Immer mehr Menschen machen sich auf den Jakobsweg. Foto: dpa/Hendrik Schmidt

Der Stuttgarter Verein Ultreia unterstützt Pilger auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela seit 30 Jahren. Auch in Zeiten der Coronakrise dürften viele der Faszination erliegen, sich auf einen Weg der Verwandlung zu machen. Denn hinter dem Pilgern verbirgt sich ein Geheimnis, wie der Stuttgarter Pilgerseelsorger weiß.

Stuttgart - Warum machen sich so viele Menschen auf den Weg? Einfachste Antwort: Um ans Ziel zu kommen. Aber das ist beim Pilgern nur die halbe Wahrheit. Wer sich entschließt, den berühmten Jakobsweg nach Santiago de Compostela zu gehen, hofft auf eine Veränderung, eine Verwandlung. Menschen hoffen, dass dieser Weg sie für immer prägen möge. Jährlich sind es rund 500 000 Pilger, die in Santiago ankommen.

Auch die Stuttgarterin Almut Bélard war vor ihrem sechswöchigen Pilgerweg im Jahr 2004 zunächst beseelt vom Aufbruch. Begeistert von der Gewissheit, etwas Großes zu unternehmen. Und am Ende wurde auch ihr wie vielen anderen Reisenden klar: Die Entbehrung ist es, die einen auf dem Weg zu sich selbst bringt: „Die Zeit der Abschiede von lieben Menschen, von Gewohnheit und Sicherheit“ ebenso wie das „Loslassen und das Neuergreifen“ sowie die Monotonie auf der Strecke: „Gerade“, dichtet Almut Bélard, „Gerade. Ich gehe geradeaus. Stundenlang. Kaum Abwechslung. Rechts und links nur der Rhythmus. Komme ich so geradewegs immer tiefer zu mir?“ Die Antwort kommt aus dem Herzen.

Der Weg ist hart

Das ist es wohl, was den Pilger vom Wanderer unterscheidet. Diese Magie hat spätestens seit dem Erscheinen von Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ ein Heer von Pilgern bewegt: „Dieser Weg ist hart und wundervoll. Er ist eine Herausforderung und eine Einladung. Er macht dich kaputt und leer. Und er baut dich wieder auf“, schreibt der TV-Star. Nicht zuletzt deshalb „machen sich auch immer mehr aus der Region auf den Weg“, so Almut Bélard. Und genau für jene ist sie mit den anderen Mitgliedern des Vereins Ultreia da. „Wir wollen Menschen auf ihrem Weg unterstützen“, sagt sie, „denn in der Flut des Internets kann man sich verlieren.“

Bei den Machern von Ultreia gibt es Antworten auf Fragen wie „Kann man auch alleine pilgern? Oder: Wie komme ich ohne Spanisch zurecht? Natürlich bekommt man viele Tipps, aber der Verein macht den Neugierigen auch seit rund 30 Jahren Mut zum Aufbruch. Seinen Namen Ultreia verdankt der Verein dem alten Pilgergruß: „Ultreia, Ultreia, et Suseia, Deus, adjuva nos!“ Vorwärts, immer weiter und aufwärts, Gott helfe uns auf unserem Weg.

Im Gegensatz zu damals pilgern Menschen heute in der Regel nicht mehr, um Ablass von ihren Sünden zu erlangen. „Aber es ist richtig“, meint Bélard, „dass der Weg des Pilgers auf ein Ziel ausgerichtet ist, einen religiös geprägten Ort.“ Aber für sie ist es eben auch ein inneres Ziel, das sich der Pilger selber setzt: die Suche nach Gott oder einer spirituellen Ebene. „Nach meiner Erfahrung braucht es dazu mindestens drei Wochen, um sich durch mannigfaltige Begegnungen mit sich selbst zu spiegeln und erfahren.“

Ein Peregrino (Pilger) zu sein, bedeutet: Der in die Fremde zieht. Das heißt: Er verlässt die Geborgenheit der Heimat, er lässt los, um sich zu öffnen, für alles, was auf ihn zukommt. Warum das in der heutigen Zeit bereits vor der Coronakrise und wohl auch danach Menschen in den Bann zieht, versucht der Stuttgarter Pfarrer Werner Laub zu erklären. Er hat in Santiago unzählige Pilger als Pilgerseelsorger empfangen. Auch er beobachtet, dass die Zahl der registrierten Pilger seit Anfang der 1990er Jahre auf über 350 000 gestiegen ist. Zusammen mit den Unregistrierten machen sie sich über den Nordweg auf. Inzwischen werden nicht nur in Spanien neu begangene Pilgerwege, sondern in ganz Europa Pilgerwege erschlossen.

Man geht auch mit dem Herzen

„Die Menschen mit denen man in Santiago ins Gespräch kommt, berichten besonders von ihren Begegnungen auf dem Camino“, berichtet Laub, „sie sind ursprünglich nicht mit religiöser Absicht aufgebrochen, sondern eher aus Neugier, oder mit sportlicher Motivation, so weitet sich ihr Blick und ihr Herz auf dem Weg.“ Und noch etwas hat der Pfarrer der Elisabethenkirche herausgefunden: „Die Unterschiedlichkeit der Menschen, ihre Herkunft, ihr Beruf, alles Äußerliche spielt irgendwann keine Rolle mehr. Pilgernde Menschen gehen nicht nur den Weg mit ihren Füßen, sondern auch mit ihren Herzen.“ Die Pilger berichteten ihm von guten Begegnungen mit den Menschen, aber auch von der Erfahrung der Stille und der Berührung mit Kultur und Schöpfung. „Wenn sich Pilgernde am Ziel wieder treffen, begegnen sie sich oft wie alte Freunde“, weiß Laub. Eine Erfahrung, die Almut Bélard vom Stuttgarter Verein Ultreia nur bestätigen kann: „Hier findet man Freundschaften fürs Leben.“

Ob aber die Pilger am Ende ihres Weges und dem sprichwörtlichen Gebet mit den Füßen auch frömmer geworden sind? Laub zuckt mit den Schultern: „Sie haben sich geöffnet, bauen Vorurteile ab, lernen mit kleinem Gepäck unterwegs zu sein und entdecken etwas, oder jemanden, der über sie hinausreicht“ Ob sie es dann Gott nennen? Laub meint: „Manche wagen es von Gott zu sprechen, andere hat der Pilgergedanke so berührt, dass sie sich bald wieder auf den Weg machen wollen.“

Mehr Infos:

Der Stuttgarter Manfred Hartmann gründete im Jahre 1991 den Verein „VLTREIA“. Utreia ist auch Trägerverein der Herberge in La Faba, etwa 150 Kilometer entfernt von Santiago de Compostela. Mehr Infos unter Tel. 0711/ 6871880 oder per Mail: ahobelard@yahoo.de

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