Der Japaner Ryoyu Kobayashi dominiert die Vierschanzentournee, leistet sich aber einen kleinen Schönheitsfehler und gewinnt zum Abschluss nicht auch noch in Bischofshofen. Die Konkurrenz atmet auf.
Bischofshofen/Stuttgart - Vor dem letzten Springen in Bischofshofen ging es nicht mehr um die Frage, ob Ryoyu Kobayashi (25) die Tournee erneut gewinnen wird. Daran zweifelte schon längst niemand mehr. Stattdessen rätselten alle nur noch, ob es der Japaner schaffen könne, wie 2019 auf allen vier Schanzen zu triumphieren. Damit hätte er Geschichte geschrieben, etwas Einmaliges erreicht. Es ist ihm nicht gelungen, was seine Leistung der vergangenen zehn Tage aber nur geringfügig schmälerte. Und die Konkurrenz doch aufatmen ließ. Weil sich zeigte, dass auch der Beste nicht unschlagbar ist.
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Ob Kobayashi darüber enttäuscht war, sich nicht von Sven Hannawald und Kamil Stoch abgesetzt zu haben, die 2002 und 2018 ebenfalls alle vier Springen für sich entschieden hatten? Wenn ja, dann hat er es für sich behalten. „Ich bin ein bisschen erschöpft, aber total glücklich“, sagte er nach seinem zweiten Tournee-Sieg nur, „zufrieden bin ich vor allem, weil ich die ganze Zeit stabile Sprünge zeigen konnte.“
In der Tat wirkte es, als flöge der Japaner mit einem Autopilot von Sieg zu Sieg. Erst in Oberstdorf, dann in Garmisch und am Mittwoch in Bischofshofen, wohin das in Innsbruck wegen des Windes abgesagte dritte Springen verschoben worden war. Erst ganz am Ende schien es, als sei Kobayashi nicht mehr auf Sieg programmiert. Sondern darauf, den Erfolg in der Gesamtwertung sicher nach Hause zu springen. Beim zweiten Wettbewerb in Bischofshofen, den der Österreichers Daniel Huber gewann, wurde er Fünfter. Sein Vorsprung im Kampf um den goldenen Adler auf die Norweger Marius Lindvik (24,4 Punkte) und Halvor Egner Granerud (34,1 Punkte) aber war riesig. „Ich weiß wirklich selbst nicht, warum ich gerade so konstant bin“, sagte der Triumphator. „Ich bin einfach so gesprungen, wie ich wollte.“ Andere drückten es etwas poetischer aus.
Ein wahrer Künstler
„Kobayashi ist ein Virtuose, ein Künstler“, sagte TV-Experte Toni Innauer, „er spürt Dinge in der Luft, die sonst kein anderer spürt.“ Das derzeit einzigartige Fluggefühl ist allerdings hart erarbeitet. Gemeinsam mit seinem Vorbild Noriaki Kasai, dem Teamchef der Trainingsgruppe, und seinem österreichischen Coach Richard Schallert war Kobayashi im Sommer viel in Österreich unterwegs, tüftelte an Material und Sprungsystem. Und bereitete Schallert viel Freude: „Er ist ein wertvoller Diamant, der schon schön geschliffen ist.“
Logisch, dass Kobayashi nun auch als großer Favorit zu den Olympischen Spielen nach Peking reist. Was der Konkurrenz Hoffnung gibt? 2019, nach seinem ersten Durchmarsch bei der Tournee, hatte jeder gedacht, der Japaner würde nun auch bei der WM in Innsbruck und Seefeld abräumen – dort ging er in den Einzelspringen aber leer aus. Stefan Horngacher wollte denn auch nichts wissen von einer Ausnahmestellung Kobayashis. Der Bundestrainer lobte zwar dessen Auftritt, sagte aber zudem: „So überragend ist er gar nicht gesprungen. Wir waren einfach nicht gut genug, weil ein, zwei Dinge nicht glatt gelaufen sind. Wir wussten, dass er schlagbar ist, das haben wir ja schon gezeigt.“
Corona warf ihn nicht aus der Spur
Dennoch war Kobayashi der Souverän dieser Tournee. Was auch mit seiner Coronainfektion zu tun hatte. Der Skispringer, der extravagante Mode und Luxusartikel liebt, wurde Ende November in Ruka positiv getestet, verbrachte im dunklen finnischen Winter eine zehntägige Quarantäne. Das warf ihn allerdings nicht aus der Spur, ganz im Gegenteil. Er genoss die Auszeit, schöpfte in der Ruhe neue Kraft. „Diese Pause hat mir gut getan“, meinte Kobayashi, „von da an lief es.“ Vor allem bei der Tournee.
Der Überflieger hatte schnell so viel Vorsprung, dass die Konkurrenz nur noch staunen konnte. „Er ist einfach einen Tick besser als alle anderen“, meinte Markus Eisenbichler, der in Garmisch-Partenkirchen nur 0,2 Punkte hinter Kobayashi gelegen hatte. „Er macht es sehr gut oben an der Kante, hat deshalb am Ende des Fluges ein bisschen mehr Geschwindigkeit. Eigentlich kann er sich nur selbst schlagen.“ Ähnlich sah es Halvor Egner Granerud: „Er ist in der Lage, sehr oft sehr gut zu springen. Öfter als der Rest.“
Das stimmte. Auch wenn es Kobayashi ganz am Ende doch nicht gelungen ist, erneut viermal besser zu sein als alle anderen.