Der User als Schöpfer: In der virtuellen Welt von Mélodie Mousset geben die Betrachter das Kommando – und wachsen Arme aus einem blutroten Meer. Foto: dpa, Mélodie Mousset

Das Kunstmuseum Stuttgart entführt in „Mixed Realities“ in virtuelle Welten, in denen man sich mal wie ein Kind im Wald fürchtet, mal schwerelos durchs Universum gleitet.

Stuttgart - Früher hätte man gesagt: Sing ein Lied, pfeife eine kleine Melodie, dann verflüchtigt sich die Furcht. Es kann einem schon mulmig werden, so allein im Wald, der immer finsterer wird, bis man in einem schwarzen Loch steht. Ende. Sackgasse. Nichts. Das ist ein Stoff, aus dem Albträume gemacht sind. Und selbst wenn sich schließlich in der Ferne eine Lichtung abzeichnet – das Unbehagen, die alte Furcht vor dem dunklen Keller, bekommt man so schnell nicht wieder los.

Es geht also ans Eingemachte in der neuen Ausstellung des Kunstmuseums Stuttgart. „Mixed Realities“ beschäftigt sich mit dem, was die Kunst eigentlich schon immer ausmacht: Illusionen, fremde Welten, Orte und Szenen, die nur in der Imagination existieren. Doch die von Eva-Marina Froitzheim kuratierte Ausstellung geht einen großen Schritt weiter, mitten hinein in digitale Fantasieräume. Von den Decken baumeln sogenannte VR-Brillen, die die Besucher in die Virtual Reality entführen – etwa ist den brasilianischen Regenwald. Der spanische Künstler Daniel Steegmann Mangrané hat ihn für seine Arbeit „Phantom“ in verpixelte Schwarz-Weiß-Bilder übersetzt, durch die der Betrachter sich nun vorsichtig hindurch tastet – und tapsend und sich drehend für das übrige Museumspublikum vermutlich ein köstlich dämliches Bild abgibt.

Steine fliegen durchs Kunstmuseum

Die neuen Techniken haben längst Einzug gehalten in die bildende Kunst. Künstler experimentieren mit Appsund Algorithmen, mit Virtual Reality, kurz VR, bei der man in eine künstliche Wirklichkeit eintaucht, aber auch mit Augmented Reality, bei der in die reale Umgebung plötzlich digitale Elemente hineinflattern. So bröckelt im Kunstmuseum die riesige Schrift „Suspension of disbelief“. Ganze Steine scheinen sich zu lösen und durch den Ausstellungssaal zu poltern – sofern man ein Tablet an der richtigen Stelle vor die Wand hält. Im Idealfall kommuniziert das Gerät wie von Geisterhand mit den Zeichnungen von Tim Berresheim.

Berresheim ist einer der sechs Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung, die sich mit „virtuellen und realen Welten befassen“. Berresheim hat einen kompletten Raum gestaltet, der sich mit der künstlerischen Tätigkeit im technischen Wandel befasst und verschiedene Ebenen mixt. Hier Zeichnungen, dort Motive, die beim Blick durch die Rot-Grün-Brille dreidimensional wirken. Dann wieder holt er die Augmented Reality ins Museum und das Tablet verändert Bildmotive, die durch coole Beats ergänzt werden.

Ganz klar: Die Neuen Medien eröffnen der Kunst viele Möglichkeiten. Sie fordern aber auch das Publikum, das hier mit dem Joystick hantieren, dort mit der schweren VR-Brille auf der Nase hinter einem Vorhang verschwindet oder bei den oft raumgreifenden Installationen herausfinden muss, was schnöde Technik, was Skulptur und damit inhaltlich relevant ist.

Reise durch den eigenen Körper

Die Architekturbilder des Swan Collective werden in jedem Fall nebensächlich, sobald man die VR-Brille aufzieht. Umgehend taucht man ein in seine eigene Welt – oder besser: in sein Ich, wie einem eine Stimme ins Ohr flötet. Sie nimmt einen mit auf die Reise in den eigenen Körper, der nicht aus Fleisch und Blut besteht, sondern aus Architektur, aus futuristischen Gebäuden mit Wasserbecken und riesigen Fensterfronten, durch die man während des mehrminütigen Programms gleitet. „Dein bisheriger Körper ist eine Illusion“, sagt die Stimme, „aber ich sehe dich.“

Das ist spannend, ungewöhnlich, aufregend. Aber wie so oft, wo die Technik regiert, rückt bei einigen Arbeiten der Inhalte in den Hintergrund oder bleibt vage. Wenn Tim Berresheim Vögel, Feuerschwanzamadine oder Dickschnabelnonne für Bildwerke digital aufbereitet, verlieren die befremdlich gefaserten Motive ihre Bedeutung und geht es letztlich allein um den Prozess der Transformation.

Auch die brasilianische Künstlerin Regina Silveira interessiert sich für Transformationen, arbeitet aber häufig noch ganz handfest mit schwarzer Folie, die sie auf die Wand klebt – als seien es riesige Schatten von Objekten. Da sieht man neben einem leeren Ausstellungssockel den verzerrten Umriss einer Tasse – eine Anspielung auf die Felltasse von Meret Oppenheim, die die Wirklichkeit surreal verfremdete.

Kunst aus dem Hochleistungsrechner

Silveira spielt den Sprung von der Fläche in den Raum, vom Objekt zum Nachhall als Schatten in vielen Varianten durch. Die 1939 geborene Künstlerin ist die älteste der Ausstellung, aber ebenfalls mit einer virtuellen Arbeit vertreten. „Odyssee“ ist in Zusammenarbeit mit dem Höchstleistungsrechenzentrum der Universität Vaihingen entstanden und beweist, wie stark die virtuellen Welten auf das körperliche Erleben des Menschen einwirken. Die Nutzer müssen durch einen riesigen Kubus navigieren, bei dem einem ständig neue Gitter und Raster den Weg verstellen und immer unangenehmer bedrängen. Wem nicht schwindelig wird, der kann mit etwas Geschick schließlich doch den Ausgang finden und gleitet durch das Nichts des Universums – frei und verloren zugleich.

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