Der Hass von Hanau macht es deutlich: Noch nie war das Stuttgarter Forum der Kulturen so wertvoll wie heute. Rolf Graser und sein Team zeigen Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung.
Stuttgart - Luftballone, Glitzerlicht und das Geräusch klickender Kameras: Das Setting erinnert an einen Promi-Event, wie man ihn auf der Berlinale erwarten würde. Nur der rote Teppich fehlt im Stuttgarter Laboratorium, wo sich im Party-Ambiente zwanzig Schauspieler und Schauspielerinnen über den Jahrmarkt der „digitalen Unmöglichkeiten“ schieben. Der ganze Raum wird bespielt, man wandert von Station zu Station und lernt in „Sellfie“, wie das Stück heißt, die schöne neue Welt der sozialen Medien kennen. Jeder trachtet danach, sich eins a zu verkaufen: als Star. Aber sind wir das wirklich?
Mit identitätspolitischen Themen jedenfalls kennen sich die Laiendarsteller aus. In der Theorie, aber auch in der Praxis: „Sellfie“ ist eine Produktion des Forums der Kulturen und fußt auf Recherchen und Erfahrungen seines Theaterensembles. Fast alle Spieler auf der Bühne haben ausländische Wurzeln und sind täglich mit Identitätsfragen konfrontiert.
Sechstageparty im Herzen der Stadt
Seinen Sitz hat der Dachverband der Stuttgarter Migrantenvereine, dessen Schwarzbrotgeschäft die Betreuung seiner Mitglieder ist, in einem Gebäude am Marktplatz. Von dort blickt der Geschäftsführer Rolf Graser auf die Obst- und Blumenstände vorm Rathaus und mithin auf das Areal, an dem seit rund zwanzig Jahren das Sommerfestival der Kulturen stattfindet, das Leuchtturmprojekt des Vereins, das zuverlässig Tausende von Besuchern anzieht. Das Weltmusik-Fest ist eine bunte Sechstageparty im Herzen der Stadt und das bekannteste Kulturangebot des Forums, aber nicht das einzige: Zur Theatergruppe kommen im jährlichen Wechsel noch zwei Theaterfestivals, nämlich Made in Stuttgart und Made in Germany, sowie die Ziryab-Akademie für Weltmusik. Ja, das Forum ist ein Gemischtwarenladen, das vielen vieles bietet, aber mit stringenter Programmatik, wenn man Rolf Graser folgt: Multikultur nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung.
In der Forum-Zentrale geht es beengt wie in einem Hasenstall zu. 25 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf 200 Quadratmetern – und im Chefbüro der Mann, der in seiner Freizeit leidenschaftlich klettert und auch sonst zum Handfesten neigt. „Wir wollen die kulturelle Vielfalt der Stadt sichtbar und erlebbar machen“, sagt der 65-jährige Graser, „ein Ziel, das nach der rechtsradikalen und islamfeindlichen Gewalttat von Hanau dringlicher denn je geworden ist.“ Der Staat müsse die Verbrechen verhindern, aber die „vergifteten Denkmuster, die dahinter liegen“, könnten staatliche Institutionen allein nicht aufbrechen: „Da ist die Zivilgesellschaft gefragt – und in Stuttgart, diesem Schmelztiegel der Nationen, auch das Forum der Kulturen.“
Die Defizite der etablierten Kultur
Was den Schmelztiegel anlangt, gibt die Statistik dem Forum-Chef recht. Mehr als vierzig Prozent aller Stuttgarter haben einen Migrationshintergrund, bei den Jugendlichen sind es sogar mehr als fünfzig. „In absehbarer Zeit wird die deutschstämmige Bevölkerung hier in der Minderheit sein“, prophezeit Graser, „eine demografische Entwicklung, die sich in den etablierten Kultureinrichtungen auf keiner Ebene spiegelt: nicht im Publikum, nicht im Programm, nicht im Personal.“
Drei Ps und drei Hinweise auf Defizite: Mit der P-Formel, die die Migrationsdebatte bestimmt, lässt sich der Stand der interkulturellen Öffnung etablierter Häuser messen. Und da gibt es auch in Stuttgart noch zu tun. Publikum und Programm von Theatern, Konzerten, Lesungen sind nicht annähernd so bunt wie die Stadtgesellschaft. Auch beim dritten P, dem Personal, gibt es nur eine Ausnahme, das Stuttgarter Ballett mit seinen internationalen Tänzern, denen ein US-Amerikaner vorsteht: Tamas Detrich ist zwar kein typischer Migrant, aber immerhin ein Mann aus New York! „Sonst“, sagt Graser, „sind fast alle Leitungspositionen sehr deutsch und sehr weiß besetzt.“
Beim Bemühen um ein anderes, diverseres Personal, Publikum und Programm hilft dem Forum ein viertes P: Partizipation – und das im umfassenden Sinn. Schon die Jurys der Theaterfestivals Made in Stuttgart und Made in Germany machen mit der Teilhabe Ernst. Nicht Experten entscheiden, welche Kompanien zu den Treffen eingeladen werden, sondern Bürger, die sich für Theater interessieren und für die Auswahlgremien bewerben. Selbstredend gilt das Mitmachprinzip auch für die Kulturangebote mit Ausbildung: Wie die Theaterjurys ist auch das Theaterensemble des Forums offen für jedermann. Wer mitspielen will, bewirbt sich und erhält als Lohn nicht nur einen großen Auftritt wie in „Sellfie“, sondern auch theaterpädagogische Begleitkurse mit Stimm-, Körper- und Schreibtraining. Das Ensemble wechselt jede Spielzeit, die Gebühr beträgt moderate 100 Euro: Breitenkulturarbeit nicht nur für Migranten, was uneingeschränkt auch auf die Ziryab-Akademie für Weltmusik zutrifft.
Das Forum, ein Segen für die Stadt
Ziryab, der in Bagdad geborene Universalgelehrte des 9. Jahrhunderts, gilt als erster Weltmusiker überhaupt – in seinem Namen fördert das Forum unter Leitung des aus Georgien stammenden Zaza Miminoshvili die Verschmelzung spanischer, arabischer, indischer, karibischer, amerikanischer und westeuropäischer Musiktraditionen. Zweimal im Jahr unterrichten auch prominente Dozenten von außerhalb die Studenten. Im April wird es der Trompeter und Komponist Markus Stockhausen sein, der Sohn von Karlheinz Stockhausen, der zum Abschluss der Master-Class – Gebühr 150 Euro – mit seinen Schülern auf der Open World Stage im Laboratorium ein Konzert gibt. Mag sein, dass die Weltmusik die Zuhörer dann in weite Fernen trägt. Die Erinnerung an Hanau, wo Muslime ermordet wurden, oder an Halle, wo Juden getötet werden sollten, wird sie nicht auslöschen können. In Stuttgart trägt Rolf Graser mit seinem Team dazu bei, solchen Gewalttaten vorzubeugen. Das Forum der Kulturen ist ein Segen für die Stadt.