Perfekt für Kitsch-Liebhaber: Der Film „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ mit Renee Zellweger und Hugh Grant Foto:  

Kitschliteratur und Schmalzfilme erzählen einfache Geschichten. Romane von Autoren wie Nora Roberts, Nicolas Sparks oder Jojo Moyes sind so beliebt wie nie . Weshalb nur?

Stuttgart - Frau trifft Mann, der Liebesblitz schlägt ein, es gibt Komplikationen, und am Ende wird alles gut. Seit einigen Jahren werden die Bestsellerlisten angeführt von Autoren wie Nora Roberts, Nicolas Sparks oder Jojo Moyes. Die Verfilmungen dieser Geschichten werden meist später noch zu großen Hits in den Kinos. Schlagwörter wie Emanzipation und Gleichberechtigung hört man in der Politik und eben in den Medien. Der Tagtraum der Damenwelt, so scheint es, ist derweil ein anderer: Heim, Kind, Mann, Lovestory à la Hollywood.

Es gibt einen Widerspruch zwischen den emanzipatorischen Wünschen der Frauen auf der einen und der altmodischen Welt in diesen Geschichten auf der anderen Seite. Gerade dieser Widerspruch ist den meisten Heldinnen der Romane und Filme aber bewusst, genau wie den Zuschauerinnen. Sie wollen unabhängig und gleichberechtigt sein und dennoch von dem großen starken Mann träumen, der sie in seinen Armen über die Schwelle des Häuschens im Grünen trägt. Und wo doch so wenig Sinnstiftendes zu finden ist in den grauen Bürowelten, kann der Glaube daran, dass zwei Menschen füreinander bestimmt sind, heilsam sein. Wer von Alltag, Nachrichtenwelt und Scheidungsraten zunehmend gestresst ist, bekommt hier die Gewissheit: Es geht immer gut aus.

In der Realität können Modelle wie aus „50 Shades of Grey“ nur als Rollenspiele dienen

Diese Geschichten erreichen meist an einem Punkt ihr Ende, an dem die wirkliche Beziehung zweier Menschen miteinander erst richtig Fahrt aufnimmt: bei der Heirat. Mancher mag einwenden, die Schönfärberei, die Überzeichnung und das Klischeehafte in Sprache, Darstellung und Handlungsverlauf seien weit hergeholt, pure Hirngespinste, Tagträumereien, um die komplizierte Welt erträglicher zu machen. Trotzdem scheinen immer mehr Menschen diese Romane und Filme als eine Art Gebrauchslektüre anzusehen. Paare wollen in ihrem Privatleben opulente Hochzeiten und Liebesdramen ganz wie in Hollywood. Über Kinofilme schrieb Siegfried Kracauer bereits 1928: „Je unrichtiger sie die Oberfläche darstellen, desto richtiger werden sie, desto deutlicher scheint in ihnen der geheime Mechanismus der Gesellschaft wider. Es mag in Wirklichkeit nicht leicht geschehen, dass ein Scheuermädchen einen Rolls-Royce-Besitzer heiratet; indessen, ist es nicht der Traum der Rolls-Royce-Besitzer, dass die Scheuermädchen davon träumen, zu ihnen emporzusteigen?“

Was wir lesen und anschauen, offenbart, was unsere Gesellschaft im Inneren umtreibt – und das ist derzeit offenbar die Suche nach Vorbildern und Rollenmodellen: Wie wollen wir leben, wie wollen wir lieben? Die Soziologin Eva Illouz hat bei der Analyse des Romans „50 Shades of Grey“ festgestellt, dass solche dominant-unterwürfigen Modelle als symbolische Lösung für den Konflikt dienen, in dem sich moderne Liebespaare befinden. In der Realität könnten sie Rollenspiele sein, mehr nicht. Wer einen Krimi lese und Gefallen an dem Spiel finde zu erraten, wer der Mörder ist, versuche ja auch nicht am nächsten Tag einen reellen Mord aufzudecken.

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