Endzeitstimmung an der Staatsoper Stuttgart: Der Regisseur David Hermann kombiniert Mahlers „Lied von der Erde“ mit Jelineks „Bienenkönige“.
Stuttgart - Tot, tot, alles tot. „Da haben wir also wieder mal einen, der sich selber zerstört hat“: Ein Wissenschaftler, von einer anderen Galaxie abgesandt und spezialisiert auf Sterbeforschung bei Planeten, betritt eine kaputte Szene. Deutet die halb fertige Bühne, die einmal der Bebilderung einer großen Oper, nämlich Richard Strauss’ „Frau ohne Schatten“, dienen sollte, um. Hier ist nichts mehr am Werden, hier ist alles bereits vorüber, verwest, gewesen. Den Forscher hat Elfriede Jelinek schon 1976 ausgesandt: In ihrem Text „Die Bienenkönige“ schickt sie ihn auf den Weg in die Trümmer, lässt ihn Reste des Lebens entdecken, über menschliche Unterdrückungsmechanismen auf dem untergegangenen Planeten reflektieren. In der Staatsoper Stuttgart nimmt sich am Dienstagabend Katja Bürkle dieser Figur an: grandios, wie sie hineinkriecht in deren ins Analytische gewendeten Ekel, wie sie sich hineinbohrt in die angewiderte Distanz, dabei jedes Wort, jede Phrase sinnfällig modellierend.
Nachdem Strauss’ groß besetzte Oper Corona-bedingt abgesagt wurde, hat der Regisseur David Hermann aus der Not eine Tugend und Jo Schramms halb fertiges Bühnenbild zum Ort eines Experiments gemacht. Der nach vorne aufgeschnittene, runde Raum mit seinen vertikal aufstrebenden, von Neonröhren beleuchteten Stützpfeilern; dazu die Spielfläche, die aus einem Wassergraben und einem markanten, drehbaren Querbalken besteht, der dem Zeiger einer riesigen Uhr ähnelt: All dies wird zu einem postapokalyptischen Szenario. Müllbeutel und Kartons liegen herum – Reste eines Staatswesens, in dem (männlicher) Machtmissbrauch zur Tagesordnung gehörte. „So wie ich es sehe,“ beschreibt Jelineks Forscher nüchtern die Welt, wie sie war, „hatten sich Wesen, die auf Grund ihres Geschlechts benachteiligt waren, mit Wesen, die auf Grund ihrer Arbeitsbedingungen benachteiligt waren, zu einem handlungsfähigen Gesamtkörper zusammengeschlossen. Das entspricht einer reifen sozialen Leistung.“ Nach den Naturkatastrophen des 20. Jahrhunderts und angesichts der aktuellen Klimaveränderungen liest sich Jelineks 44 Jahre alter Text wie eine rabenschwarze Prophezeiung.
Gebrochene und einsame Individuen
Dafür, dass das Ganze Musiktheater wird, sorgt Cornelius Meister am Pult des Staatsorchesters. Schon den Textvortrag zu Beginn garniert er mit kurzen Passagen aus Mahlers „Lied von der Erde“. Dann folgt das ganze Werk, und zwar – Corona-konform – in einer Fassung, die den in dieser Lieder-Sinfonie auskomponierten Zerfall der Strukturen auf die Spitze treibt. Arnold Schönbergs Bearbeitung, die erst in den 1980er Jahren durch den Komponisten Rainer Riehn fertiggestellt wurde, verstärkt in ihrer solistischen Faktur das Gebrochene, Individuelle, auch Einsame der ohnehin schon kammermusikalisch aufgefächerten Mahler-Partitur; sie schärft die Gegensätze, setzt zudem das exotische Kolorit des Originals frei. Der Stuttgarter Generalmusikdirektor dirigiert die überaus wachen Instrumentalisten mit großer Präzision und sorgt außerdem dafür, dass neben Kante und Kontrast auch hochsinnliche Momente aus dem Orchestergraben klingen.
Aber in Mahlers Endzeitstimmung erwächst Schönheit nur noch aus Dunkelheit und Resignation, und die von Jugendstil-Ornamentik durchdrungenen vertonten Gedichte von Hans Bethge sind nichts als wehmütige Erinnerungen. Insofern passt, was die vier Solisten (die ursprünglichen zwei Gesangspartien teilen sich zwei hohe und zwei tiefe Stimmen) an diesem Abend sein sollen: Überlebende nach der Katastrophe, die auf der vermüllten Bühne Platte machen – Seelen-Versehrte ohne Hoffnung. Die Kostümbildnerinnen Claudia Irro und Bettina Werner haben sich ausgetobt, hüllen die Sänger in Fetzen, viel buntes Plastik, versehen verletzte Gliedmaßen mit Verbänden.
Dauertraurige Endzeit-Assoziationen
Zu Mahlers Klängen über den Erdenjammer passt das gut. Man schleppt sich singend dahin, kauert sich an den Rand, spielt auch mal mit einem Sicherungskasten. Aber das dauertraurige, dauerassoziative Endzeitszenario zieht sich. Es passiert nichts. Man bewundert hochengagierte Sänger, freut sich über den Glanz und die Genauigkeit von Simone Schneider (die sich in einen gepolsterten rosa Plastikbody zwängen ließ) und Thomas Blondelle, bewundert die Feinheit, mit der Martin Gantner zwischen dumpfer Resignation und messerscharfer Präzision changiert,und leidet ein bisschen darunter, dass Evelyn Herlitzius allzu viele Töne nur noch mit viel Kraft und Aufwärtsschleifern erreicht.
Vor dem letzten, längsten Satz der Sinfonie, der den Titel „Abschied“ trägt, wiederholen alle vier Sänger noch einmal das „Dunkel ist das Leben, ist der Tod“ aus dem ersten Lied. Die Phrase wird zum Trinkspruch, und als sie danach ihre Schalen leeren, muss man an Aldous Huxleys Roman „Schöne neue Welt“ denken und an die Droge Soma, mit der die Menschen dort dauersediert werden. Dazu senkt sich ein riesiger, in der Folge mit unterschiedlichen Farben beleuchteter Ball aus dem Bühnenhimmel: eine Discokugel – nein, eher ein Insektenauge. Katja Bürkle schaut in einer Art Bienenkostüm noch mal vorbei. Beim siebenmaligen „ewig“, mit dem Mahlers Stück endet, stehen alle auf dem sich drehenden Querbalken und singen gemeinsam. Immerhin. Aber ansonsten: Ach, so viel Herbst.