Harald Kretschmer liegt die Lok am Herzen. Foto: / Anke Kumbier

Sie ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt: Die alte Dampflok auf dem Marktkauf-Parkplatz im Böblinger Gewerbegebiet Hulb. Harald Kretschmer hat sie vor 45 Jahren hergeholt.

Majestätisch steht sie dort, mit meterhohen, roten Rädern und schwarz lackiertem Tender: Die alte Dampflok auf dem Parkplatz vor dem Marktkauf-Center in Böblingen-Hulb. Sie ist längst zu einem Wahrzeichen geworden. Das ist vor allem einem Mann zu verdanken: Harald Kretschmer. Er hat die Lokomotive am 9. Oktober 1979 nach Böblingen geholt. Als der Markt noch zur Kriegbaum-Gruppe gehörte, Multi-Center hieß und Kretschmer dort Leiter war.

 

Doch die Geschichte der Lokomotive beginnt viel früher. Nämlich im Jahr 1922. Da wird die Lok mit der Nummer 38 3650 von AEG hergestellt. Sie ist über die Jahrzehnte unter anderem in Köln, Bamberg und Nürnberg beheimatet, wie aus Daten hervorgeht, die Eisenbahnfreunde zusammengetragen haben. Bis sie 1967 in Tübingen eingesetzt und 1972 schließlich ausgemustert wird. In einer Zeit, in der viele Dampfloks ihre letzte Fahrt antreten.

Die Lok steht auch 45 Jahre später noch an ihrem Platz. /ank

Zwischen 1967 und 1972 kommt Kretschmer wohl das erste Mal mit der Lok in Kontakt. Aufgewachsen ist er in Gültstein, heute ein Teilort von Herrenberg. Er erinnert sich, dass er mit der Familie öfters nach Tübingen fuhr – mit einer Dampflok. Und zwar, so erzählt er es, nicht mit irgendeiner, sondern mit der, die heute vor dem Markt steht.

Beim „Chillen“ Lokomotive entdeckt

Eine Mischung aus Zufall und jugendlichem Mut ist wohl dafür verantwortlich, dass sie schließlich in Böblingen landet. Mitte der 1970er Jahre macht Kretschmer in einer Tübinger Kriegbaum-Filiale eine Ausbildung zum Geschäftsleiter. Er ist jung, unternimmt gerne etwas und berichtet von einem beliebten Treffpunkt in Breitenholz. Dort kümmern sich die Eisenbahnfreunde Tübingen um die alte Lok, die sie nach ihrer Ausmusterung erworben haben, erzählt der heute 69-Jährige. Er sei allerdings nicht dort gewesen, weil er so ein großer Eisenbahnfan gewesen wäre. „Wir sind zu den Eisenbahnfreunden zum Chillen gegangen, wie man heute sagen würde“, sagt er und erinnert sich unter anderem an leckere Mostbowle.

Früher durfte die Lokomotive noch betreten werden. /Thomas Bischof

Wo genau in Breitenholz die Lok untergebracht war, weiß er nicht mehr. Eine Nachfrage bei Eisenbahnkundigen in Ammerbuch bringt Aufklärung. Ulrich Fleck, seit 1970 Lokführer und inzwischen im Ruhestand, ist die Lok zwar nie gefahren, erinnert sich aber noch gut daran, dass sie beim ehemaligen Gipswerk zwischen Breitenholz und Entringen, dort, wo heute die Steinel Recycling GmbH ist, auf einem Abstellgleis stand. Ihr weiteres Schicksal ist ihm ebenfalls sofort geläufig: „Später kam sie dann zum Kriegbaum nach Böblingen.“

Kretschmer ist 25 Jahre alt, als er die Marktleitung übernimmt. Er will für „seinen“ Markt etwas besonderes: Warum nicht die Lok, mit der er schon selbst gefahren ist, auf die Hulb holen? Ein Vorbild gibt es bereits. „Das Breuningerland in Ludwigsburg hatte zwei kleinere Lokomotiven auf seinem Parkplatz stehen“, berichtet Kretschmer. Er habe sich gedacht: „Wir sind so ein großer Markt, da müssen wir was ganz Großes machen.“

Die Geschäftsführung unterstützt ihn, auch habe er nicht alles alleine organisiert. „Zwei bis drei Köpfe“ seien „maßgeblich“ daran beteiligt gewesen, die Lok nach Böblingen zu holen. Die Eisenbahnfreunde Tübingen sind mit dem Standortwechsel offenbar auch zufrieden: Sie schenken die Lok dem Multi-Center, sagt Kretschmer.

Tonnenschwerer Transport

„Teuer war es dann aber trotzdem“, meint er verschmitzt. Allein der Transport des 120 Tonnen schweren Fahrzeugs habe 30 000 oder 40 000 Mark gekostet - und muss Aufsehen erregt haben. So habe ein Bildreporter, der wohl zufällig in der Nähe war, die komplette Fahrt verfolgt, erinnert sich der 69-Jährige. Und auch die Kreiszeitung hat das neue Fahrzeug begrüßt, mit einer großen Bildmeldung auf der ersten Lokalseite. Der Transport des tonnenschweren Gefährts von Breitenholz auf die Böblinger Hulb sei gewissermaßen auf „Schleichwegen“ erfolgt, „da stellenweise zu geringe Brückenlasten und -durchfahrtshöhen berücksichtigt werden mussten“, heißt es im Bericht. Zu lesen ist auch, dass die Lok von Tübingen aus, „so manche Fahrt nach Böblingen“ gemacht und in ihrer aktiven Zeit rund drei Millionen Kilometer zurückgelegt habe.

Der Kontakt zu den Eisenbahnfreunden bleibt zunächst bestehen. „Sie sind jedes Jahr gekommen, haben die Lok restauriert und wir haben das Material dafür bereitgestellt“, sagt Kretschmer. Doch die Verbindung habe sich irgendwann aufgelöst. Stattdessen hätten immer wieder andere Eisenbahnvereine Interesse an der Lok gezeigt, „weil sie wirklich sehr schön ist.“

Die Kreiszeitung berichtete am 10. Oktober 1979. Foto: Kreiszeitung Böblinger Bote

Edeka will Lok behalten

Doch er gibt die Lok nicht auf, obwohl sie formell nicht ihm gehört und es offenbar nicht immer einfach war, die regelmäßig anfallenden Sanierungskosten im Budget zu rechtfertigen. Ein bisschen stolz sei er schon, dass er sie nach Böblingen geholt habe und sie über Jahrzehnte geblieben sei, sagt Kretschmer über die Lok, die ihm sichtlich am Herzen liegt. Er berichtet von Hocketsen, die viele Jahre rund um sie herum stattfanden, Hochzeitsgesellschaften, die sich vor ihr fotografieren ließen, und Kindergartengruppen, die sie bestaunten.

Anfangs durften kleine und große Fans den Führerstand sogar noch betreten. Für Kinder und sicher auch den einen oder anderen Erwachsenen vermutlich der Höhepunkt des Wocheneinkaufs. Inzwischen darf sie nur noch von außen bewundert werden. Da fällt auf: Sie könnte einen neuen Anstrich vertragen, ist stellenweise rostig, Pflanzen wachsen oberhalb der Puffer.

Nach zwei Marktbetreiberwechseln gehört die Lok inzwischen der Edeka Südwest, wie ein Unternehmenssprecher sagt. Restaurierungsarbeiten seien aktuell nicht geplant. Ihre Zukunft scheint aber gesichert, denn der Sprecher schreibt: „Die Lokomotive soll auch künftig auf dem Parkplatz verbleiben.“ Sie ist knapp 45 Jahre später immer noch das, was ihr die Kreiszeitung 1979 vorhersagte: „eine besondere Attraktion“ – und aus Böblingen nicht mehr wegzudenken.

Harald Kretschmer, Marktwechsel und weitere Infos zur Lok

Märkte und Kretschmer
Harald Kretschmer begann 1969 seine Lehre bei Kriegbaum, 1979 übernahm er die Leitung des Multi-Centers in Böblingen-Hulb. Der „Multi“ hatte 1978 auf einer Fläche von knapp 10 000 Quadratmetern eröffnet. Nach der Übernahme durch Metro Ende der 1990er Jahre und die Umwandlung in einen Realmarkt blieb Kretschmer dabei und war zuletzt Herr über 20-Real-Standorte zwischen Überlingen und Karlsruhe. Seit 2020 ist Kretschmer im Ruhestand. 2022 wurde er für den Wechsel von Real zu Marktkauf von Edeka als Berater noch einmal aus dem Ruhestand zurückgeholt.

Infos zur Lok
Wer sich für weitere Details über die „Personenlokomotive 38 3650“ interessiert, wird beispielsweise auf der Internetseite der Eisenbahn-Museumsfreunde fündig. Dort werden Daten über Eisenbahnfahrzeuge zusammengetragen, unter anderem zur Böblinger Lok.