Der neue Reichtum der Internationalen Bachakademie: der Nachbau einer barocken Silbermann-Truhenorgel Foto: Wilhelm Mierendorf

„Reich ist man nicht durch das, was man besitzt, sondern noch mehr durch das, was man mit Würde zu entbehren weiß.“ Mit diesem Zitat des griechischen Philosophen Epikur setzte Wieland Backes den Schlusspunkt unter eine überraschende Gesprächsrunde beim Musikfest der Bachakademie.

Stuttgart - Das Festivalmotto „Reichtum“ wollen die Verantwortlichen bei der Bachakademie nicht nur durch die Bandbreite des Repertoires und der Interpretationshaltungen beleben, sondern dieser mehrschichtige Begriff soll auch reflektiert werden. Interessant war dabei die Gegenüberstellung einer subjektiven Haltung, die der Kärcher-Geschäftsführer Johannes Kärcher in der Stiftskirche vertrat, mit der abendlichen Diskussionsrunde in der L-Bank.

Kärcher machte gar keinen Hehl daraus, dass er qua Herkunft und Tätigkeit zu den Reichen in dieser Republik zählt. Für ihn ist dieser materielle Wohlstand aber „eine tief empfundene Dankesschuld gegenüber Gott“, aus der – so Kärcher – eine Nächstenliebe erwachse, die sich konkret in Mäzenatentum oder Sponsoring erfülle. Man muss den protestantischen, in Teilen auch pietistischen Standpunkt Johannes Kärchers nicht teilen, dennoch überzeugt seine Haltung, da sie sich an diesem Nachmittag als reflektiertes Bewusstsein und als konsequentes Handeln präsentiert. Kärcher geht in seinem halbstündigen, von viel Wissen und Klugheit geprägten Vortrag der Etymologie des Begriffs auf den Grund, verortet ihn dabei als Nähe zum göttlichen Wesen, entwickelt dann eine historische Schau von der Antike über den weisen Fürsten des Absolutismus bis zum modernen Industriellen. Das Recht auf Privateigentum verteidigt er zwar, formuliert aber dennoch den Auftrag, diesen materiellen Reichtum wieder der Allgemeinheit zukommen zu lassen, gleichsam in den immateriellen Reichtum von Kunst, Kultur und Bildung zu investieren. Und natürlich dürfe ein Mäzen dann auch nach seinen privaten Vorlieben fördern, dürfe „dorthin Wert geben, wo bereits Wert ist“.

Geglückte Premiere des neuen Veranstaltungsformats „Nachgedacht“

Reich wurde dieser Vortrag Johannes Kärchers auch dadurch, dass er intellektuell tiefgründig die – nicht zu hörenden, aber mitzudenkenden – Texte der Bachschen Orgelchoräle in seine Gedanken einflocht. Kay Johannsen gestaltete diese mit fein differenziertem Klangbild. Vom schlicht-dezenten „Christum wir sollen loben schon“ BWV 611 steigerte er die Vielfalt des Orgelklangs immer mehr bis zum jubelnden „In dir ist Freude“ BWV 615, und am Ende der Fuge D-Dur BWV 532 vermeinte man im finalen Glockenspiel-Arpeggio gar das Klingeln von Münzen zu vernehmen. Eine geglückte Premiere erlebte dieses neue Format „Nachgedacht“ beim Musikfest also, da hier Gedanken und Musik Hand in Hand gingen.

Mehr von dieser Klarheit und Klugheit hätte man über weite Strecken auch der Diskussionsrunde am folgenden Abend gewünscht. Die SWR-Talk-Legende Wieland Backesstellte durchaus die richtigen Fragen und konfrontierte seine Gesprächspartner mit – für sie - unangenehmen Wahrheiten, etwa wenn er in die Runde warf, dass 52 Prozent des Nettovermögens in Deutschland sich auf gerade einmal 10 Prozent der Bevölkerung verteilt. Rosely Schweizer, Nachfahrin des Backpulver-Giganten Oetker, deren Privatvermögen im Milliarden-Bereich geschätzt wird, zog sich leidlich aus der Affäre, wenn sie von der Verantwortung sprach, in das eigene Unternehmen aber auch in soziale und künstlerische Projekte zu investieren. Gleichzeitig versuchte sie eine Lanze zu brechen: In Deutschland, so Rosely Schweizer, sei es geradezu verpönt, über Reichtum und mäzenatische Förderung zu reden; keiner wolle als Angeber gebrandmarkt werden. Doch ihrer Meinung nach müsse diese Unterstützung des kulturellen Reichtums einfach „nur richtig kommuniziert“ werden.

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