Das Groove-Jazz-Trio Netzer im Bix So klingt der Herzschlag der Stadt

Von Bernd Haasis 

Netzer: Oli Rubow, Gitarrist Markus Birkle und Bassist Markus Bodenseh (v. li.) Foto: Diehl
Netzer: Oli Rubow, Gitarrist Markus Birkle und Bassist Markus Bodenseh (v. li.) Foto: Diehl

Das Stuttgarter Trio Netzer hat mit einem Konzert im Stuttgarter Jazzclub Bix sein 20-Jahr-Jubiläum zelebriert

Stuttgart - „Ihr seid erlöst!“, ruft der Schlagzeuger Oli Rubow nach knapp zwei Stunden, und alle im gut gefüllten Stuttgarter Jazzclub Bix verstehen das richtig – sie sind Zeugen eines würdigen Jubiläums geworden. Das Trio Netzer, 1998 benannt nach dem Nationalspieler und damaligen Fußball-WM-Kommentator Günter Netzer, steht für eine virtuose Verquickung von Jazz und Groove, der es nun 20 Jahre später eine weitere Facette hinzufügt.

Kein Netzer-Konzert ist wie das andere, die Musiker sind stetig in Bewegung und reihen in Echtzeit virtuose Momentaufnahmen zu einer stimmigen musikalischen Geburtstagstorte. Im Zentrum stehen Motive und Elemente aus Stücken der beiden Netzer-Alben „Pressing“ (1999) und „Mailand Madrid“ (2008), dazu gesellen sich einige House-Soul-Stücke des Stuttgarter Produzenten Michel Baumann, dem die Band schon in ihrem Gründungsjahr mit live eingespielten Instrumenten einen Track veredelte. Und auch mit dessen aus Soul-Versatzstücken und elektronischen Beats konstruierten Werken gelingt, was Netzer schon mit dem Fanta-Vier-Soundtüftler And.Y live vorgeführt haben: Der Rahmen ist nur scheinbar fest vorgegeben, das Trio nützt die Räume, um ihn nach Belieben zu umspielen, auszuspielen.

Durch alle Zitate klingt die Handschriften der Interpreten

Markus Birkle, schon lange der Live-Gitarrist der Fantastischen Vier, ist ein großer Geschichtenerzähler auf den Saiten. Wenn er seiner jüngsten Tochter ein Lied widmet, meint man herauszuhören, wie ein neues Sein ein bestehendes von Grund auf verändern kann. Birkle gestaltet mit Akkorden, Skalen und Effekten, er taucht Töne in tiefes Echo, spielt zwischendurch lupenreinen Blues mit allen afroamerikanischen Schikanen und harsche Rockriffs (Nirvanas „In Bloom). Am Ende huldigt er noch dem großen Carlos Santana, doch auch wenn er dessen typische Licks und dessen flirrenden Sound zitiert, klingt immer die Handschrift des Interpreten durch.

Unter den Händen von Oli Rubow, der schon länger mit Helmut Hattler spielt, wird das Schlagzeug zum gut geschmierten, extrem variablen Uhrwerk: Er schlägt, rührt und schüttelt komplexe, einander überlagernde Beats messerscharf auf den Punkt. Markus Bodenseh steuert an Moog-Synthesizer und E-Bass rhythmische Muster bei, die als solides Fundament fungieren und zugleich immer wieder selbst ausgreifen ins Weite, wie es nur der Jazz bietet.

So entstehen eng verwobene, zutiefst urbane Klanggebilde, in denen der Herzschlag der Stadt widerhallt. Die Originalität der Fußball-Kommentare mag inzwischen nachgelassen haben, Netzer zeigen sich bei ihrer Geburtstagsfeier in nach wie vor bestechender Form.

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