Der E-Luxuswagen EQS hat für Mercedes eine immense Bedeutung – als Flaggschiff der Elektroflotte, als Technologieträger und als Tesla-Jäger. Foto: /Daimler AG

Daimler bläst mit dem Elektro-Flaggschiff EQS zur Offensive und will im Luxussegment Marktanteile zurückholen. Bei Energieeffizienz, Reichweite und digitalen Technologien macht der Konzern einen großen Sprung nach vorn und tritt dem lange überlegenen Rivalen Tesla nun selbstbewusst entgegen.

Stuttgart - Flink flitzen die Kügelchen auf dem roten Leuchtband von der Fahrertür über das gesamte Armaturenbrett bis zur Beifahrertür. Die rote Farbe bedeutet, dass das E-Auto gerade Strom verbraucht und die Batterie anzapfen muss. Kaum geht der Fahrer vom Gas, wechselt das Ambiente im Innenraum die Farbe. Aus dem roten Band wird ein blaues, das allen Passagieren signalisiert: Jetzt wird die Batterie geladen, das Fahrzeug wandelt die Bewegungsenergie des Fahrzeugs in neue Reichweite um.

 

Spielerisch und anspruchsvoll zugleich

Das ständige Wechselspiel zwischen Laden und Entladen der Batterie gehört zu den größten Besonderheiten des Fahrens mit einem E-Auto, und manche machen daraus einen umweltfreundlichen Sport, der zudem Geldbeutel und Zeitbudget schont. Denn beim E-Auto hängt der Verbrauch und damit die Reichweite noch wesentlich stärker von der Fahrweise ab als beim Benziner und dem Diesel. Wer vorausschauend fährt und so sachte bremst, dass dabei ein Maximum an Energie in die Batterie zurückgespeist werden kann, kommt deutlich weiter und spart außer Geld auch Ladestopps, die beim E-Auto noch immer deutlich länger dauern als beim Auto mit Verbrennungsmotor. Dieses Motiv des vorausschauenden Fahrens wird in der elektrischen S-Klasse, die Daimler am 15. April erstmals vorstellen wird, auf spielerische Weise ebenso umgesetzt wie mit anspruchsvollster Technologie.

Ein Hoffnungsträger des Konzerns

Der sparsame Umgang mit dem Strom ist nicht nur für die Umwelt wichtig, sondern auch für den Daimler-Konzern, der sich unter Vorstandschef Ola Källenius ganz der Elektromobilität verschrieben hat und in den kommenden Jahren den Anteil der verkauften E-Autos massiv steigern will. Mit dem neuen EQS – der rein batterieelektrisch betriebenen Variante des Luxusmodells S-Klasse – geht Daimler auf diesem Weg den bisher größten Schritt. Die Bedeutung des Fahrzeugs, das am 15. April seine Weltpremiere feiern wird, kann daher kaum überschätzt werden. Denn die S-Klasse ist nicht nur das Fahrzeug für die anspruchsvollsten und zahlungskräftigsten Kunden des Konzerns, es ist auch das wichtigste Aushängeschild für die technologische Kompetenz von Daimler. Beim EQS will der Konzern Luxus, digitale Technologie und Elektrokompetenz in einem Fahrzeug vereinen.

Ein Sprung bei Effizienz und Reichweite

Ohne eine ordentliche Reichweite wäre es schwer, die Akzeptanz der Kunden zu gewinnen – und genau hier legt Daimler nun kräftig vor. Das Fahrzeug kommt nach dem gültigen Standard WLTP auf eine fast schon sagenhafte Reichweite von 770 Kilometern. Damit dieser Wert nicht nur auf dem Papier erreicht wird, tut der Konzern alles, um die Fahrer zu einer ökonomischen Fahrweise zu motivieren.

Daimlers künftiges Elektroflaggschiff ist der erste E-Mercedes, der von Grund auf als Elektroauto entwickelt wurde – anders als der elektrische Geländewagen EQC und das Kompaktfahrzeug EQA, bei denen der E-Antrieb in eine auch für den Verbrenner gedachte Architektur eingebaut wurde. „Die neue Elektroplattform ist der Schlüssel zu nachhaltigem automobilem Luxus“, sagt Källenius.

Der weiße Elefant heißt Tesla

Auf den ersten Blick erscheint es wie ein Detail für Technik-Fans, dass die neue Elektroplattform, intern Eva II genannt, für den EQS einen deutlich längeren Radstand aufweist. Doch dies hat grundlegende Auswirkungen auf das gesamte Fahrzeug und seine Eigenschaften. Denn dadurch konnten die Entwickler auf der Unterseite eine wesentlich größere Batterie einbauen, die mit ihrer Kapazität von 108 Kilowattstunden auch Spitzenmodelle des großen Konkurrenten Tesla in den Schatten stellt. Der Elektroautohersteller des amerikanischen Raketenmanns Elon Musk ist für Daimler stets der weiße Elefant im Raum.

Wegen des E-Motors wird kein großer Motorraum mehr benötigt – daher kann der Vorbau verkürzt werden, was wiederum der Reichweite zugutekommt. Mit einem cw-Wert von 0,20 hat der EQS nach Konzernangaben den besten Luftwiderstandswert aller gegenwärtigen Serienfahrzeuge weltweit.

Da man schon mal beim Optimieren war, hat man auch gleich die Fugen zwischen Motorhaube und Kotflügeln abgeschafft und im Grunde auch die Motorhaube selbst. Denn die Abdeckung des Vorbaus erstreckt sich aus einem Guss bis zu den Reifen und kann nur noch in der Werkstatt geöffnet werden. Schließlich ist ein Motorölwechsel beim Elektroauto nicht mehr erforderlich. Selbst gewechselt wird nur noch das Wischwasser, für das an der Karosserie seitlich ein herausfahrbarer Einfüllstutzen eingebaut ist.

Auch digitale Technologien sollen dazu beitragen, aus jeder Kilowattstunde Strom ein Maximum an Reichweite herauszuholen. Die intelligente Navigation etwa erkennt von Weitem, ob das Fahrzeug demnächst abgebremst werden muss – sei es durch ein vorausfahrendes Fahrzeug, durch eine Kurve oder ein Tempolimit. In solchen Fällen fordert die Elektronik den Fahrer auf, keine Pedale zu bedienen und verändert die Geschwindigkeit dann so, dass ein Maximum an Bremsenergie zurückgewonnen wird. Da ist es fast logisch, dass das Fahrzeug mit 16 Kilowattstunden Stromverbrauch pro 100 Kilometer deutlich genügsamer ist als andere Fahrzeuge dieser Klasse.

Plattform für weitere Modelle

Der Schritt, den Daimler mit dem EQS geht, reicht weit über dieses Modell hinaus. Denn die Plattform ist variabel und wird für die künftige Geländewagen-Variante der S-Klasse ebenso verwendet werden wie für die geplante Elektrovariante der E-Klasse und deren Geländewagen-Version. Für die E-Klasse wird der Radstand verkürzt, und damit die Batterie hineinpasst, werden zwei von deren zwölf Modulen weggelassen.

Mit der strategischen Forcierung der Elektromodelle befindet sich Daimler ganz im Einklang mit den Vorgaben der Politik, die diese Technologie schnellstmöglich voranbringen und den Verbrennungsmotor am liebsten bald verbieten würde. Dass der Strom auch fürs E-Auto noch für lange Zeit zu einem guten Teil aus Kohle erzeugt wird, schmälert dessen Klimabilanz zwar beträchtlich. Den Strommix des Energiesystems kann Daimler allerdings nicht steuern, wohl aber den Verbrauch der E-Autos, deren indirekter CO2-Ausstoß mit dem Stromverbrauch der Modelle deutlich sinkt.

Auch dem Nachteil, dass die Batterie umweltschädlich und zum Teil mit Kinderarbeit gewonnenes Kobalt enthält, tritt Daimler entgegen – die kürzlich in Stuttgart-Hedelfingen gestartete Produktion von Batteriezellen kommt mit weniger Kobalt aus, zudem überwacht Daimler seine Lieferketten und will so Verstöße gegen Menschenrechte und Umweltstandards vermeiden.

Signal für die Beschäftigten

Und auch für die Beschäftigten, die angesichts des Umsteuern in Richtung E-Auto um ihre Jobs bangen, hat Daimler eine indirekte Botschaft parat: Der EQS ist nicht ohne Grund kompakter und von sportlicherem Erscheinungsbild als die Verbrenner-Version der S-Klasse. Mit ihm will Daimler vor allem Kunden ansprechen, die ansonsten mit anderen luxuriösen, leistungsstarken und hoch digitalisierten E-Autos wie dem Tesla S oder dem Porsche Taycan geliebäugelt hätten. Der eigenen S-Klasse, deren neues Modell erst im vergangenen Jahr mit Verbrennungs- und Hybridmotoren gestartet ist, will man dagegen möglichst wenige Kunden abspenstig machen.

In der Luxusklasse wird es bei Daimler also noch länger ein Miteinander zwischen den unterschiedlichen Antriebstechnologien geben, über deren Zukunft man sich derzeit die Köpfe heißredet.