25 Jahre nach der Gründung des Dachverbandes der Stuttgarter Migrantenvereine sehen die Hauptakteure Sami Aras und Rolf Graser Fortschritte in der Gesellschaft. Nach wie vor gebe es aber auch rassistische Tendenzen. Von der Kommunalpolitik wünschen sie sich mehr finanzielle Unterstützung und einen zentralen Standort für das Haus der Kulturen – am liebsten in der Eberhardstraße.
Am Dienstag feiert das Forum der Kulturen, Dachverband von mehr als 140 Stuttgarter Migrantenvereinen, sein 25-jähriges Bestehen. Dazu gibt es einen großen Empfang im Rathaus. Geschäftsführer Rolf Graser und Sami Aras, der Vorsitzende des Forums der Kulturen, sprechen im Interview über ihre Arbeit. Seit 1998 habe sich für Menschen mit Migrationshintergrund in Stuttgart vieles verbessert. Sie betonen aber auch: „Wir sind noch sehr weit von dem Zustand entfernt, dass Herkunft, Hautfarbe oder Sprache keine Rolle mehr spielen.“
Herr Graser, Herr Aras, was war der Anlass, vor 25 Jahren ein Forum der Kulturen zu gründen?
Rolf Graser: Zum damaligen Zeitpunkt wurden Migranten-Organisationen nicht wirklich als eine ernsthafte gesellschaftliche Kraft wahrgenommen. Die mangelnde Förderung durch die Stadt führte zu einer großen Unzufriedenheit bei den Vereinen. Um dem etwas entgegenzusetzen, war es wichtig, gemeinsam Lobbyarbeit für mehr Förderung und mehr Anerkennung zu machen. Ein Anruf bei der Stadt hat dann genügt, damit endlich auch die ehrenamtlichen Vertreter der Migrantenvereine zum Ehrenamtsfest auf dem Killesberg eingeladen wurden.
Könnte in einer idealen Welt die Selbstabschaffung Ihres Dachverbandes eine Art Vereinszweck gewesen sein?
Graser: Nach unserer ersten Pressekonferenz hat jemand geschrieben: „Das Ziel des Forums der Kulturen ist es, sich selbst abzuschaffen.“ Aber wir sind noch sehr weit von dem Zustand entfernt, dass Herkunft, Hautfarbe oder Sprache keine Rolle mehr spielen. Nur wenn es aufgrund des Migrationsbezugs keine Benachteiligungen, keine Diskriminierung mehr gäbe, wäre ein Dachverband in dieser Form nicht mehr notwendig.
Wenn man Stuttgart anno 1998 mit Stuttgart heute vergleicht – was hat sich verändert?
Sami Aras: Vor 1998 hat mal ein Bürgermeister in einer Sitzung des damals sogenannten Ausländerausschusses gesagt: „Was wollen Sie? Sie sind Gastarbeiter hier, gehen Sie zurück.“ Heute würde in Stuttgart niemand mehr davon sprechen, dass Gäste morgen wieder verschwinden sollen. Mittlerweile sind wir ein fester Bestandteil der Gesellschaft, insofern hat sich viel zum Positiven bewegt. Ich habe seit Anfang 2000 die deutsche Staatsangehörigkeit, meine Kinder sind hier geboren, und für mich ist es selbstverständlich, dass ich ein Teil dieses Landes bin.
Von Geflüchteten aus Kriegsgebieten wird aber weiterhin erwartet, dass sie in ihre alte Heimat zurückkehren, sobald nicht mehr geschossen wird.
Graser: Auch von offizieller Seite wird mittlerweile akzeptiert, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Da hat sich viel zum Positiven verschoben. Aber Rassismus und Diskriminierung sind nicht verschwunden: Während früher der Migrant als solcher unter Generalverdacht stand, wird heute differenziert – was nicht unbedingt immer positiv ist –, beispielsweise zwischen ukrainischen und syrischen Geflüchteten. Oder zwischen dem türkischstämmigen Bildungsbürger, der ein Mittel gegen Corona erfindet und hoch gelobt wird, und den türkischstämmigen Jugendlichen, denen man vorwirft zu randalieren und die man abschieben möchte, obwohl sie hier geboren sind. Die Gesellschaft ist nicht weniger ausgrenzend als 1998, aber die Dimensionen, entlang derer Ausgrenzung stattfindet, haben sich verschoben.
Wie beeinflusst es Ihre Arbeit, wenn heute zwar eine Mehrheit der Stadtgesellschaft Migration und eine multikulturelle Gesellschaft akzeptiert, eine Minderheit womöglich aber immer radikaler dagegen protestiert?
Aras: Ich bin fest davon überzeugt, dass eine große Mehrheit Migration mittlerweile positiv wahrnimmt. Wir sind mitten in dieser Gesellschaft. Selbst in Phasen, als andernorts gegen Migranten demonstriert wurde, kam das in Stuttgart kaum vor. Sicher gibt es auch hier Menschen, die gegen eine multikulturelle Gesellschaft sind, aber ihre Zahl ist nicht sehr hoch.
Wie viel konnte das Forum der Kulturen dazu beitragen, dass eine solche Entwicklung stattgefunden hat?
Aras: Ich bin mir sicher, dass wir mit unserer Haltung und unserer Arbeit zur Reduzierung von Vorurteilen beigetragen haben. Das Zusammenkommen und die Begegnung unterschiedlicher Kulturen sind hier ein zentraler Faktor. Es ist wichtig, sich untereinander besser kennenzulernen. Und natürlich spielen die vielen Migrantenvereine hier eine wichtige Rolle.
Wie würden Sie die Rolle des Forums der Kulturen bei diesen Prozessen beschreiben?
Graser: Wir als Mittlerorganisation vernetzen die verschiedenen migrantischen Vereine und Communitys, und wir vernetzen sie mit kommunalen Einrichtungen und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen. Ein Großteil unserer Arbeit findet dabei eher im Hintergrund statt: Durch das House of Resources – ein Förderinstrument, das wir selbst entwickelt haben und das mittlerweile bundesweit in 30 Städten umgesetzt wird – unterstützen wir zum Beispiel jährlich 70 bis 80 Vereine und stellen ihnen Ressourcen zur Verfügung, mit denen sie ihr bürgerschaftliches Engagement besser und sichtbarer umzusetzen können. Unsere Multiplikatorenrolle ist hier recht groß.
Wenngleich das Forum der Kulturen auch außerhalb Stuttgarts bei vielen als Leuchtturm gilt – was haben Sie nicht erreicht?
Aras: Wenn ich beim Sommerfestival der Kulturen unterwegs bin, das in diesem Jahr zum 20. Mal stattfindet, sehe ich Stuttgart in seiner ganzen Vielfalt. Wir erreichen mit unseren Aktivitäten die Stuttgarter Gesamtbevölkerung, aber es ist immer noch sehr viel zu tun. Wir sind noch lange nicht überflüssig geworden. Graser: Es gibt immer noch Rassismus und Ausgrenzung wie zum Beispiel Benachteiligungen auf dem Wohnungsmarkt. Unsere Vision ist eine Gesellschaft, in der Diskriminierung aufgrund von Herkunftsmerkmalen weitgehend zurückgedrängt ist. Das haben wir sicher noch nicht erreicht. Was wir auch noch nicht erreicht haben, ist finanzielle Stabilität. Obwohl wir richtig groß geworden sind, sind wir immer noch überwiegend von Projektgeldern abhängig, und da gibt es Hängepartien. Mit der Folge, dass unsere Mitarbeiter ein geringeres Gehalt als städtische Beschäftigte mit vergleichbarer Tätigkeit haben, und das bei einer sehr hohen Arbeitsbelastung.
Was hat das für Folgen?
Graser: Das Forum der Kulturen ist wie ein Baum, der eine immer größere Krone und immer schönere Blüten hat, aber der Stamm, der das alles trägt, ist nach wie vor sehr dünn. Der kann schnell umknicken und müsste stabilisiert werden. Wir brauchen deshalb dringend eine Aufstockung unserer Zuschüsse: 200 000 Euro mehr pro Jahr wären erforderlich. Und das Haus der Kulturen haben wir noch nicht erreicht.
Wo sollte es stehen?
Aras: Wir wünschen uns ein möglichst zentral gelegenes Haus in der Stadtmitte, das der migrantisch geprägten Realität dieser Stadt gerecht wird und diese angemessen würdigt. Und natürlich wollen wir ein Teil dieses Hauses sein. Graser: Am besten wäre die große Variante in der Eberhardstraße, und das so rasch wie möglich. Wir sehen uns als maßgeblichen Mitgestalter des Programms.
Welche Vision haben Sie für die nächsten 25 Jahre?
Aras: Dass eine tolerante, vielfältige Gesellschaft existiert, in der keine Diskriminierung mehr stattfindet. Graser: Wir wollen eine Gesellschaft erreichen, in der das Thema Herkunft keine wertende Rolle mehr spielen soll für die Chancen, die jemand in dieser Gesellschaft hat. Und ich hoffe, dass das Forum der Kulturen auch noch in zehn oder 25 Jahren auf neue gesellschaftliche Herausforderungen passende Antworten geben kann.
Könnte Ihr Kletter-Hobby dabei hilfreich sein?
Graser: Durchaus. Beim Klettern sieht man zuerst die große Wand, die als unbesteigbar gilt. Je mehr man sich der Wand nähert, desto mehr Griffe, Tritte und Risse findet man, entlang derer man hochgehen kann. Man muss auf Probleme zugehen und sie anpacken, dann kommt man in der Regel auch die Wand hoch.
Forum der Kulturen
Dachverband
Am 16. Mai 1998 haben 16 Stuttgarter Migrantenvereine das Forum der Kulturen als Dachverband gegründet. Mittlerweile sind mehr als 140 Migrantenorganisationen Mitglied beim Forum der Kulturen, das Mitte Juli die 20. Ausgabe des Sommerfestivals der Kulturen auf dem Marktplatz veranstaltet.
Geschäftsführer
Der gelernte Verlagsbuchhändler Rolf Graser (69) aus Stuttgart leitete die Geschicke des Forums der Kulturen anfangs ehrenamtlich vom Wohnzimmer aus, inzwischen unterstützt ihn ein mehr als 30-köpfiges Team in der Geschäftsstelle am Stuttgarter Marktplatz.
Vorsitzender
Der Angestellte Sami Aras (61) stammt aus der Türkei und ist seit dem Jahr 2000 Deutscher. Der Ehemann der baden-württembergischen Landtagspräsidentin Muhterem Aras fungiert als Vereinsvorsitzender des Forums der Kulturen.
Termin
Am Dienstag, 16. Mai, findet nach dem Rathausempfang für geladene Gäste in der Kulturkneipe Trude beim Hans-im-Glück-Brunnen die Jubiläumsparty mit Rap von Toba Borke und Beats von DJ Emilio statt. Einlass ist ab 22 Uhr. wer/jse