Rafael Horzons neues Buch heißt auch so: „Das Neue Buch“, erschienen ist es im Verlag Suhrkamp Nova. Es enthält auch einige „Dokumentarfotos“, darunter dieses Bild des Autors – „Horzon beim Betrachten von Witzfilmen“. Foto: Verlag/Suhrkamp

In Rafael Horzons Buch „Das Neue Buch“ will eine Figur namens Rafael Horzon einen Roman schreiben, er hat aber keine Fantasie. Also schreibt er darüber, was ihm passiert, während ihm nichts einfällt. Ein Schelmenroman voller trauriger, aber auch voller absurd lustiger Szenen.

Stuttgart - Die Gestaltung des Umschlags und der Klappentext eines Buches sind im besten Fall nicht weiter störend. Hier sagen sie allerdings wirklich etwas aus über das, was einen bei der Lektüre erwartet. Alles ruft: Achtung Ironie! Pop! Zitat!

„Rafael Horzon studierte Philosophie, Latein, Physik und Komparatistik in Paris, München und Berlin, bevor er sich 1995 zum Paketfahrer der Deutschen Post ausbilden ließ.“ Charmanter kann man sich kaum distanzieren vom Wunsch mancher Autoren, ihren bieder intellektuellen Werdegang mit etwas Bodenständigem oder Halbweltartigem – Taxifahrer, Türsteher, Thai-Boxer – aufzurauen.

Cooler Schelmenroman

Und auch der Einband verrät: wirklich spiegeln – die Gesellschaft, die Zeit – kann und will das Buch nicht. Es schimmert zwar silbern und spiegelartig, doch was man am Ende sieht, sind maximal die eigenen Fingerabdrücke. Die Spiegeloptik immerhin betont, welchem Genre „Das Neue Buch“ angehört – dem des Schelmenromans, in einer coolen Version.

Wie im klassischen Schelmenroman erlebt Horzon viele Abenteuer, stolpert von einer Party zur nächsten, stapft durch die sizilianische Hitze, verliert Geld beim Pferderennen, hat faule Mitarbeiter, setzt bei einem Kunden (er ist auch Möbelhersteller! mit einem Laden in der Torstraße in Berlin Mitte) die Küche unter Wasser.

Doch während der klassische Schelm der Gesellschaft den Spiegel vorhält, ungebildet und bauernschlau ist, ist der Held namens Rafael Horzon durchaus gebildet, zitiert Nietzsche, Goethe und Thomas Mann (spielt sogar einmal eine Szene aus dessen Novelle „Der Tod in Venedig“ nach, nur eben in Karlsbad, wo er so viele Schnabeltassen des berühmten Quellwassers schlürft, dass er einen schlimmen Blähbauch bekommt).

Daniel Kehlmann hilft

Und er kennt ziemlich coole Leute, Autoren, Modeblogger und Künstler, die Namen tragen von Menschen, die es in der Wirklichkeit gibt. Christian Kracht etwa, Popliteraturbruder im Geiste, mit dem er gemeinsam den Titel seines ersten Buches „Das weiße Buch“ ausgedacht haben will. Und Daniel Kehlmann, der im übrigen mit „Tyll“ einen wirklichen Schelmenroman geschrieben hat. Und der Horzon am Ende auch zu einem Thema – einfach aufschreiben, was ihm so passiert ist – und zu dem Titel des Buches verhilft.

Denn Horzon will ein Buch schreiben, behauptet aber, keine Fantasie zu besitzen und nur schreiben zu können, was er erlebt habe, weshalb er auf Wikipedia auch lieber Sachbuchautor als Künstler genannt werden will. Problem: Er hängt gerne wie Ivan Gontscharows Held Oblomow einfach daheim auf dem Sofa herum und isst Toffifee oder lässt sich anderweitig vom Schreiben ablenken, kauft Goldketten mit seinem Freund Mollenkott oder druckt seitenlang Kontaktanzeigen aus.

Vermessung der Frauen

Und er hat kaum Kontakt zu Frauen - abgesehen von seiner Assistentin Verena - und er weiß scheinbar nichts über sie. Dabei ist dies, einem anderen Freund zufolge, das einzige, das ihm zu einem Verkaufserfolg verhelfen könnte: Frauengeschichten, Sex. Weshalb Horzon auf einer Feier mit der Recherche anfängt und die Damen – darunter die Autorin Helene Hegemann – mit dem Zollstock vermessen will und natürlich sofort als Spinner beschimpft wird. Wer auf die Idee kommt, dass damit auch auf Kehlmanns Welthit „Die Vermessung der Welt“ angespielt wird, liegt womöglich nicht falsch.

Jedenfalls ist das Buch ein herrlicher Kommentar über Dichtung und Wahrheit, Ironie, aber auch todtraurige tiefere Bedeutung. Denn zu den Erlebnissen, die er auf Geheiß von Kehlmann aufschreibt, gehört neben bizarrem, lustigem Berliner Tag- und Nachtleben auch eine herzzerreißende Freundschafts- und Liebesgeschichte. Gewidmet ist das Buch Carl Jacob Haupt. Ein Mann dieses Namens gab es, ein Mode-Blogger, der mit 34 Jahren an Krebs starb, davor noch tapfer lebte und liebte und seine Freundin auf einem Fest in Sizilien heiratete. Diese Passagen sind derart warmherzig und traurig, dass man sehr dankbar ist für all die sonstige Selbstironie, den naiven Enthusiasmus, die übertriebenen Tollpatschigkeiten und Tölpeleien des Helden. Das Lachen, wenn überhaupt, lässt einen die Gemeinheit des Lebens, erdichtet oder real, ertragen.

Info zum Buch

Rafael Horzon: Das Neue Buch. Verlag Suhrkamp Nova, 297 Seiten, 20 Euro.

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