Wohin mit dem strahlenden Müll? Jetzt wird neu überlegt. Foto: dpa/Jens Wolf

Gorleben ist aus dem Rennen – und die halbe Republik ist drin. Der Bericht des Bundesamtes für Endlagerung birgt einige Überraschungen. Und wird eine lebhafte Debatte über ein Atommüll-Endlager auslösen, kommentiert Christoph Link.

Berlin - Mit Spannung ist dieser Bericht des Bundesamtes für Endlagerung erwartet worden, und er sorgte in der Tat für faustdicke Überraschungen. Am Montag ist die halbe Republik zum möglichen Standort für ein Endlager für radioaktiven Müll erklärt worden – zumindest aus Sicht der Geologen ist sie dafür gut geeignet. Das hatte so keiner erwartet und – verglichen mit früher kursierenden Standortkarten – sind die ersten offiziellen Hinweise auf geeignete Orte für ein Endlager jetzt doch recht vage. Alles ist fast überall möglich.

 

Erstaunlich auch, dass plötzlich die Nordsee als geeignet erscheint. Auch dort finden sich Tonschichten, die genauso wie Salz oder Granit vom Bundestag als sogenanntes Wirtsgestein definiert worden sind. Und einen Wirt, einen Ort, der die strahlenden Atommüllmengen für eine Million Jahre beherbergt, den braucht das Land, das jahrzehntelang mit Atomkraft seinen Strom produziert hat.

Gorleben? Nicht mehr aktuell

Einem Paukenschlag aber gleich kam die Nachricht, dass der Salzstock Gorlebenaus wissenschaftlicher Sicht gar nicht für ein Endlager geeignet ist. Die Erddecke sei nicht intakt, auch könne Wasser ins Lager eindringen. Mit einem Federstrich sind damit vier Jahrzehnte des Atomwiderstandes im Wendland geadelt worden – und ganze Politikergenerationen, die seit 1977 auf Gorleben setzten, zunächst aus geopolitischen Gründen, um der dünn besiedelten Grenzregion etwas „Gutes“ zu tun, damit einer Fehlentscheidung überführt worden.

Es war übrigens Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der 2011 der festgefahrenen Debatte um das Endlager einen neuen Impuls gab und seine Idee durchsetzte: Man solle von neuem mit der Suche beginnen, auf einer „Weißen Landkarte“, ohne Vorfestlegung und strikt nach wissenschaftlichen Kriterien. So kam es dann zur Verabschiedung des Standortauswahlgesetzes 2013 – ein Beleg dafür, dass auch ein Ministerpräsident bundespolitisch etwas bewegen kann. Seit Montag ist bei der Lagersuche ein Zwischenstand erreicht, aber die eigentliche Suche fängt nun erst an.

Es geht um ein Jahrhundertprojekt

In der nächsten Phase wird es um die oberirdische Erkundung von geeigneten Regionen gehen. Damit ist der Ring frei für Wortmeldungen von Lokal- und Landespolitikern – und die Bayern haben damit schon angefangen. Nun geht es auch um Kriterien wie Besiedlungsdichte, Naturschutz oder Überschwemmungsgefahr, und regionale Geologen dürfen eigene Gutachten einspeisen, die das Bundesamt übersehen hat. Bis 2031 soll ein Standort gefunden und vom Bundestag beschlossen worden sein, 2050 soll das Lager in Betrieb gehen. Eine Jahrhundertaufgabe wäre damit in Angriff genommen, und unser demokratisches System ist stabil genug, sie auf nationaler Ebene gut zu lösen. Unseren Atommüll sollten wir nicht in Sibirien oder in der Sahara verklappen.

Die Spitzten der Politik drückten sich

Wir sollten ihn „für immer“ sicher verstauen. Denn schon die nächsten Generationen könnten durch die begrenzt haltbaren Castoren, die bundesweit verstreut mit dem Atommüll in Zwischenlagern herumstehen, gefährdet sein. Wahlen werden mit dem Thema nicht zu gewinnen sein. Ein einmal gewählter Standort wird für Jahrzehnte als Baustelle und Betriebsstätte die negativen Folgen der Auswahl spüren. Und jede neue Industrieansiedlung – siehe Tesla in Brandenburg – zieht Proteste auf sich. Das Lager könnte aber auch als Chance wahrgenommen werden, da es Jobs schafft und ein Projekt der Zukunft ist. Das könnten verantwortungsbewusste Politiker herausstreichen. Noch erheben sie lieber Einwände oder ducken sie sich weg. Bei der Pressekonferenz am Montag waren weder Kanzlerin noch Bundesumweltministerin anwesend. Sie überließen Behördenleitern das Feld – schade.