Unprätentiöser Rockstar: Dave Grohl, Sänger und Gitarrist der Foo Fighters, 2019 in Leeds. Foto: imago images/PA Images/Lexie Harrison-Cripps

Auf dem neuen Album „Medicine at Midnight“ greift der Foo Fighters-Chef und frühere Nirvana-Drummer Dave Grohl Stimmungen auf und ringt dem Classic Rock noch Facetten ab.

Stuttgart - „Are you afraid of the dark?“, fragt Dave Grohl in „Making a Fire“, dem Opener des aktuellen Foo Fighters-Albums „Medicine at Midnight“ – als wollte der Sänger, Gitarrist und Songwriter die Corona-Düsternis wegfegen. Ein Riff in fröhlichem Dur erklingt, dazu sonnige Na-na-na-nas, beim hymnischen Chorus kommen noch juchzende Woo-hoos dazu – und schon in der Studiofassung intonieren die Background-Sängerinnen den Mitsing-Teil.

 

Den wird das Publikum nach Corona aufnehmen in den Stadien, in denen die Foo Fighters längst angekommen sind. Grohl steckt im Zwiespalt aller erfolgreichen Rock’n’Roller: Wie die rebellische Aura wahren und zugleich Hits für die Massen liefern? Waren Metallica noch Metal, nachdem ihr schwarzes Album sie 1991 zu Popstars machte, Green Day noch Punkrock nach ihrem Mainstream-Album „American Idiot“ von 2004?

Ein Jongleur auf dem Hochseil

Grohl hat ursprünglich Schlagzeug gespielt bei den Grunge-Ikonen Nirvana, die 1991 die letzte originäre Rock-Revolution anführten und mit der Hymne „Smells like Teen Spirit“ das Lebensgefühl einer Generation auf den Punkt brachten. Er trägt also ein gewichtiges Erbe mit sich herum und erweist sich seit Jahren als geschickter Jongleur auf dem Hochseil: Auch in gefälligeren Songs verströmen die Foo Fighters den Druck und die Energie einer veritablen Alternative-Rock-Band, der Frontmann bleibt stimmlich rau und optisch ein unprätentiöser Rock’n’Roller zum Anfassen.

Grohls Kompositionen sind griffige Rocknummern mit starken Melodien, die ihm Grammys und andere Preise eingebracht haben. Die überbordende Lagerfeuer-Hymne „Waiting on a War“ dürfte da direkt anschließen, vielleicht auch die ausgeklügelte Pop-Nummer „Shame Shame“ mit ihrer starken Hookline und einem gefühligen m, auf das künftige Stadion-Besucher sicher ebenfalls gerne einsteigen. In „Cloudspotter“ mischt Grohl Chili Peppers-Funk mit einem Chorus, der durchaus auch von Bon Jovi stammen könnte – wenn er nicht so schön angeschrägt wäre.

Ein solider Rock-Handwerker

Kleine rhythmische und harmonische Finessen sind es, die Grohls Songs abheben. „Holding Poison“ etwa wartet mit einem Gitarrenwall auf, zerklüftetem Groove in den Strophen und offener Harmonik im Chorus – und auch die Strophe von „Making a Fire“ bietet eine ausgeklügelte Rhythmik.

Oft ist Grohl einfach gerne nur solider Rock-Handwerker. Im Titelsong zelebriert er Americana-Sound alter Schule, weit wie der Westen, ein bluesiges Gitarrensolo inklusive. „No Son of mine“ ist eine funkensprühende Hommage an den klassischen Riff-Rock, „Love dies young“ wäre gut geeignet als Erkennungsmelodie für einen Coming-of-Age-Film unter kalifornischer Sonne, in dem zweiflerische Jugendliche Ventile für ihren Lebenshunger suchen. Und in „Chasing Birds“ träumt Grohl zu Gitarren-Arpeggios vor sich hin, als würde er sich gerne zurückbeamen in die 70er Jahre.

Der richtige Song zum Aufbruch

Er ringt dem Classic Rock noch Facetten ab und greift therapeutisch Stimmungen auf wie Bruce Springsteen, der Übervater des amerikanischen Rock-Handwerks. Neben ihm durfte Grohl jüngst auftreten bei der Amtseinführung von Joe Biden und Kamala Harris. Die Matte frisch gebürstet und ein Sakko überm T-Shirt, sang er „Times like these“, einen Hit von 2002. Der beginnt als besinnliche Ballade und mündet in ein ausgelassenes Toben – als wäre er geschrieben worden für den Aufbruch am Ende einer finsteren Ära.