Frank Oehler, im Unterallgäu dem Himmel sehr nah: „Das ganze Ego, das habe ich bezwungen, ich bin jetzt nicht mehr so wichtig.“ Foto: Reiner / Pfisterer

Der TV- und Sternekoch Frank Oehler ist auf dem Gipfel. Dann führen ihn Scheidung, das Aus beim Fernsehen und der Tod seiner Eltern in ein tiefes Tal. Im Allgäu, seiner alten Heimat, verrät er uns seine Pläne für die Zukunft. [Plus-Archiv]

Wer den Koch Frank Oehler wirklich kennenlernen will, muss sich mit der Maltechnik von Erich Schickling auseinandersetzen. Der Künstler, bekannt vor allem für seine bunten Kirchenfenster, lebte und arbeitete in Eggisried nahe Ottobeuren im Allgäu. Nicht weit entfernt von Hawangen, dem Dorf, in dem Frank Oehler seine Kindheit verbrachte.

 

Der 2016 verstorbene Schickling versammelte früher den Teil der örtlichen Jugend um sich, der sich für mehr als Blasmusik und Schützenverein interessierte, und gab sein Verständnis von Kunst und vom Sinn im Leben weiter. Nicht dass Oehler und seine Freunde alles verstanden, was ihnen der Maler so mit auf den Weg gab. Was aber hängen blieb, das war Schicklings Interesse an Klassik und Literatur. Und seine sogenannte Hinterglastechnik.

Wie wandelt sich das Negativ zum Positiv?

Der Künstler malte aus seiner Vorstellung hinter dem Glas ein Bild, trug Schicht um Schicht im Negativ auf, ohne zu sehen, wie sich das Positiv entwickelt. „Wenn er dann vor das fertige Bild getreten ist und das Ergebnis nichts mehr mit seiner eigentlichen Vorstellung zu tun hatte, war Schickling oft entsetzt“, erzählt Oehler. Es habe dann ein paar Tage gedauert, ehe der Künstler das Ergebnis seiner Maltechnik doch für gut befunden habe.

Als Frank Oehler sein erstes eigenes Restaurant D’Rescht eröffnet, in seinem Heimatdorf Hawangen, da weiß er wie Erich Schickling nicht, wie sich das Negativ zum Positiv entwickelt. Es wird ein Sterne-Restaurant, zu dem Gourmets aus Stuttgart oder München pilgern. Anders als bei Erich Schickling gefällt Frank Oehler das Bild, das von ihm entsteht, anfangs aber sehr gut. Erst mit reichlich Abstand ist er unzufrieden.

Ein McLaren mit Straßenzulassung

Nach dem Michelinstern für das Restaurant auf dem Dorf findet Oehlers Leben nur noch auf der Überholspur statt: Er erkocht vier Sterne in vier verschiedenen Lokalen – das schaffen nicht viele. Zuletzt gelingt ihm das in der angesehenen Speisemeisterei im Stuttgarter Schloss Hohenheim. Seine Teller spielen im Film „Eden“ von Michael Hofmann mit Charlotte Roche die Hauptrolle. Als Kochprofi ist er im Fernsehen zu sehen. Und um besonders schnell von Küche zu Dreh zu Sponsorenterminen zu gelangen, fährt Oehler einen McLaren-Rennwagen mit Straßenzulassung.

Bis er auf der Überholspur geblitzt wird und für einige Monate den Führerschein abgeben muss. Und wäre das nicht eine sehr plumpe Metapher, man könnte sie sehr gut anwenden auf Frank Oehlers Leben: Der Kochprofi rast mit 180 durchs Leben und wird dann unsanft heruntergebremst, weil kein Mensch so viel Schnelligkeit auf Dauer aushält.

In seinen Worten klingt das so: „Das war alles Blindflug. Du erfindest eine Geschichte, die du für dein Leben hältst, weil du vor lauter Arbeit nicht zum Reflektieren kommst“, sagt Oehler rückblickend. „Du warst für alle anderen da, aber weit weg von dir selbst und hast dich selber dabei verloren.“

Absturz in ein tiefes Tal

In der Speisemeisterei meldet er 2018 mit seinen Geschäftspartnern Insolvenz an. Es folgt das Aus im Fernsehen. Seine Frau, die er zwei Wochen nach dem Kennenlernen geheiratet hat, reicht die Scheidung ein. Oehler zieht zurück nach Hawangen und begleitet Mutter und Vater am Ende ihrer Lebenswege. Die Mama stirbt 2020, der Papa 2021. „Wenn der Vater stirbt, bist du der Nächste, heißt es. Das hat mich aus der Kurve getragen, und diese Kurve habe ich dann noch komplett mitgenommen“, so erzählt der 58-Jährige vom tiefsten Tal, das er je durchschreiten musste.

Heute, ein Jahr später und um zwei neue Hüften reicher („40 Jahre Stehen in schlechten Schuhen auf harten Böden waren nicht gut für die Gelenke“), hat Oehler keine Angst mehr vor dem Tod: „Das, was danach kommt, wenn du nicht mehr atmest, ist besser. Zumindest gab es bisher keine Reklamationen, und das bei Milliarden Testpersonen.“

Oehler kocht in der Küche seiner Kindheit Rouladen, Kartoffelbrei, Rotkraut („das Lieblingsessen vom Papa“) und erzählt von der Suche nach seinen Wurzeln. „Mama war immer am Herd, die Oma genauso. Im Nachhinein betrachtet, ist es beeindruckend, wie völlig intakt das alles war.“ Ein frommer Haushalt sei es gewesen, in dem er eine wichtige Erkenntnis gelernt habe: „Wenn du dich an die Zehn Gebote hältst, hast du weniger Stress.“

Sein Weg zur Spiritualität

Als Jugendlicher hält er nicht viel von Geboten. Er ist auf Krawall gebürstet, fliegt von der Schule „Da hat mir der Papa ein Flugticket nach Kuba angeboten, dort könne ich Revoluzzer spielen. Leider wäre das ein One-Way-Ticket gewesen.“ Also fängt Frank Oehler doch lieber eine Lehre als Koch an, im Landgasthof. „180 Portionen Mixed Grill am Tag und 30 Kilo Teig fürs Spätzle-Machen.“

Zwischen der Lehre und der Eröffnung seines Lokals D’Rescht folgen die in der Gastronomie obligatorischen Wanderjahre: Oehler zieht es zu den Sternen und nach Japan. Dieses Land wird seine zweite große Liebe neben dem Allgäu. Er findet zum Zen, die Meditation wird zum festen Bestandteil in seinem Leben.

Der Kontakt zu seinem spirituellen Lehrmeister Erich Schickling reißt nie ab. Das, was Oehler damals wie heute macht, ist auch irgendwie Kunst: Er transformiert Zutaten in Gerichte, die auf dem Teller aussehen können wie Malerei und im Gedächtnis bleiben wie die Farben der Werke von Erich Schickling.

Elektro-Kleinwagen statt James-Bond-Auto

Die Eltern gehen unterschiedlich um mit dem Erfolg des Sohns. Die Mutter sieht den Ruhm eher pragmatisch und tauscht Franks Autogrammkarten gegen einen Haarschnitt beim Friseur. Der Vater fremdelt mit der Bonzenwelt, wie er sie nennt.

„Als ich wieder zu meinen Eltern gezogen bin, hatte ich einen Aston Martin. Papa wollte nicht, dass das Auto vor dem Haus parkt, also habe ich es in die Einfahrt vom Bauernhof um die Ecke gestellt. In der Zeit haben die aber gemäht und gegüllt und dann hat es ausgesehen wie ein Leopard-Panzer.“ Sehr zur Freude des Vaters. Oehler verkauft das James-Bond-Auto und besorgt sich stattdessen einen elektrischen Renault Zoe: „Der Kapitalismus hat auch im Kochen seine Spuren hinterlassen. Das ganze Ego, das habe ich bezwungen, ich bin jetzt nicht mehr so wichtig.“

Roulade mit Steinpilzen

Was dagegen sehr wichtig ist für die Seele: der Duft von Rouladen und einer dazu passenden Soße. Beides riecht nach Streicheleinheiten für den Gaumen. Vorbereitet hat Oehler sie am Abend zuvor, beim „Tatort“-Schauen. Während des Finetunings des Gerichts – ein Freund hat unangekündigt frische Steinpilze vorbeigebracht – klingt im Hintergrund klassische Klaviermusik von Igor Levit.

Über Klassik kann man sich mit Oehler genauso gut unterhalten wie über Literatur (aktuelles Lieblingsbuch: „Die Anomalie“ von von Hervé le Tellier), Kunst (die Documenta in Kassel fand er deutlich besser, als sie medial dargestellt wurde) oder seinen aktuellen Lieblingsaufstrich, den es als Nachtisch zum selbst gebackenen Hefezopf gibt: Quitte aus alten Beständen in Transsilvanien.

Rumänien hat sich aktuell zur zweiten Heimat Oehlers entwickelt. Für den Lebensmittelhändler Kaufland reist er durch das südosteuropäische Land, sucht dort nach ausgefallenen Gerichten und wird dabei von einem Kamerateam begleitet. „Bukarest ist Hightech, während draußen auf dem Land zum Teil noch Mittelalter ist, da bauen sie dir einen Ofen aus Lehm“, erzählt er von seinen kulinarischen Ausflügen ins Land von Dracula.

Konkrete Pläne für die nächsten Jahre

Nicht als Burgherr, sondern als Hofbesitzer will Oehler in Zukunft in seiner Allgäuer Heimat wieder Gäste bewirten: 2024 will er mit Freunden einen eigenen Bauernhof eröffnen mit acht Hektar Land und einer dazugehörigen Quelle. Eine kleine Brauerei soll dabei sein, weil der Hopfen aus Tettnang nicht weit ist. „Ich träume von einem kleinen Gasthaus, das nur Freitag und Samstag geöffnet hat. Da gibt es dann nur ein Menü, und entweder es gefällt dir oder du bleibst halt weg. Ich bin kein Dienstleister mehr“, sagt er. Draußen läuten die Glocken zustimmend. „Das sind immer noch die Glocken meiner Kindheit, sie klingeln jede Stunde, auch nachts, mich bringt aber nichts mehr aus der Ruhe.“

In Oehlers Lokal auf dem Bauernhof soll alles kleiner und feiner sein als früher, schließlich habe er heute eine ausgeprägte Mitarbeiter-Unverträglichkeit. „Der Wunsch nach einer Vier-Tage-Woche ist schön, ich zahle aber 30 Tage Pacht. Wie soll das gehen? Die neue Generation will gleich auf den Gipfel, ohne durch Täler zu gehen. Das funktioniert aber nicht.“ Frank Oehler weiß, wovon er spricht.