Fabio Dahm alias Caribio: „Deutsche Richterinnen und Richter sind einfach viel zu nett“, rappt er. Die Musik hilft ihm, das Verbrechen zu verarbeiten. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Am 4. Juli 2019 trägt Fabio Dahm ein T-Shirt mit der Aufschrift „Nürtinger Hurensöhne“ – der Song einer Punkband. Ein 19-Jähriger fühlt sich beleidigt und rammt ihm ein Messer in den Rücken. Wie geht es dem Gewaltopfer heute?

Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es. Die Wunde von Fabio Dahm war acht Zentimeter tief und vier Zentimeter breit. Der Nürtinger wurde in seiner Stadt am helllichten Tag auf offener Straße hinterrücks niedergestochen. Weil er das falsche T-Shirt trug. „Nürtinger Hurensöhne“ stand darauf. Von diesem Schriftzug fühlte sich ein 19-Jähriger, ebenfalls aus Nürtingen, so gekränkt, dass er zustach.

 

Tiefer als die körperlichen Wunden sind bei Fabio Dahm die seelischen. Die Gewalttat traumatisierte ihn schwer. Dreieinhalb Jahre danach hat sich eine Narbe gebildet. Dahm hat sich langsam zurückgekämpft. Den Tag, der sein Leben verändert hat, verarbeitet der Musiker in seinen Songs. „Ich hab Tränen in den Augen und Schmerzen in der Brust, während ich das schreibe und gleich abbrechen muss“, singt Caribio, so Dahms Künstlername, in seinem jüngst veröffentlichten Rap „Eine Stadt“.

Donnerstag, endlich Feierabend. Fabio Dahm ist Bühnenbildmaler am Staatstheater Stuttgart und steigt am 4. Juli 2019 in den Regionalzug nach Nürtingen. Er hört über Kopfhörer Musik und lässt die Gedanken schweifen. Ihm gegenüber sitzt ein junger Mann. Dahm merkt, wie dieser ihn anstarrt, und hat ein komisches Gefühl. Dass sein T-Shirt Anstoß erregen könnte, ist ihm nicht bewusst.

„Nürtinger Hurensöhne“ ist ein Song der Punkband Roidige Hunde, die zwar selten, aber immer wieder auftritt. Fabio Dahm ist Gitarrist und Sänger der Gruppe. Auf Konzerten grölen Fans den Refrain mit: „Hört ihr das Gestöhöne? Nürtinger Huuurensööhne!“ Typische Fun-Punk-Attitüde. Der Titel ist Provokation und Identifikation in einem – und letztlich eine verklausulierte Liebeserklärung an die Stadt. Gemeinsam hatte man die Idee, den Songtitel auf T-Shirts zu drucken. „Wir fanden es auch interessant, wie die Leute darauf reagieren“, sagt Fabio Dahm. Doch nicht jeder findet die witzig gemeinte Jugend-Chiffre witzig.

In Nürtingen angekommen, steigt Dahm arglos aus dem Zug. Im Supermarkt kauft er fürs Abendessen ein und macht sich dann mit seinem Longboard auf den Nachhauseweg. Er ahnt nicht, dass sein Gegenüber aus dem Zug längst seine Kumpels mobilisiert hat. Die fünfköpfige Jugendgang, der Jüngste ist 15, spürt Dahm auf und folgt ihm heimlich durch die Innenstadt. Dahm rollt eine schmale Straße hinab. Seine Verfolger rennen hinterher. Unten, am Fuß der Altstadt, holen sie ihn ein.

Der 19-jährige Haupttäter stößt Dahm ein Messer in den Rücken. „Es fühlte sich in etwa so an, als hätte mich ein Rieseninsekt gestochen“, sagt Dahm ein halbes Jahr später am Stuttgarter Landgericht. Einer der Mittäter tritt ihm ins Gesicht und bricht ihm die Nase. Es folgen weitere Tritte gegen den Körper. Dann flüchten die Täter. Schwer verletzt gelingt es Fabio Dahm, eine Autofahrerin anzuhalten, die ihn ins Krankenhaus fährt. Auf dem Weg dorthin schließt er mit seinem Leben ab. Doch er hat einen Schutzengel, das Messer traf zwar die Lunge, verfehlte aber Herz, Milz und Niere. Die Ärzte flicken ihn zusammen. Nach einer Woche Intensivstation wird er wieder entlassen.

Nichts ist mehr normal

So schlimm war das ja alles gar nicht, redet er sich zunächst ein und findet es seltsam, ganze sechs Wochen krankgeschrieben zu sein. Doch bald merkt er: Nichts ist mehr normal. „Es ist jeden Tag aufs Neue ein Kampf, ich fühle mich in Nürtingen unsicher, es ist einfach schwer“, sagt Dahm im Zeugenstand. Er ist in den Gerichtssaal zugeschaltet, um den Peinigern nicht gegenübertreten zu müssen. Während seiner Aussage weint er, im Saal ist es mucksmäuschenstill. Drei Monate Therapie hat Fabio Dahm damals bereits hinter sich. Laute Geräusche, Männerstimmen, Menschenmassen machen ihn panisch. Es reicht schon, wenn ihm jemand kumpelmäßig auf die Schulter klopft. „Ich war von jetzt auf nachher aus dem Leben gerissen“, sagt er damals. „Manchmal kommt es mir vor wie ein Traum.“

Nach der Tat schaltet sich der Weiße Ring ein. Die Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer vermittelt ihn ans Klinikum Esslingen, wo er in der Traumaambulanz rasche Hilfe bekommt. „Wir erklären ihnen zunächst, wie ihre Psyche reagiert“, sagt der Chefarzt Björn Nolting über die Behandlung von Gewaltopfern. „Betroffene sollen Symptome einordnen können, das Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefertsein.“ Sie sollen lernen, dass es sich um normale Reaktionen auf ein nicht normales Ereignis handelt. „Viele haben Angst davor, verrückt zu sein. Das sind sie aber nicht“, sagt Nolting. Stabilisieren, die Angst nehmen und ein Gefühl von Sicherheit geben, darum geht es zunächst. Fabio Dahm bekommt Bewegungs-, Kunst- und Musiktherapien. Er entwickelt Strategien, um mit Stresssituationen umzugehen. Etwa, wenn er Schritte hinter sich hört. Dann bleibt er einfach stehen, bis die Person vorbeigegangen ist.

Nürtingen, Zentral Bar. Fabio Dahm bestellt eine Saftschorle. Das Lokal ist keine hundert Meter vom Tatort entfernt. Die Panikattacken suchen Fabio Dahm mittlerweile viel seltener heim. Dennoch kostet es ihn immer noch sichtlich Kraft, wenn er heute über den heimtückischen Angriff redet.

Dahm hat nach der Tat daran gedacht, ob es vielleicht besser wäre, wegzuziehen und ganz neu anzufangen. „Die Vorstellung, dass die Typen hier leben, die das gemacht haben, machte mich manchmal paranoid.“ Doch wieso er und nicht sie? Wieso sollten Opfer noch bestraft werden? Fabio Dahm bleibt.

Unter dem Künstlernamen Dahmn veröffentlicht er ein Metal-Album. In Songs wie „Trauma Experience“ oder „If I die I love you“ verarbeitet er das Erlebte. „Ich brauchte zu der Zeit etwas Aggressives“, sagt er. Die Fremdsprache Englisch erzeugte dabei eine gewisse Distanz, diente auch dem Selbstschutz.

Sein neues Werk, das Caribio nun auf Plattformen wie Youtube oder Spotify veröffentlicht hat, ist auf Deutsch und eine Hinwendung zu Rap, Pop, Singer-Songwriter. Dahm hat alles alleine produziert. Das Video ist gedreht an Schauplätzen in Nürtingen.

Schon als Kind träumte er davon, einmal auf der Bühne zu stehen. Heute kann sich Fabio Dahm vorstellen, von der Musik zu leben – in Nürtingen. Er ist hier verankert. Die Freunde, der 17 Jahre alte Bruder, Mutter und Oma wohnen hier. „Ich liebe diese scheiß verfickte Kleinstadt am Neckar. Dieses Fundament ist nun in seinen Grundfesten erschüttert. Ich hab das Glück, dass ich mich in der Kunst ausdrücken kann. Wär das nicht so, hätte ich längst ein Messer in der Hand“, rappt Caribio.

Dreieinhalb Jahre Haft für den Messerstecher

Wut und Trotz liegen in „Eine Stadt“. Und Kritik an der Justiz: „Deutsche Richterinnen und Richter sind einfach viel zu nett.“ Zu dreieinhalb Jahren Gefängnis wird der Messerstecher schließlich verurteilt – ein junger Mazedonier, der mit seinem Ehrbegriff einen solchen Schriftzug offenbar nicht ungesühnt lassen konnte. Die vier Mittäter zwischen 15 und 17 Jahren kommen mit Jugendarrest und Bewährungsstrafen davon. Ein Hohn, findet Fabio Dahm.

„Warum kann eine Gruppe Psychos einfach so jemand niederstechen?“ Der Song mit dem treibenden Beat ist mehr als eine Anklage, er ist auch eine Hommage an Nürtingen und das Leben. Das Video zu „Eine Stadt“ hat Caribio mit Theatertherapeutinnen gedreht. Die Maske, die er trägt, symbolisiert Nemesis, die Göttin des gerechten Zorns. Fabios Freundin Marjam ist im Clip mit dabei. Sie stützt ihn auch, wenn die Schatten auf seinem Gemüt zu dunkel werden. „Was kann ich machen? Einfach nur da sein und ihm Raum geben. Manchmal braucht er gar nichts, nur seine Ruhe.“

Vor dem Release von „Eine Stadt“ ist die Beklemmung wieder gewachsen. „Die letzten zwei Monate waren heftig, es kommt alles wieder hoch, die Symptome werden wieder stärker“, sagt Fabio Dahm. Er ist erneut in Therapie. Die Arbeit an seinen Liedern ist für ihn Konfrontation und Verarbeitung zugleich.

Mehr als einmal hat er sich die Frage gestellt, warum ihm das alles widerfahren ist. „Es gibt dieses Böse vielleicht einfach“, ist ein Erklärungsversuch. Oder: „Das Universum wollte, dass es passierte, damit ich auf diesen musikalischen Weg kann.“ Fabio Dahm bezeichnet diese Vorstellung selbst als „abstrus“. Aber solche Gedanken sind eben da.

Seinen ersten Auftritt nach dem Angriff wird er am 6. Mai in der Linde in Kirchheim unter Teck haben. Fabio Dahm will sich nicht unterkriegen lassen. Die Wunde am Rücken ist vernarbt. Schmerzen und Taubheitsgefühle hat er aber weiterhin. Der 30-Jährige vertraut darauf, dass die Zeit alles heilt. Und er weiß, dass Musik Balsam für seine Seele ist. „Der nächste Song wird ein Liebeslied“, sagt er.