, die auch Unschuldige trifft und damit einen Keil zwischen Bürger und Staat treibt“, sagt Malthaner. Ein wichtiges ­Merkmal modernen Terrorismus sei außerdem, dass er auf breite Öffentlichkeit aus sei. „Die Medien spielen deshalb eine wichtige Rolle.“
Seit wann gibt es dieses Phänomen?
Der moderne Terrorismus nach Waldmanns Definition wurde im Zeitalter der modernen Nationalstaaten geboren, also im 19. Jahrhundert. Das Aufkommen der Massenmedien tat ihr übriges, um radikales Gedankengut zu verbreiten. Dynamit und andere hochexplosive Sprengstoffe entstanden ebenfalls in dieser Zeit. Moderne Transportmittel wie die Eisenbahn ermöglichen Terroristen, schnell weite Strecken zurückzulegen. Gleichzeitig ist die technisierte Infrastruktur ein ideales Anschlagsziel. „Die ersten Terroristen heutigen Typus waren die Anarchisten in Russland“, erklärt Malthaner. Es lassen sich vier große Richtungen von Terrorismus unterscheiden: Der ethnisch-nationalistische Terrorismus – dazu zählen zum Beispiel die separatistische Basken-Organisation Eta oder die IRA, die für die Unabhängigkeit Nordirlands von Großbritannien kämpfte. Die Rote-Armee-Fraktion ( RAF), die das kapitalistische System stürzen wollte, ist ein Beispiel für die zweite Gruppe – den sozialrevolutionären Terrorismus. Die dritte Gruppe bilden religiös motivierte Terroristen. Und viertens: Vereinigungen, die zum vigilantistischen Terrorismus zählen, wollen die staatliche Autorität nicht untergraben, sondern stärken. Dazu zählen Bürgerwehren, die Selbstjustiz gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen üben. Ein anderes ist der Rechtsextremismus in Deutschland. „Außerdem gibt es viele Mischformen“, so der Experte. Viele religiöse Gruppierungen verfolgen politische Ziele.
Tritt Terrorismus zu bestimmten Zeiten auf?
Dem Politikwissenschaftler David C. Rapoport zufolge ist Terrorismus abhängig vom weltpolitischen Geschehen und in der Geschichte bislang in vier Wellen aufgetreten: Im 19. Jahrhundert und bis zum Ersten Weltkrieg dominierten die Anarchisten. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen antikoloniale Motive im Mittelpunkt. Die Unabhängigkeits- und Widerstandsbewegungen der Dritten Welt benutzten Terrorismus als Waffe gegen allmächtige Regierungen, vor allem in Lateinamerika und im Nahen Osten. Zwischen 1960 und Mitte der 1980er Jahre war die Zeit marxistisch orientierter Terroristen – unter anderem der Roten Brigaden in Italien. Seit den 1990er Jahren dominiert der religiöse Terrorismus. Rapoport: „Außerdem nehmen viele Forscher an, dass Demokratien Terrorismus begünstigen, weil es dort Rechte wie Versammlungsfreiheit und Pressefreiheit gibt, die es Terroristen leichter machen.“ Allerdings würden auch in autoritär geführten Staaten solche Bewegungen auftreten – wie die für die Unabhängigkeit von Russland kämpfenden Tschetschenen.
Begünstigt das Aufkommen der digitalen Medien den Terrorismus?
Internet und soziale Netzwerke ermöglichen es heutigen Terroristen, schneller, einfacher und über Landesgrenzen hinweg miteinander zu kommunizieren. Außerdem werden die neuen Medien genutzt, um Anhänger zu rekrutieren. Die Propaganda, die in den 1980er Jahren über Audio-Kassetten mit Predigten und gedruckte Pamphlete verbreitet wurde, wird heute über das Netz unters Volk gebracht. „Wir sehen allerdings, dass der meiste Nachwuchs nach wie vor über persönliche Kontakte und das Umfeld geworben wird“, sagt Stefan ­Malthaner, der an der dänischen Universität von Aarhus über terroristische ­Einzeltäter forscht.
Ist der Islamische Staat ( IS) im Irak und in Syrien­ eine terroristische Gruppe?
Dem Islamischen Staat geht es in erster ­Linie darum, Gebiet zu besetzen und Feinde zu vernichten, was Kennzeichen von Guerilla-Gruppen ist. Der IS setzt Terrorismus als eine Art Begleitstrategie ein. „Mit den Anschlägen von Paris eröffnet der IS einen Nebenkriegsschauplatz zum Krieg in Syrien“, erklärt Malthaner. „Manche Forscher deuten das als Zeichen der Schwäche, da der IS in Syrien unter Druck gerät.“
Ist der islamistische Terrorismus in Europa ein ein neues Phänomen?
Die Salafisten-Szene hat sich in Europa vor allem nach den Anschlägen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington herausgebildet. Der Syrien-Krieg wirkte wie ein Startschuss, weil er Salafisten aus Europa mobilisierte, dort zu kämpfen. „Durch die Rückkehrer ergibt sich ein höheres Potenzial für terroristische Anschläge hier“, sagt Malthaner. Die brutale Gewalt, mit der der IS und andere islamistische Gruppierungen vorgehen, sei nicht außergewöhnlich in Bürgerkriegen dieser Art. Eine neue Qualität habe die professionelle Medienkampagne, mit welcher der IS sein Aktivitäten begleite. „Die fast schon ­Musikclip-artige Vermarktung ist neu. Sie fasziniert und begeistert viele potenzielle Anhänger.“
Warum spricht keiner von Terrorismus, wenn in Deutschland ein Asylbewerberheim brennt?
„Es herrscht oft die Vorstellung, dass es sich bei Terrorismus um geplante Anschläge einer Gruppe vor allem gegen Regierungsgebäude handelt“, so Malthaner. Allgemein hält der Forscher die Gefahr von rechts für unterschätzt. Sie sei ebenso hoch wie die von Islamisten. Rechte Gewalttäter könnten Anschläge von islamistischer Seite missbrauchen, um Übergriffe auf Flüchtlingsheime als Vergeltungsschläge darzustellen. „Das könnte sich gegenseitig hochschaukeln.“
Ist der islamistische Terrorismus eine reale Gefahr für die Staaten Europas?
„Er ist ein zu marginales Phänomen, als dass er staatsgefährdend wäre“, sagt Malthaner. Klar sei aber, dass er die Staaten, die er bedrohe, verändere. „In den Zeiten der RAF, in der sogenannten bleiernen Zeit, hat man gesehen, wozu das führen kann: zur Ausgrenzung und Diffamierung politisch Andersdenkender sowie zu verschärften, teilweise übertriebenen Sicherheitsgesetzen. Damals war das eher kontraproduktiv und hat der RAF zusätzliche Sympathisanten beschert. Deshalb müssen wir sensibel sein und genau beobachten, wie sich unser Staat verändert.“
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