Das Schaffen Wolfgang Gäfgens in der Villa Merkel Aus Alltäglichem wird Surreales

Von Julia Lutzeyer 

In der Villa Merkel bietet der Esslinger Kunstverein einen Überblick über das Schaffen Wolfgang Gäfgens. Der gebürtige Hamburger unterrichtete zwanzig Jahr lang an der Stuttgarter Kunstakademie. Seine Zeichnungen, Holzdrucke und Lichtbilder entstanden in einem Atelier in Paris.

Holzdrucke, Lichtbilder und Zeichnungen von Wolfgang Gäfgen zeigt der Kunstverein Esslingen bis zum 21. Oktober in der Villa Merke, darunter auch dieses unbetitelte Blatt (2018, Farbstift und Graphit).Foto: Kunstverein Esslingen

Esslingen - Stillleben in Nahsicht, beunruhigend ausgeleuchtet wie zu sichernde Tatorte in einem Film noir: die fast ausnahmslos in Schwarz-Weiß aufgenommenen Fotografien haben es in sich. Sie zeigen Alltägliches in surrealer Anordnung: zerknitterte Alufolie erhebt sich zwischen Besteck, eine mundgeblasene Glaskugel schwebt über Porzellanscherben, abgebrochene Kristallfüße reihen sich in rhythmischer Ordnung. Die variierte Anordnung von Stühlen lassen sich als Metapher für die Zustände einer Paarbeziehung lesen. Auf den ersten Blick wirken diese Lichtbilder wie ein eigener Kosmos im Werk von Wolfgang Gäfgen. Mit ihrer streng inszenierten Finsternis heben sie sich deutlich ab von den meist hellen, luftigen Zeichnungen und Holzdrucken, für die der gebürtige Hamburger, Jahrgang 1936, besser bekannt ist. Und doch nähert sich auch hier der Künstler über den Gegenstand der Welt.

Mit „Wolfgang Gäfgen – Holzdrucke, Zeichnungen, Lichtbilder“ gibt der Esslinger Kunstverein in seiner diesjährigen Gastausstellung in der Villa Merkel erstmals einen Überblick über das vielfältige Schaffen des 82-Jährigen, der sein Atelier über ein halbes Jahrhundert hinweg in Paris hatte und zwischen 1983 und 2002 Professor für freie Zeichnung und Malerei an der Stuttgarter Kunstakademie war. Ergänzt werden Gäfgens Arbeiten durch „Design Made in Esslingen“: Möbel und Produkte von Egon Eiermann, Herbert Hirsche und Hans Erich Slany, vom Esslinger Kunstverein als Ausstellung in der Ausstellung präsentiert. Und da auf Gäfgens Grafik auch Regale oder Schirmlampen im Stil der klassischen Moderne auftauchen, fügen sich diese formvollendeten Gebrauchsobjekte nahtlos ins Gesamtbild.

Nahrung für Weiterdenker

Für die Eingangshalle hat Kurator Christian Gögger unter anderem zehn gerahmten Papierschnitte ausgewählt, die in ihrem strengen Schwarz-Weiß-Kontrast reizvoll mit den grauschwarzen Säulen und dem farblos gemusterten Fußboden im hellen Saal korrespondieren. Gewitzt changieren die Scherenschnitte zwischen dem Gegenständlichen und Abstrakten. Da gibt es Formen, die an Hände und Köpfe erinnern und ganz entfernt sogar an Märchenszenen der Scherenschnitt-Ikone Johanna Beckmann. Zugleich gibt sich Gäfgen auch hier als Zeichner zu erkennen. So hat er einige weiße, auf schwarzes Tonpapier geklebte Papierstreifen teilweise wieder abgerissen, sodass die Reste wie lebendige Kreidelinien wirken. Oder er schneidet das Papier zu so schmalen Stegen, dass sie als bewegte Tuschelinien erscheinen.

Dieses Suchen nach der richtigen Balance zwischen reiner Form und narrativem Inhalt findet sich auch in Gäfgens Zeichnungen und beeindruckend großformatigen Holzdrucken. Wiederkehrende Motive wie Kugeln, Figurinen, feingezeichnete Faltenwürfen und Juwelen setzt er in Kontrast zu freien, gestischen Linien und abstrakten Formen. Auf diese Weise hält Gäfgen den Assoziationsraum der Betrachter offen und gibt ihren Blicken dennoch Nahrung und Anhaltspunkte zum Weiterdenken. Eine erst in diesem Jahr entstandene Zeichnung ohne Titel ist dafür das wohl radikalste Beispiel. Sie wird beherrscht von einem raumgreifenden Liniengespinst in Kobaltblau. Erst auf den zweiten Blick nimmt man die blassblau und fast altmeisterlich gezeichneten Gestänge wahr und ein aufgefaltetes Stoffband am unteren Bildrand. Wie bei einem Kulturschock prallen hier zwei Epochen und Ideale aufeinander, unter anderem der Umgang mit der Zeit. Und so lernt man Gäfgen als einen Künstler kennen, der die grafische Tradition mit dem Tempo und dem Duktus der Gegenwart zu verbinden weiß.

Bis zum 21. Oktober in der Villa Merkel, Esslingen. Geöffnet: Dienstag 11 bis 20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 11 bis 18 Uhr. Kuratoren-Führungen: 23. September, 7. und 14. Oktober um jeweils 15 Uhr. Infos: www.esslinger-kunstverein.de und www.villa-merkel.de.