Der Flow, die konzentrierte Entspannung, gilt als Verbindung von Gelöstheit und Kreativität. Immer mehr Menschen suchen diesen Bewusstseinszustand. Droht die totale Entspannung?
Keith Jarrett hatte einen miesen Tag hinter sich. Der Jazzpianist war am 25. Januar 1975 seit dem frühen Morgen mit seinem Produzenten Manfred Eicher im klapprigen Renault von einem Konzert in der Schweiz nach Köln gereist. Der eigentlich für das Konzert in der Philharmonie ausgesuchte Konzertflügel stand nicht zur Verfügung, beim verstimmten Ersatzmodell klemmten Pedale und Tasten. Erst kurz vor dem Konzert gab es ein (offenbar schwer genießbares) Essen. Jarrett konnte nur mit Mühe überzeugt werden, überhaupt auf die Bühne zu gehen.
Doch dann setzte sich der gefeierte Pianist ans Klavier, spielte spontan die vier Töne des Pausengongs der Kölner Philharmonie und entwickelte daraus eine in dieser Form nie gehörte Improvisation. Er durchmaß weite Klangräume, schob Bugwellen von Akkorden vor sich her, trieb durch rhythmische Galaxien, zögerte, schritt voran, schwelgte, donnerte und pulsierte. Spannung wurde durch Entspannung, Reibungen durch Wohlklang erlöst, Zartes wechselte mit Eruptivem. Die Neumann-Mikrofone des großen Produzenten Manfred Eicher zeichnete auch Jarretts Grunzen und Stöhnen auf, eine Art Selbstbefeuerung, die ihn zu immer ekstatischerem Spiel ermutigte. Alles war völlig frei improvisiert.
Um dieses „Köln Concert“ und seine Begleitumstände ranken sich Mythen. Es gilt als Monument der künstlerischen Befreiung, meisterhafter Beherrschung des Metiers, des Wagemuts und der Bereitschaft, sich zu entblößen. Wer improvisiere, ziehe sich gleichermaßen nackt aus, hatte Jarrett selbst einmal gesagt. Als Zuhörer kann man nicht ermessen, durch welche Zustände spontaner Kreativität, Erregung, Gelöstheit der Musiker hindurchging. Doch seit Jahrhunderten verbindet man diese Selbstvergessenheit mit großer Kunst.
Dieses Sich-Treibenlassen wird in der Psychologie als Flow bezeichnet, ist aber keine Domäne der schönen Künste. Im Sport gilt der Flow als höchste Ausformung des antrainierten Zusammenspiels von Herz, Lunge, Muskeln und Gehirn. Tatsächlich wirken Spitzensportler auch in Momenten maximaler Anstrengung oft elegant, ja fast verspielt. Viele berichten von einem tranceartigen Zustand, bei dem eine Art Körperlosigkeit entsteht, der Kopf frei wird und die Gedanken fließen. Die Wiederholung gleichmäßiger Bewegungsabläufe begünstigt dieses Fallenlassen. Oder, wie es ein Tour-de-France-Fahrer einmal sagte: sein Training sei die perfekte Mischung aus Hingabe und Stumpfsinn. In der Fachliteratur zu diesem Phänomen vergleichen Chirurgen schwierige Operationen mit einer Art von Ballett, bei dem man sich mit den anderen Beteiligten ein Gefühl von Macht und Harmonie teilt. Psychologen sprechen vom Shared Flow.
Sogar in der Sphäre bodenständigen Tuns gibt es Flow-Erlebnisse – etwa bei Handwerkern, die ihrem Job mit größter Hingabe nachgehen. Auch hier lösen sich gelernte Abläufe ab: Ein Fliesenleger kämmt den Kleber, drückt Steingutplatten mit leichter Drehung ins Kleberbett, verteilt mit sanftem Schwung den Fugenmörtel. Ein Messerschmied berichtet von innerer Zufriedenheit, wenn der Ofen brennt und aus glühendem Stahl in immer neuen, fast gleichen Arbeitsgängen am Ende filigrane Kunstwerke entstehen. Eine Tätowiererin empfindet es als glückhaft, wenn die millimeterdünnen Nadel zum ersten Mal Farbe in eine Hautschicht einspritzt. Und nebenbei erfährt sie während der stundenlangen Sitzung viel vom Seelenleben ihrer Kunden.
Auch der lernende Mensch kann in den Flow-Zustand kommen – etwa, wenn er sich in die entferntesten Winkel einer juristischen Argumentationsmechanik versenkt, biochemische Ketten zerlegt oder über dem Studium eines historischen Essays aus Zeit und Raum heraustritt. Wer so in seiner Arbeit aufgeht, besitzt laut Wissenschaft eine autotelische Persönlichkeit: Er oder sie lösen sich von ihrer Umgebung, die meist eine eher nüchtern-technische Anmutung hat. Während ihrer konzentrierten Tätigkeit schaffen sie Flow-Erlebnisse.
Die Wissenschaft nennt als Beispiel für den Flow-Zustand oft das spielende Kind. Es formiert die Welt nach seinen Vorstellungen, begleitet sein Tun mit Kommentaren und Lauten, es ist, wie es der Psychologe Siegbert A. Warwitz formuliert, das „Urbild des Menschen im Flow“. Warwitz: „Es fühlt sich den selbst gestellten Anforderungen gewachsen (Schwierigkeit der Aufgabe und Lösungskompetenz befinden sich im Gleichgewicht) und konzentriert sich auf ein begrenztes, überschaubares Handlungsfeld.“
Einer der geistigen Urväter der Wissenschaft vom Flow ist der 2021 verstorbene Psychologe Mihály Csíkszentmihályi. In seinem Standardwerk „Flow – das Geheimnis des Glücks“ wird schon im Titel ein Verheißungsversprechen gegeben. Er charakterisiert den Flow als seelischen Zustand in jenen Momenten, wenn dass Bewusstsein harmonisch geordnet ist und der Mensch etwas um der Sache selbst willen tut. Das Spielerische in Flow-Handlungen sei nicht trivial, sondern so zu verstehen, dass der Mensch kreativ und gestalterisch wirkt. Für Csíkszentmihályi ist der Flow eine Antwort auf die disruptiven, chaotischen und depressionslauslösenden Bedrückungen moderner Gesellschaften. Sein Buch entstand 1992 – es könnte in diesem Punkt kaum aktueller sein.
Der Psychologe beschreibt ein scheinbares Paradoxon: Zum einen gehe es um das Loslassen, um die Freiheit von Sorge oder der Furcht vor Ansehensverlust. Ein Gefühl der Angstfreiheit entstehe. Andererseits verlange Flow ein Streben nach Kontrolle, ein Bewusstsein dessen, dass die Situation in ihrer Gesamtheit unvorhersehbar und unberechenbar ist. Kontrolle im Flow ist also „Kontrollieren ohne zu kontrollieren“ Das „Selbst“ werde nicht ausgelöscht. Der Mensch verliere also nicht sein Bewusstsein, sondern er verliere das Bewusstsein von sich selbst. Csíkszentmihályi konstatiert: Man vergesse vorübergehend, „wer wir sind.“ Und alle Flow-Aktivitäten hätten eine Gemeinsamkeit: Sie kreieren das Gefühl einer Entdeckung, die das Individuum in eine andere Realität versetzt. Sie führten zu einem „vorher ungeahnten Zustand des Bewusstseins“.
Um in einen Flow zu gelangen, muss man sich also einer Tätigkeit voll hingeben, und das im Zustand absoluter Konzentration. Das eigene Tun darf jedoch nicht so hoch sein, dass man überfordert ist, denn dann ist die „Mühelosigkeit“ nicht mehr gegeben. Man kann für eine bestimmte Zeit den uns eigenen Sinn für Skepsis, der oft gute Gründe hat, vergessen. Es gibt keine Distanz mehr zur momentanen Tätigkeit. Man öffnet sich dem Erlebten völlig. Und ganz ohne Zwang.
Der Psychologe Andreas Burzik berät vor allem Musiker, die den Flow-Zustand anstreben und zu einem Teil ihrer täglichen Routine machen wollen. Laut Burzik sollte jede Aktivität an einem Instrument in einem Gefühl der Anstrengungslosigkeit geschehen. Gemeint ist hier nicht eine völlige Entspannung, eine Schlaffheit, sondern ein Körpergefühl des nicht angestrengten, leichten, fließenden Tuns. Es ist ein Gefühl des „Nicht-Tuns“, des „Nicht-Arbeitens“, des Schwingens. Ein zentraler Aspekt dieser Methode des Übens sei, dieses Gefühl der Leichtigkeit jederzeit beizubehalten.
Allerdings fehlt es nicht an Kritik an dem vermeintlichen Ideal des Flow-Zustands. Gerade der Verweis auf das Spielen wird skeptisch betrachtet. Ist der spielende Mensch in einer Welt der Disruption, der Bedrohung durch Kriege, Gewalt und Meta-Entwicklungen wie dem Klimawandel und dem Einfluss Künstlicher Intelligenz noch zeitgemäß? Sind nicht die von protestantischer Ethik geleiteten Arbeiter, die tatkräftigen Tüftler und durchsetzungsstarken Visionäre jene Prototypen, die es braucht, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen? Für Kritiker ist der Flow eher ein selbst- und pflichtvergessener Zustand von Menschen, die um sich selbst kreisen – und überfordert sind. Sie sollen eine Flut von Aufgaben und Informationen möglichst zeitgleich abarbeiten und zu jedem Zeitpunkt Kreativität und Spielfreude vermitteln. Doch die erstrebte Anstrengungslosigkeit wird durch alle möglichen Störungen und multifunktionalen Technologien torpediert.
Es gibt mittlerweile eine regelrechte Flow-Industrie
Dieser Widerspruch heizt die Sehnsucht nach Flow-Erlebnissen aber förmlich an. Eine wachsende Industrie versucht, sie zu stillen. Bücher und Coachings wie „Der Flow-Kompass“, „Natural Flow“, „Follow your Flow“, „Flowhacking – mit Leichtigkeit zur Höchstleistung“, „Das Mindflowkonzept“ und andere fluffige Titel springen auf diese Bedürfnisse auf. Eine eigene Zeitschrift mit dem Namen „Flow“ gibt es auch. Man könnte meinen, die ganze Gesellschaft treibe bereits in einem Wellnessbad der konzentrierten Entspanntheit. Nichts scheint wichtiger, als einen Kontrast zur multifunktionalen Beanspruchung in Job und Privatleben herzustellen. Böswillig könnte man von einer Banalisierung des wissenschaftlichen Konzepts von Csíkszentmihályi sprechen. Abseits des gängigen Entspannungsideals stellt sich aber auch eine andere Frage: Kann der Mensch in einen destruktiven, ja gewalttätigen Flow geraten? In welchen Sog der Vernichtung kommt der Soldat, der Drohnenpilot, beide ausgebildet, effizient den Tod über den Gegner oder die Zivilbevölkerung zu tragen?
Auch Csíkszentmihályi weist auf die Gefahr hin, dass der Flow missbraucht werden kann. Ein wissenschaftlicher Flow-Zustand, bei dem ein Problem gelöst wird, könne schrecklichen Zwecken dienen. Das zeige Robert Oppenheimers Arbeit beim Bau der ersten Atombombe. Auf einer weniger anspruchsvollen Ebene nennt Csíkszentmihályi Spielsüchtige als Beispiel für negative Flow-Zustände. Zugleich verweist er auf die spirituelle Dimension des Flow-Zustands: Wenn Menschen ihr Glück ohne die Basis eines Glaubens suchten, gehe es am Ende um Reichtum, Macht und Sex. Die Lebensqualität könne so nicht verbessert werden. Nur die Kontrolle über Erfahrungen, die Fähigkeit, aus allem, was wir tun, Freude zu schöpfen, bringe Erfüllung.
Vielleicht sollte man sich deshalb an jenen Ägypter halten, der obdachlos durch Mailand streifte und von einem Team um den Psychologen Fausto Massimini befragt wurde, ob er jemals ein Flow-Erlebnis hatte. Seine Antwort wurde protokolliert:
„Ja. Es beschreibt mein ganzes Leben. Ich floh vor dem Krieg, wanderte 20 Jahre durch Europa, ich hatte Unfälle und sah Freunde sterben, doch meine Konzentration hat niemals nachgelassen. Ich habe Konzentration gelernt und begriffen, dass die Welt ohne Wert ist. Dieses Abenteuer wird mich den Rest meines Lebens begleiten.“