Die Fußball-EM findet nur in Europa statt? Wohl kaum: Weltweit fiebern Menschen mit, die Wetten abgeschlossen haben. Das Geschäft boomt besonders in Asien – nur ist es dort nicht immer gern gesehen.
In Thailand wittert man gerade das große Geschäft: „Die diesjährige EM-Ausgabe wird lebhaft, da Liveübertragungen zu hoher ökonomischer Aktivität führen werden, wie etwa den Verkauf von Essen und Getränken, auch auswärtig, um währenddessen die Spiele zu sehen.“ So schätzt ein Bericht der Thailändischen Handelskammer die Wirtschaftseffekte der Fußball-Europameisterschaft ein, die seit 14. Juni am anderen Ende der Welt stattfindet, in Deutschland.
Aber die Thailänder sind trotzdem nah dran. Mit insgesamt 87,6 Milliarden Baht (rund 2,22 Milliarden Euro) zusätzlichen Einnahmen rechnet die Wirtschaftsvertretung durch das Turnier. Wobei Speis und Trank nur einen kleinen Anteil der Erlöse ausmachen dürften. 67 Milliarden Baht entfallen den Schätzungen zufolge auf Sportwetten, was einen Anstieg von 17 Prozent im Vergleich zur letzten EM 2021 markieren würde. Die Handelskammer lobt „das beachtlichste Wachstum“ des Wettvolumens.
Fußballerisch mag die Europameisterschaft ein ausschließlich europäisches Ereignis sein. Ökonomisch aber ist es ein globales Event. Weltweit verfolgen Menschen nicht nur vermeintliche Topspiele wie Spanien gegen Kroatien, sondern auch Begegnungen von Außenseitern wie Rumänien und der Ukraine. Denn wo hohe Quoten locken, sind diejenigen, die ihre Wetten platzieren wollen, nie weit.
Glücksspiel ist in Asien eine akzeptierte Art der Geselligkeit
Das weltweite Geschäft für Sportwetten lag im Jahr 2022 bei gut 219 Milliarden Euro, wobei die Dunkelziffer deutlich höher liegen dürfte. Zu den größten Wettmärkten gehören neben den USA auch Großbritannien, Australien, Japan und China. Das Thema Sportwetten schlägt dieser Tage dabei auffallend hohe Wellen in einer Region, die von Europa weit entfernt ist: Ost- und Südostasien. Längst nicht nur in Thailand haben sich Politik und Wirtschaft in Stellung gebracht, um einer Flut von Wettaktivität zu begegnen.
Gerade in Ländern, wo der kulturelle Einfluss aus China stark ist, zählt das Glücksspiel zu den beliebtesten Hobbys oder Obsessionen der Menschen. Zocken gilt weniger als Ausdruck von Gier, Sünde oder schlechter Mathematik, wie man es im Westen oft sieht. Es ist eher eine akzeptierte Art der Geselligkeit. Nirgendwo auf der Welt ist Gambling so salonfähig wie in Asien. Aber je nach Land handhaben Regierungen das Thema mittlerweile unterschiedlich. Nicht überall ist man so liberal wie in Thailand.
So hat die Regierung des Stadtstaats Singapur kurz vor Beginn der EM ein Statement herausgegeben, in dem vor illegalen Wetten gewarnt wird: „Die Polizei wird das Gesetz streng durchsetzen gegen unerlaubtes Wetten sowie diejenigen, die Wettsyndikate unterstützen.“ Im Jahr 2023 seien mehr als 300 Razzien durchgeführt worden, die zu mehr als 450 Verhaftungen führten. Während der letzten EM 2021 seien 74 Personen festgenommen worden. Wetten sind in Singapur nur über das Staatsmonopol erlaubt.
Ähnlich sieht es in Hongkong aus, wo man historisch vor allem auf Pferderennen setzt. Allerdings bietet der Jockey Club über seine App schon seit Jahren auch Fußballwetten an. Kurz vor Turnierbeginn betonte die Polizei, dass während der WM 2022 in Katar 6781 Personen für illegales Gambling festgenommen wurden. Nun wächst die Befürchtung, Hongkong werde erneut zu einem Wettschmelztiegel: „Wir erwarten, dass die Fälle illegaler Wetten während der Europameisterschaft zunehmen“, sagte Wong Yu-Fai, Kriminalkommissar der Hongkonger Polizei.
Autos oder gar Küchengeräte als Wetteinsatz
Nach offiziellen Schätzungen haben in Hongkong rund 90 Prozent der Männer schon einmal an Glücksspiel teilgenommen. In vielen anderen asiatischen Ländern dürfte der Anteil ähnlich hoch liegen. Studien gehen davon aus, dass vier Prozent der Menschen in Hongkong ihr Wettverhalten nicht oder nur teilweise unter Kontrolle haben. Zur EM könnte dieser Anteil nun zunehmen.
Schon 2010 hieß es in einem im Forschungsjournal „Primary Care Companion to the Journal of Clinical Psychiatry“ veröffentlichten Papier: „In Zeiten ökonomischer Krise ist es wahrscheinlich, dass mehr Menschen finanziell riskantes Verhalten wagen, besonders im Glücksspiel.“ So hat das Glücksspiel vielerorts in Ost -und Südostasien etwas Anarchisches. Menschen setzen Bar- oder Digitalgeld ein, aber auch Essen und alle möglichen Objekte, in denen ein Wert erkannt wird, von Küchengeräten bis zu Autos.
Nur wozu das Ganze? In Thailand hat eine Umfrage der Handelskammer ergeben, dass 47 Prozent der Befragten Sportwetten bloß aus Spaß abschließen, 45 Prozent aber auch die Hoffnung hegen, ihr Einkommen zu verbessern. Im Schnitt 2000 Baht (gut 50 Euro) dürfte in Thailand pro Spiel und Person verwettet werden. Als Topfavoriten, so die Kammer, gelten England, Deutschland, Frankreich, Portugal und Italien. Weniger Erwähnung findet, dass die horrenden Erlöse der Wettbüros bei den allermeisten Teilnehmenden hohe Verluste bedeuten.