Kurz, aber intensiv war der Wahlkampf in Esslingen. Und zumindest nach außen auch fair. Foto: Ines Rudel

Eine Stadt fängt noch einmal an: Der langjährige Oberbürgermeister Jürgen Zieger tritt ab, sein Nachfolger heißt Matthias Klopfer. Auch in den Dezernaten ändert sich einiges.

Esslingen - Es ist für die Stadt Esslingen die Überraschung des Jahres: Der langjährige Oberbürgermeister Jürgen Zieger erklärt im März, er wolle sich im Herbst des Jahres zurückziehen. Daraus entwickelt sich das Ereignis des Jahres: Wahlen! Die finden im Juli statt. Viel Zeit für die Kandidatensuche bleibt also nicht. Nach einem kurzen, teilweise sehr harmonisch geführten Wahlkampf liegt im ersten Wahlgang der Kandidat von Freien Wählern, CDU und FDP vorne: Daniel Töpfer. Weil aber kein Kandidat die absolute Mehrheit erringt, wird noch einmal gewählt. Hier obsiegt Matthias Klopfer, der vornehmlich von der SPD unterstützt wird und im November sein Amt antritt.

 

Wer alles antrat

Klopfer ist der erste Kandidat, der sich in der Stadt vorstellt. Mit seiner Erfahrung als Oberbürgermeister von Schorndorf – mit der er auch offensiv wirbt – gilt er wochenlang als Favorit. Allerdings gerät diese Rolle ins Wanken. So werden dem Kandidaten der Grünen, Vittorio Lazaridis, vor allem aber auch dem rhetorisch begabten Weissacher Bürgermeister Töpfer zunehmend bessere Chancen ausgerechnet. Zudem treten noch die unabhängigen Kandidaten Gebhard Mehrle und als einzige Frau Gabriela Letzing an sowie der Kandidat der Linken, Martin Auerbach. In der zweiten Runde stehen nur noch Töpfer, Klopfer und Letzing zur Wahl.

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Jürgen Zieger stand mehr als 23 Jahre an der Spitze der Stadtverwaltung. „Nach erfüllenden Jahren als Oberbürgermeister dieser Stadt nehme ich mir die Freiheit, diesen Zeitpunkt selbst zu wählen“, betont er, als er seinen Rückzug öffentlich verkündet. Zieger gilt als leicht egozentrisch, was ihm teilweise negativ, mitunter aber auch positiv angerechnet worden war in einer Zeit, in der Politiker immer stärker darauf achten, nichts Falsches zu sagen. Auf jeden Fall prägt er das aktuelle Gesicht Esslingens, denn in seiner Amtszeit wurden viele Entscheidungen getroffen, die die Entwicklung der Stadt vorantrieben. An seiner Seite stand über die gesamte Dauer seiner „Regierung“ Wilfried Wallbrecht, der zufällig am selben Tag wie Zieger anfing und ebenfalls in diesem Jahr sein Amt niederlegte, um sich in den Ruhestand zu verabschieden. Vor allem in den letzten Jahren als Baubürgermeister und Erster Bürgermeister geriet er in die Kritik. Symbolisch für das vermeintliche Versagen, das ihm vorgeworfen wurde, steht die Sanierung der Pliensaubrücke. Hier geht einiges schief, womit Esslingen deutschlandweit in den Spott-Schlagzeilen landete. Doch auch Wallbrecht prägte die Stadtentwicklung der vergangenen Jahrzehnte wie keiner sonst – außer Zieger selbst.

Auch der Baubürgermeister tritt ab

Auf Wallbrecht folgte Hans-Georg Sigel – ein Bürgermeister der Coronazeit wie Klopfer und auch Kultur- und Ordnungsbürgermeister Yalcin Bayraktar. Alle kommen in oder kurz vor der großen Coronakrise ins Amt. Bayraktars Vorgänger war Markus Raab, der ebenfalls eine lange Strecke in Esslingen zurücklegte. Nach 16 Jahren verabschiedete er sich in den Ruhestand. Auch dieser Wechsel steht für eine Zeitenwende: Der eher technokratisch wirkende Bayraktar folgt einem Mann, den nicht wenige als Exzentriker bezeichnen. Viele hatten damit Probleme.

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Damit sind vier der drei führenden Positionen in der Stadt neu besetzt – ausschließlich mit Männern. Dafür tragen in erster Linie die Stadträte die Verantwortung, die die Bürgermeister ins Amt wählen. Beim Oberbürgermeister ist es die Stadtgesellschaft selbst, die wählt. Die einzige Frau im OB-Wahlkampf bekommt allerdings keine Unterstützung von Parteien und steht von Anfang an auf verlorenem Posten. Esslingen bleibt also zumindest in der Verwaltungsführung zu hundert Prozent männlich. Aber die „vier Musketiere“ der Stadtverwaltung stehen dennoch für eine neue Zeit, sowohl was das Alter als auch was den Politikstil betrifft. Selbst Finanzbürgermeister Ingo Rust, der „alte Hase“ in der Riege, inzwischen auch Erster Bürgermeister, ist erst in seinen frühen Vierzigern. Er dient der Stadt seit 2015 und gilt als fachkundig und sachlich.

Das sind die dicksten Bretter für den Oberbürgermeister

Als „dickstes Brett“ bezeichnet der neue Oberbürgermeister Klopfer das Thema Mobilität. Das Thema steht oben auf der Agenda der Klausurtagung im Januar, wo sich Rathausspitze und Gemeinderat auf einen Fahrplan für 2022 einigen wollen. Konkret geht es um den Altstadtring und den Radschnellweg. Über allem schwebt das Thema Klimaschutz, das Esslingen wie alle anderen Städte der Welt betrifft. Hier verspricht Klopfer, dass sich Esslingen „ganz schnell“ dem 1,5-Grad-Ziel zuwenden werde.