Im Schwenninger Moos entspringt der Neckar. Einst war das Moorgebiet dem Tode nah, heute ist es Schutzgebiet für seltene Arten und Hoffnungsträger in der Klimakrise. Auf Entdeckungsreise in einer mystischen Landschaft.
Heftig, aufbrausend und böse – so erlebten die Kelten den Neckar, nannten ihn deshalb in ihrer Sprache „den wilden Gesellen“. Und dieses Rinnsal, das da über eine Spundwand aus dem von Röhricht gesäumten Neuen Moosweiher abfließt, soll also die Quelle des zornigen Gesellen sein? Tatsächlich entspringt hier im Schwenninger Moos der Fluss, der zur Bundeswasserstraße und Lebensader der Region Stuttgart wird und nach 362 Kilometern bei Mannheim in den Rhein fließt.
250 Jahre ausgebeutet, fast zerstört, dann wiederbelebt, jetzt ein Hoffnungsträger in der Klimakrise: Das Schwenninger Moos steht für die Geschichte des Torfabbaus in Deutschland und der von der Bundesregierung jetzt mit der Moorstrategie eingeleiteten Kehrtwende.
A 81, Ausfahrt Villingen-Schwenningen. Die menschliche Besiedlung ist fast unmittelbar an den Neckarursprung herangewachsen. Auf dem Parkplatz des Eishockey-Erstligisten Wild Wings die Kennzeichen HN, S, BC, WN. Von hier aus ist es nur ein Steinwurf zum Feuchtgebiet. Um Körper und Seele zu entspannen, starten an diesem Morgen Kurgäste aus dem nahe gelegenen Bad Dürrheim einen Spaziergang auf dem angelegten Rundweg.
Einer, der in dem Gebiet zu Hause ist, kommt ursprünglich aus dem Rheinland. „Das sind hier zwar nicht die Everglades, aber immerhin“, sagt Armin Schott vom Stadtplanungsamt Villingen-Schwenningen. Der Landschaftsarchitekt zog vor drei Jahrzehnten in den Schwarzwald-Baar-Kreis. An die Mentalität musste er sich erst gewöhnen: „Wenn du in einer Dortmunder Kneipe zwei Stunden lang mit einem gequatscht hast, dann hast du einen Freund.“ In Schwenningen ist man da etwas zurückhaltender.
Magisches Licht in der Dämmerung
Gleich am ersten Tag im Rathaus riet ihm sein Chef: „Gehen Sie mal ins Schwenninger Moos.“ Schott ging hin. „Ich habe sofort gespürt, das ist ein besonderer Ort. Ein Kraftort.“ Der Nebelvorhang bei Tagesanbruch. Die Abenddämmerung mit ihrem magischen Licht. Die Stille, manchmal unterbrochen vom Schrei eines Vogels. Diese Landschaft hat etwas Mystisches, findet Schott. „Wenn wichtige Entscheidungen in meinem Leben anstanden, bin ich morgens immer erst mal hierher gegangen“, sagt der 63-Jährige.
Doch das Schwenninger Moos ist keine heile Welt. Zu tief sind die Wunden, die dem Hochmoor über Generationen hinweg zugefügt worden sind. Im Jahr 1748 setzt die Torfstecherei ein, das damals noch 100 Hektar große Gebiet wird ausgebeutet. Torf als Brennstoff ist begehrt, es wird in den Häusern und den Salinen verheizt. Um an das begehrte Substrat zu gelangen, entwässert man das Gebiet konsequent. Bald laugt ein 30 Kilometer langes Drainagesystem aus Gräben das Schwenninger Moos aus. Es droht zu verdursten. Teile des Hochmoors werden 1916 zum Banngebiet erklärt, 1939 weisen die Nationalsozialisten es komplett als Naturschutzgebiet aus. Doch in der Not nach den Weltkriegen greifen die Menschen ungeachtet dessen zum Spaten. Heute ist kein Quadratmeter der ursprünglichen Mooroberfläche mehr vorhanden.
1976 warnt das städtische Grünflächenamt vor der endgültigen Zerstörung. Das Umweltbewusstsein wächst, Verbände, Kommunen, der Landkreis, das Regierungspräsidium und die Sprudelfirma Bad Dürrheimer ziehen gemeinsam die Notbremse. Ohne Wasser kein Moor – dieser schlichten Erkenntnis folgt die Renaturierung durch Wiedervernässung. Das Moos muss matschig sein. Staat und Ehrenamt setzen dort, wo Entwässerungsgräben aus dem Gebiet führen, Spundwände ein, um das Regenwasser zu halten. Mehr als 50 solcher Sperren sind bisher in mühevoller Handarbeit eingebaut worden. Der endgültige Tod des Mooses konnte so gestoppt werden.
Weidende Moorschnucken
Seitdem wird versucht, die Wunden der Vergangenheit zu heilen. Feuchte Birkenbruchwälder wahren die Balance. Wo es dichter wird, greifen ehrenamtliche Helfer zur Motorsäge, um das Gelände offen zu halten. Auch weidende Moorschnucken sollen den Gehölzwuchs bremsen.
Armin Schott, der Neu-Schwenninger, stand bei den Moorschützern damals in vorderster Front. Er war schon bei der Gründung der Grünen in Castrop-Rauxel dabei gewesen. Zu Sponti-Zeiten übernahm er eine Szenekneipe in Dortmund, lud Bands wie Cochise und Geier Sturzflug ein. Er protestierte in Brokdorf gegen das Atomkraftwerk.
Heute ist er Zweiter Vorsitzender im Umweltzentrum Schwarzwald Baar Neckar. Eingebettet ins Naturschutzgroßprojekt Baar, liegt das Moos an einer der bedeutenden Vogelzuglinien des Neckars. Watvögel wie Krickenten und Bekassinen machen hier Rast auf ihrem Weg zu ihren Brutstätten. Auch Schwarzkehlchen sind regelmäßig Besucher. Die seltene Sumpfschrecke ist hier Dauergast. Oder die Kleine Moosjungfer, eine von 16 Libellenarten im Schwenninger Moos. Verschiedene Schnecken-, Fisch- und Käferarten leben im Schutzgebiet mit seinen neun verschiedene Lebensräumen. In den vergangenen 100 Jahren hat der Artenreichtum zugenommen, mehr als 400 Pflanzenarten sind jetzt heimisch, darunter 27 als gefährdet eingestufte. Das klingt ermutigend. Doch unversehrte Moore sind eigentlich artenarm. Allzu viel Leben macht den Hochmoor-Schützern eher zu schaffen.
Sind im Moor Münzen vergraben?
„Das dort drüben ist das Goldene Frauenhaar“, sagt Armin Schott und deutet auf eine von zahlreichen Moosarten. Der Weg ist an den sensiblen Stellen durch Holzstege erhöht, damit keine Pflanzen zertrampelt werden. Radfahren verboten. Nicht alle halten sich daran. Armin Schott weist freundlich, aber bestimmt auf Verstöße hin. „Hallo! Radfahren ist im Schutzgebiet verboten!“ Die Frau ist einsichtig. Von einem anderen Radler wird der Diplom-Ökologe fast überfahren.
Wiederholt und verbotenerweise haben in den vergangenen Wochen Schatzsucher mit Metalldetektoren das Moos heimgesucht. Tatsächlich gab es hier mal einen Silberfund. Vermutet wird, dass ein Römer aus Angst vor anrückenden Alamannen seine Münzen im Moor vergrub. Damals führte die Römerstraße von Hüfingen (Brigobane) nach Rottweil (Arae Flaviae) am Westrand des Mooses vorbei. Es hütete seinen Schatz 1500 Jahre – bis die Münzen 1837 von Torfstechern zutage gefördert wurden. Andere Torfstecher fanden hier Reste menschlicher Besiedelung in der Jungsteinzeit.
Der größte Schatz des Schutzgebiets indes ist der im Boden gebundene Kohlenstoff. Die auf den Nassflächen wachsenden Torfmoose nutzen das Kohlendioxid aus der Luft zum Wachsen, während die älteren, unter dem Wasserspiegel liegenden Pflanzenteile absterben. Unter Sauerstoffausschluss entsteht so aus den toten Pflanzenresten Torf.
Ein natürlicher Klimaschützer
Moore sind die effektivsten Kohlenstoffspeicher der Erde. In Deutschland machen sie gerade einmal fünf Prozent der Fläche aus – dennoch ist in den Moorböden so viel Kohlenstoff gespeichert wie in allen deutschen Wäldern zusammen. Und solange der Kohlenstoff gebunden ist, entweicht er schon nicht als klimaschädliches Gas in die Atmosphäre. Allein durch die Renaturierung des Schwenninger Mooses wird so viel Kohlendioxid gebunden, wie 17 Einfamilienhäuser mit Ölheizung jährlich in die Luft blasen.
Wegen ihrer Bedeutung als natürliche Klimaschützer hat die Bundesregierung vor einem Monat eine Nationale Moorschutzstrategie beschlossen. Sie soll dazu beitragen, bis 2045 treibhausgasneutral zu werden. Die mittlerweile zu 92 Prozent entwässerten deutschen Moore sollen möglichst wiederhergestellt werden.
Bis sich ein nahezu zerstörtes Areal regeneriert ist es freilich ein langer Weg. Moore sind die in Mitteleuropa am langsamsten wachsenden Lebensräume. Gerade mal einen Millimeter pro Jahr legt die Torfschicht zu, vorausgesetzt der Wasserstand ist ausreichend hoch. Moorschutz gleicht einem Wettlauf mit der Zeit. Denn die Klimakrise setzt auch den Mooren zu. Steigende Temperaturen lassen ihren Wasserstand absinken. Die Folge: Der Torf kommt mit Luft in Kontakt, gespeicherter Kohlenstoff wird als Treibhausgas freigesetzt.
Heiße Sommer setzen dem Moor zu
Nicht die Everglades. Auch nicht das Wurzacher Ried – das im Kreis Ravensburg gelegene größte zusammenhängende Hochmoor Mitteleuropas. Aber der Neckarursprung ist ja auch was. Und landesgeschichtlich bedeutsam ist Armin Schotts Moor allemal, liegen doch sieben Prozent auf Villinger und damit auf badischer Markung. Der badische Teil entwässert in Richtung Donau, der württembergische in Richtung Neckar.
Der Rheinländer Schott, der sich nie vorstellen konnte, 30 Jahre an einem Ort zu leben und schon gar nicht in Schwenningen, hat hier seinen Platz gefunden. Und wer liebt, der sorgt sich: Der heiße Sommer in diesem Jahr hat dem Moor wieder ziemlich zugesetzt. Der Überlauf des Neuen Moosweihers konnte den wilden Neckar kaum speisen. „Lebensräume wie dieser“, sagt Armin Schott, „sind schwer zu halten.“