Mit dem Bürgerfrühstück bringt die Bürgerstiftung jedes Jahr die Menschen zusammen. Foto: Lichtgut / Potente

Ohne die Stiftungen wäre die Gesellschaft ärmer. Doch Sorge bereitet ihnen die Niedrigzinspolitik – aber nicht nur deshalb arbeiten jetzt immer mehr der Wohltäter zusammen.

Stuttgart - Stiftungen sind Wohltäter, aber auch Impulsgeber und die Antriebsfeder für Verbesserungen in der Gesellschaft. Dies gilt vor allem für den Sozialbereich. Auf diese Weise kam Stuttgart als erste Stadt in Deutschland zu einer Koordinatorin des bürgerschaftlichen Engagements in der Flüchtlingshilfe. Drei Jahre lang wurde diese Stelle durch sechs Stuttgarter Stiftungen finanziert. Jetzt hat die Stadt die Aufgabe übernommen. „Es war uns ein Anliegen, mit dem Rathaus gemeinsam nach Lösungen zu suchen“, betont Irene Armbruster. Die Geschäftsführerin der Bürgerstiftung ist neben Edith Wolf von der Vector-Stiftung und Stefan Hofmann von der Gips-Schüle-Stiftung im Vorstand des Stiftungsnetzwerks Region Stuttgart. „Die Zeiten sind vorbei, wo jede Stiftung alleine arbeiten konnte“, sagt Edith Wolf.

Sorge wegen der Zinsflaute

In dem Netzwerk haben sich seit seiner Gründung vor drei Jahren 160 Stiftungen aus der Region zusammengeschlossen. Sorgen macht ihnen allen gemeinsam die Zinsflaute und vor allem die Negativzinspolitik. Diese verschont auch Stiftungen nicht. Deshalb will das Netzwerk Kooperationen fördern, um seine Positionen in finanzieller Hinsicht zu stärken. Aber auch beim Know-how für die einzelnen Sachbereiche wollen sich die Mitglieder unterstützen, ebenso wie bei der Vermittlung von Kontakten – auch zu den öffentlichen Einrichtungen, denn mit denen will das Netzwerk bei seinen Projekten möglichst frühzeitig zusammenarbeiten – so geschehen bei der Koordinierungsstelle für das bürgerschaftliche Engagement. Die zeitnahe Überzeugungsarbeit in den Gremien und Behörden für die Übernahme von Projekten durch die öffentliche Hand ist wichtig, weil eine finanzielle Förderung durch eine Stiftung immer zeitlich begrenzt ist.

Günstige Wohnungen finanzieren

So läuft die Nachhilfe an sechs Stuttgarter Werkrealschulen zum Beispiel bereits seit vier Jahren. Insgesamt stellen die sechs beteiligten Stiftungen dafür pro Jahr 80 000 Euro zur Verfügung. Obwohl die Nachhilfelehrer lediglich eine Ehrenamtspauschale erhalten, ist diese Summe notwendig, weil allein schon die Koordinierung mit den Schulen aufwendig sei, rechnet Edith Wolf vor.

Im Netzwerk haben sich verschiedene Arbeitskreise gebildet, in denen neue Projekte entwickelt werden, die Bedürfnisse in der Gesellschaft befriedigen sollen. Besonders ehrgeizig ist die Idee, gemeinsam bezahlbaren Wohnraum neu zu bauen und ihn zu moderaten Preisen zu vermieten: „Eine Idee wäre es, dass die beteiligten Stiftungen eine gemeinnützige GmbH gründen, die die Wohnungen verwaltet,“ skizziert Hofmann den Grundgedanken. „Wir wollen Wohnraum schaffen, den sich der Polizist mit mittlerem Einkommen leisten kann“, betont Edith Wolf.

630 Projekte werden gefördert

Weitere Arbeitskreise beschäftigten sich mit möglichen Projekten im Bereich der Integration, mit der gerechteren Verteilung von Bildungschancen, mit internationalen Zusammenhängen und mit Organisationsfragen innerhalb des Netzwerks. Dazu gehört auch die interne Offenlegung der Anlagestrategien, um so gemeinsam effektiv gegen die negativen Auswirkungen der Zinspolitik gewappnet zu sein. Bei ihrem Stiftungstag am 23. November werden sich die Vertreter aus dem Netzwerk mit Fragen der Kommunikation auseinandersetzen, und die reichen von dem Führen eines erfolgreichen Dialogs in einer Konfliktsituation bis hin zu Strategien in der Völkerverständigung.

In der Region Stuttgart werden derzeit 630 gemeinnützige Projekte durch Stiftungen gefördert. Deutschlandweit sind es 2300. Neben den im Stiftungsnetzwerk vertretenen 160 Stiftungen gibt es in der Region noch weitere, so dass in den 13 Stadt- und Landkreisen des Regierungsbezirks Stuttgart 2016 insgesamt 1271 Stiftungen aktiv waren. Die Zahl der Neugründungen ist rückläufig. Während 2013 im Regierungsbezirk 47 Stiftungen hinzukamen, waren es 2016 nur noch 28. Der größte Teil der Gelder fließt in die Wissenschaft und Forschung. Auf Platz zwei stehen die Jugend-und Altenhilfe, an dritter Stelle kommen Erziehung, Bildung und Studentenhilfe.

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