Von Ende 2022 an sollen am neuen Bahnhof Merklingen Züge halten. Foto: Deutsche Bahn/Arnim Kilgus

Erst vor kurzem hat Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) den Mangel an Solaranlagen auf Bahnhofsdächern kritisiert. Bei einem maßgeblich vom Land finanzierten Neubauvorhaben verzichtet man aber gleichfalls auf eine Anlage.

Stuttgart - Winfried Hermanns Haltung ist eindeutig. Gefragt nach Bahnhöfen im Land, auf deren Dächern sich keine Fotovoltaikanlagen befinden, antwortet der grüne Verkehrsminister: „Aus Sicht der Landesregierung ist dies bedauerlich. Fotovoltaikprojekte sind ein wesentlicher Bestandteil, damit Baden-Württemberg so schnell wie möglich klimaneutral wird und das 1,5-Grad-Ziel erreicht werden kann“. Christian Jung, verkehrspolitischer Sprecher der FDP im Landtag, hatte sich nach der Einschätzung der Landesregierung erkundigt. Hermann signalisiert in seiner Antwort, dass das Thema angekommen ist. „Der Koalitionsvertrag der die Landesregierung tragenden Parteien Bündnis 90/Die Grünen und CDU sieht vor, dass bei allen Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen des Landes in Zukunft die Realisierung zusätzlicher Fotovoltaikflächen mitgedacht werden soll“.

 

Land bezahlt 40 Millionen Euro

Dieses Bemühen bleibt aber ausgerechnet bei jenem Neubau eines Bahnhofs ohne Folgen, den Hermann mit Verve vorantrieb und der maßgeblich aus Landesmitteln finanziert wird. Der Regionalbahnhof Merklingen im Alb-Donau-Kreis, der nachträglich zu den Plänen für die neue Schnellfahrstrecke Wendlingen-Ulm hinzugefügt wurde, und der Ende kommenden Jahres in Betrieb geht, bekommt keine Fotovoltaikanlage. Bis zu 40 Millionen Euro bezahlt das Land für den Bahnhof, von einem Zweckverband der umliegenden Städte und Gemeinden kommen die restlichen 13 Millionen Euro.

Ein Sprecher des Verkehrsministeriums begründet den Verzicht auf die Anlage mit den Gegebenheiten vor Ort. Mit Wartehäuschen, Treppenhäusern und einer überdachten Fußgängerbrücke biete die Station nur kleine Dachflächen. „Hinzu kommt, dass der Bahnhalt, anders als Bahnhofsgebäude, über keine größeren Stromabnehmer verfügt. Deshalb wurde der Bahnhalt selbst nicht mit einer Fotovoltaikanlage ausgestattet.“ Weil sich also vor Ort keine Verwendung für den Sonnenstrom findet, verzichtet man gleich auf die ganze Anlage.

FDP kritisiert „Fehlplanung“

FDP-Verkehrsexperte Christian Jung zeigt sich von dem Vorgang „sehr verwundert. Das ist ganz klar eine Fehlplanung“, sagt er auf Anfrage. Unter Verweis auf die künftige Solaranlagenpflicht auf privaten Dächern kritisiert Jung die Ungleichbehandlung. „Das, was man den Leuten aufbrummt, befolgt man selbst nicht“. Auch wenn diese Pflicht bei Planungsbeginn für den Bahnhof Merklingen noch nicht gegolten hat, so könne das Land das auch noch im Nachhinein planen. „Die Lage des Bahnhofs ist für eine Nutzung der Sonnenenergie ideal.“ Kein Baum oder ein anderes Gebäude störe den Betrieb einer Solaranlage.

Grundsätzlich räumt man dem Standort auf der Schwäbischen Alb Potenzial für Solarstrom ein. Der Ministeriumssprecher verweist auf den Park&Ride-Parkplatz beim Bahnhof, den der Zweckverband der Anliegerkommunen baut. Für den sei „eine Überdachung der Kfz-Stellplätze durch eine Fotovoltaikanlage geplant“. Allerdings bleibt es zunächst beim Plan. „Trotz des Bemühens des zuständigen Verbands ließ sich leider kein Investor für die nach Prüfung doch erheblichen Baukosten finden“, erklärt der Ministeriumssprecher.