Das Grieshaber-Häuschen auf der Achalm Das Paradies ist gerettet

Von Christine Keck 

Das ausgebaute Gartenhäuschen, in dem  Grieshaber 34 Jahre lebte, soll saniert werden. Die neuen Eigentümer stellen in Aussicht, dass es zeitweise der Öffentlichkeit zugänglich sein wird.   Foto: factum/Weise
Das ausgebaute Gartenhäuschen, in dem Grieshaber 34 Jahre lebte, soll saniert werden. Die neuen Eigentümer stellen in Aussicht, dass es zeitweise der Öffentlichkeit zugänglich sein wird.   Foto: factum/Weise

Der Holzschneider HAP Grieshaber galt als König der Achalm und wohnte bis zu seinem Tod in einem Atelierensemble auf dem Reutlinger Hausberg. Seine Tochter Ricca hat das baufällige Anwesen schweren Herzens verkauft – um es zu retten.

Reutlingen - Im Paradies hinter der geschmiedeten Gartentür greift Ricca Grieshaber als Erstes zum Besen. „Es kommt kaum mehr einer rauf, das wuchert alles zu“, sagt die Besucherin, die zart und fragil ist wie die Kletterpflanze, deren lila Blüten sie im sommerlichen Nachmittagslicht grüßen. So schwer ihr jeder Schritt fällt, selbst mit den orthopädischen Schuhen, so leicht geht ihr das Kehren von der Hand. Sie schnappt sich den Besen an der Treppe, ein paar Schwünge und der Eingangsbereich ist frei von Blättern und Zweigen. Es soll schön aussehen an diesem verwunschenen Ort hoch über Reutlingen, der so lange ihr Zuhause war und dessen Verfall sie aus eigener Kraft nicht aufhalten konnte. Deshalb hat sie vor Kurzem verkauft, was ihr so lieb ist. „Ich musste es machen, es war höchste Zeit.“

Ricca Grieshaber Foto: factum/Weise
Windschief steht das Gartenhäuschen vor der Besucherin, die sich auf ihren Gehstock stützt und die Lesebrille parat hält. Beide hatten schon bessere Zeiten. Die „vereinigten Hüttenwerke“, wie die Nachbarn das illegal erweiterte Ensemble flapsig nennen, hat flaschengrüne Holzläden, ein Dach, durch das es hereinregnet, und eine Vergangenheit, die es vor dem Abriss bewahrt und die es allemal rechtfertigt hätte, ein Museum einzurichten. Genau das hätte sich Ricca Grieshaber gewünscht.

„Er liebte die Natur, er war ein Sonnenkind“ sagt die 62-Jährige in der silbernen Jacke, sie spricht leise und ehrfürchtig über ihren Vater. So, als wolle sie ihn nicht stören in der Werkstatt oder im Atelier, dessen Front ein schnell gepinselter Entwurf zu dem Wandrelief „Männerwald“ ziert. Schließlich hatte er sich in den schöpferischen Stunden Ruhe erbeten – „und daran haben wir uns tunlichst gehalten“, sagt seine Tochter. 34 Jahre lang wohnte HAP Grieshaber, der wohl bekannteste Künstler Reutlingens, auf der Achalm. Dem umtriebigen Himmel und seinen Farben so nah, mitten im Grünen, zwischen Schafen und Streuobstwiesen, sogar einen kleinen Swimmingpool hat er sich gebaut, um seine Schulterpro­bleme zu kurieren.

Die modrige Luft lässt Ricca Grieshaber im Wohnzimmer die Türen aufreißen, sie zerrt ein Stück Pappe auf eine Regenpfütze. Das Rheuma macht ihr zu schaffen. „Es war ein Gottesgeschenk, meine Kindheit hätte nicht schöner sein können“, schwärmt sie und bahnt sich ihren Weg durch die Spinnweben, die alles miteinander vernetzt haben. Weil er die Abgeschiedenheit suchte und sich eine Stadtmiete nicht hätte leisten können, zog HAP Grieshaber nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft in das elterliche Gartenhäuschen mit dem Kohleofen, anfangs ohne Strom und fließend Wasser. Ein paar Jahre später folgte seine Partnerin, die Kunstmalerin Riccarda Gregor-Grieshaber mit ihrer Tochter Nani aus erster Ehe.

Ein stattlicher Mann

Es war die Freiheit in der Höhe, es war der sanfte Schwung der Schwäbischen Alb direkt vor seinen Augen, die der Holzschnitzer schätzte und die ihn anspornten zu einem Werk, das üppig ausfiel und ihm weit über Deutschland hinaus Anerkennung einbrachte. „Das Zimmer mit Blick in den Garten war sein Atelier, in der Ecke stand sein Bett“, erzählt Ricca Grieshaber und wagt sich vorsichtig hinein. Sie hat in einem Ordner ein Foto dabei, das ihren Vater im Atelier an einem Tisch sitzend zeigt. Ein stattlicher Mann, die Arme verschränkt, das weiße Haar schulterlang, ein Schnauzer, den Blick zum Fenster gedreht. Hinter dem Denker stapeln sich Papierbögen, es hängt ein Druck an der Wand.

Mit der Einsamkeit auf dem Berg war es bald vorbei. Die Familie wuchs, als Ricca 1954 im Giebelzimmer geboren wurde und sich das Hangstück in beschaulicher Lage über die Jahre zu einer Art Außenstelle der Stuttgarter Wilhelma entwickelte. Was mit dem brandroten Chow-Chow Chéri anfing, hörte mit den mäusejagenden Katzen, dem Bernhardiner, den beiden englischen Bulldoggen, dem Pfau, den isländischen Ponys, den Schafen und dem vietnamesischen Hängebauchschweinchen noch lange nicht auf. „Ich habe Peggy zum Geburtstag geschenkt bekommen, einen bissigen Rhesusaffen.“ Ricca Grieshabers Erinnerungen an das Weibchen, dessen Käfig im Wintergarten stand, sind keine guten. Selbst Gäste auf der Achalm sind attackiert worden. „Es war dramatisch, Peggy hat Hilde Domin büschelweise die Haare ausgerissen.“ Der Besuch der Lyrikerin prägte sich bei der Jüngsten im Hause nachhaltig ein. Das Äffchen hätte nie als Haustier gehalten werden dürfen – und doch fand es im Grieshaber’schen Zoo schnell seinen festen Platz.

Ob Frauen oder Tiere, Fabelwesen oder die Formen der Landschaft, ihr Vater habe alle Motive in seiner Nähe gut verwertet, weiß Ricca Grieshaber. Sie selbst ist schon als Baby in mehreren Variationen ins Holz geschnitzt worden. Vom indischen Pfau bis zur Wacholderheide, so typisch für die Alb, taucht die Umgebung in der Kunst auf. „Er war ein Sehender, einer, der Tag und Nacht geschafft hat“, sagt Grieshaber, die als Fotografin selbst einen geschärften Blick hat.

Zu den höher gelegenen Stallungen, wo die Ponys und der Esel standen und bis heute deren Namenschilder hängen, ist der Weg für Ricca Grieshaber zu beschwerlich. Sie schaut stattdessen nach dem Kiwistrauch, den ihre Mutter, eine Gartenliebhaberin, gepflanzt hat, und nascht eine reife Maulbeere. Um die Spitze des Urweltmammutbaums zu sehen, muss sie den Kopf weit in den Nacken legen. Sie hängt an dem Baum aus Kenia, der alles überragt. Ein Fremdkörper in der schwäbischen Flora und doch tief verwurzelt im Boden. So ähnlich erging es auch ihrer Schwester Nani Croze, aus deren zweiter Heimat der Ableger stammt. Sie hat sich im ostafrikanischen Kitengela eine Glaswerkstatt eingerichtet, sie schafft Skulpturen voller Poesie in ihrem Anwesen mit vielen Hütten und Papageien. Eines ihrer Werke leuchtet gelb-grün-blau auf der Achalm, es ist ein Grabstein mit einem Flöte spielenden Pan. Sie hat ihn für ihren Vater entworfen. „Ich wollten den Stein hier haben und nicht auf dem Friedhof in Eningen, wo Papa liegt“, sagt Ricca Grieshaber, die immer Kontakt zu ihrem Vater gehalten hat.

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