Zum Auftakt des neuen Stuttgarter „Rings des Nibelungen“ hat Stephan Kimmig an der Staatsoper Stuttgart „Das Rheingold“ inszeniert. Für die Klasse des spannenden, bilderreichen und hochpolitischen Abends sorgen auch die Sänger und das Staatsorchester unter Cornelius Meister.
Stuttgart - Sie ist die einzige Sängerin ohne Kostüm, sie kommt mit dem Fahrrad auf die Bühne, und sie dürfte eine der jüngsten Urmütter sein, die je in Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ weise Worte über die Welt geäußert haben. „Alles, was ist, endet“: Diese prophetischen und heute wieder besonders zeitgemäß wirkenden Worte singt am Sonntagabend die Altistin Stine Marie Fischer. „Wie alles war, weiß ich; wie alles wird, wie alles sein wird, seh’ ich auch“: Diesen Text hat Wagner der Figur der Erda ebenfalls in den Mund gelegt, und so wie Fischer seine „Ur-Wala“ jetzt gibt, so unprätentiös, so natürlich und gleichzeitig mit so großem Nachdruck, denkt man, o ja, sie könnte tatsächlich Greta Thunberg sein, deren Ideen die pubertierenden Rheintöchter als Klimaaktivistinnen unterstützen.
Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Stephan Kimmig das auch so gedacht hat. Schließlich verhandelt seine „Rheingold“-Inszenierung einige der brisantesten Themen unserer Tage. Die Auswüchse des (Spät-)Kapitalismus, die Hybris der Menschen, die Ausbeutung der Natur, die Folgen des Machtmissbrauchs: All dies treibt der Regisseur durch die Manege einer untergegangenen Zirkuswelt, die bevölkert ist von abgewrackten Clowns, Artisten und Dompteuren. Alberich: ein langhaariger Freak, der erst am Gängelband der Rheintöchter hängt und sich dann zum Ausbeuter einer gesichtslosen Nibelungen-Arbeiterschaft mausert, mit prägnanter Schärfe gesungen von Leigh Melrose. Loge: ein schleimiger, zynischer Strippenzieher, dem Matthias Klink mit Lars-Eidinger-Frisur und einem stets einsatzbereiten Feuerlöscher formidable Kontur verleiht. Mime (auch klasse: Elmar Gilbertsson) – ein hilfloser Clown, der die Tritte, die er bekommt, sofort nach unter weitergibt. Die Riesen Fafner und Fasolt (Adam Palka, David Steffens): merkwürdige Karikaturen von Wesen vergangener Tage mit Plateausohlen und Frankenstein-Monsterköpfen, die mit Gabelstaplern auf die Bühne kommen.
Vom Glanz der Götter sind nur ein paar glitzernde Pailletten übrig geblieben
Vom Glanz der Götter selbst sind nur noch ein paar paillettenglitzernde Klamotten (Kostüme: Anja Rabes) übrig geblieben. Wotan ist ein teils melancholischer, teils in eine Traumwelt flüchtender Göttervater, der anstelle einer Augenklappe ein blaues Auge hat – Goran Juric hat großes Potenzial, man darf gespannt sein, wie er sein Rollenporträt vor allem artikulatorisch und in der Differenzierung des Ausdrucks weiter entwickelt. Rachael Wilsons Fricka ist eine echte Sensation: Sie singt Wotans Gattin ganz ohne jede Zickigkeit, sehr weich und fließend, und gestaltet das Schlingern der Figur zwischen Divenpose und Verzweiflung mit vielen feinen Zwischentönen. Esther Dierkes zeichnet mit ihrem warm leuchtenden Sopran eine ausgeprägt borderlinige (vielleicht auch ein wenig bekiffte) Freia, und Pawel Konik und Moritz Kallenberg als Kettcar fahrende Götter Froh und Donner ergehen sich in hohlen Posen. Zu erleben ist abgedrehte, zuweilen fast surrealistisch anmutende (Selbst-)Inszenierung. Eine göttliche Spaß- und Partygesellschaft. Und zu spüren ist entsetzlich viel Ratlosigkeit. Ist diese vom Kapitalismus durch und durch korrumpierte Welt noch zu retten? Ja. Nein. Vielleicht.
So gesehen, spiegelt die Inszenierung schlüssig ein Grundgefühl unserer Tage. Und wenn die Götter (Loge: „Ihrem Ende eilen sie zu!“) im Schlussbild in Öljacken auf der Bühne stehen wie eingefroren, wenn sie die Zuschauer ansehen, als wollten sie diese – macht ihr doch, uns fällt nichts mehr ein! – zum Handeln auffordern, dann stehen ganz viele Fragen in dem von Katja Haß gestalteten, ziemlich leeren Bühnenraum.
Der Verwandlungszauber in Nibelheim hat bei Kimmig keine Chance
Womöglich zu viele? Jene Teile des Publikums, die den Regisseur am Ende ausbuhten, mögen das so empfunden haben. Dabei ist auch das bunte Zuviel der Inszenierung, die obendrein noch hier und dort eingespielte Filmsequenzen und zwei an Bändern turnende Akrobatinnen aufbietet, schlicht ein Abbild unserer überfordernden Wirklichkeit – ebenso wie die vielen Szenen der Unentschiedenheit, des Unverbundenen und der Vereinzelung. Auch der Verwandlungszauber in Nibelheim hat bei Stephan Kimmig keine Chance. Alberich stülpt sich bloß einen Fechthelm als Tarnkappe über, spielt dann selbst zuckend Schlange und Kröte, und für seine fast nebenbei stattfindende Gefangennahme durch Wotan wäre das alles eh nicht nötig gewesen.
Ungetrübten Beifall bekommt hingegen das Staatsorchester (obwohl die Leistungen der Blechbläser nicht immer ungetrübt sind). Cornelius Meister am Pult setzt schon im Vorspiel bei auch später straff bleibenden Tempi stark auf Ruhe und Puls der Musik. Die rhythmische Präzision gelingt bei der Premiere noch nicht optimal, aber der Bogen sitzt, die dynamische Balance stimmt bis hin zu dem zauberhaften Moment, in dem eine Harfe auf der Bühne die Rheintöchter begleitet, während das Orchester seinen Klang ins fast Unhörbare zurücknimmt. Es wird hier auch fast überdeutlich, wie lebendig und wie klar die Instrumente durch ihre Arbeit mit Wagners musikalischen Motiven „Das Rheingold“ miterzählen.
Ob alles, was ist, wirklich endet? In Stuttgart bleibt „Das Rheingold“ in der Schwebe. Fasolt tanzt mit Freia, Wotan mit Fricka. Traum oder Wirklichkeit? Utopie oder Dystopie? Es hat etwas ebenso Bezauberndes wie Überzeugendes, dass man am Ende ganz viele Rätsel in Kopf und Herz mit nach Hause nehmen darf.
Wagners „Ring“ in Stuttgart
Rheingold
Die Produktion ist nochmals am 24. und 27. November sowie am 12., 17. und 19. Dezember im Opernhaus zu erleben. Karten: 07 11 / 20 20 90 und unter www.staatsoper-stuttgart.de.
Theatergeschichte
Die vier Teile des neuen Stuttgarter „Rings des Nibelungen“ werden von unterschiedlichen Teams inszeniert. Damit knüpft die Staatsoper an die damals radikal neue Idee ihres ehemaligen Intendanten Klaus Zehelein an, die um die Jahrtausendwende international für Furore sorgte.