Kein Kind sollte so leben müssen, fordert Nadine Labaki in „Capharnaüm“ Foto: Festival

Die Jury von Cannes unter Vorsitz von Cate Blanchett hat an diesem Samstag die Qual der Wahl nach einem starken Wettbewerb. Kurz vor Ende sorgen ein italienischer Kirmi und ein libanesisches Drama für Aufsehen.

Cannes - Die 71. Auflage der Internationalen Filmfestspiele in Cannes liegt noch in den letzten Zügen, da ist der erste vielbeachtete Preis schon vergeben. Seit 17 Jahren wird – mit einem Augenzwinkern und in Anlehnung an die Palme d’Or, also die Goldene Palme – in einer inoffiziellen Zeremonie die Palm Dog für den besten Filmhund verliehen. Und in diesem Jahr hatte die aus hochkarätigen britischen Journalisten bestehende Jury leichtes Spiel: der Palm Dog Award in Form eines Halsbandes ging am Freutag an das umfangreiche Hunde-Ensemble im italienischen Spielfilm „Dogman“.

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass der Film des Regisseurs Matteo Garrone auch bei der eigentlichen Wettbewerbs-Jury um Cate Blanchett Eindruck hinterlassen hat, die an diesem Samstagabend auf der Abschlussveranstaltung ihre Preise ver­geben wird, bevor das Festival zu Ende geht mit der Weltpremiere von Terry Gilliams lange erwartetem Werk „The Man Who Killed Don Quixote“.

Garrone zeichnet ein erschütterndes Bild

Garrone begibt sich einmal mehr in die von Verbrechen zerrütteten Vororte Neapels, wo der gutherzige Marcello (Marcello Fonte) einen Hundesalon betreibt. Dass dort reger Betrieb herrscht, liegt allerdings nicht nur an den Vierbeinern, sondern vor allem ­daran, dass er nebenbei auch Koks verkauft. Doch damit nicht genug: einer seiner Stammkunden, der brutale Simone (Edoardo Pesce), zieht ihn immer weiter hinunter in kriminelle Abgründe, aus denen es kein Entkommen gibt. „Dogman“ ist einer von vielen sehr männlich fokussierten Filmen im diesem Cannes-Wettbewerb, was in diesem Fall allerdings schon deswegen in Ordnung ist, weil die beiden Hauptdarsteller kein bisschen weniger beeindrucken als die Hunde. Und wie atmosphärisch Garrone mit Licht und Bildern arbeitet und dabei ein erschütterndes Bild seiner Heimat zeichnet, ist so stark wie zuletzt in „Gomorrah“.

Noch nachdrücklicher als Palmen­Anwärterin ins Gespräch brachte sich auf den letzten Festival-Metern allerdings die Libanesin Nadine Labaki. In ihrem Film „Capharnaüm“ erzählt sie vom etwa zwölfjährigen Zain, der aus dem Jugend-Gefängnis heraus seine Eltern verklagen will, weil sie ihn überhaupt zur Welt gebracht haben. Kein Kind, so findet der Junge wohl ebenso wie die Regisseurin, soll so aufwachsen ­müssen wie er, dessen Eltern in ihrer Behausung die große Kinderschar oft mit nicht mehr als unhygienischem Wasser und ­Zucker füttern können, oder der kleine ­Yonas, Sohn einer illegal im Libanon lebenden Äthiopierin, der sich eines Tages in Zains Obhut wiederfindet.

Labakis emotionale Wucht sucht ihresgleichen

Man mag Labaki vorwerfen, dass sie vor allem im Finale ihres Films ein wenig dick aufträgt, doch die emotionale Wucht, die sie entwickelt, suchte im Wettbewerb bisher ihresgleichen. Mit unglaublicher Wahrhaftigkeit und Nähe – sowie in einigen eindrücklichen Drohnen-Aufnahmen – zeigt sie das Elend der ärmsten Slums, ohne in die Fallen so genannter „Elends-Pornos“ zu treten, und sie schafft es gleichzeitig trotz der Konzentration auf die Kinderperspektive, nie ins Süßliche abzudriften. Die schauspielerischen Leistungen, zu denen Labaki ihre Laiendarsteller aller Altersklassen anleitet, sind bemerkenswert – und die Botschaft des Films, der zwar dezidiert vom Libanon, aber eben auch allgemein von Armuts- und Flüchtlingsschicksalen erzählt, könnte nicht relevanter sein.

Sollte Labaki am Samstag als erst zweite Frau nach Jane Campion die Goldene Palme gewinnen, wäre das eine verdiente Entscheidung, ganz unabhängig von ihrem ­Geschlecht. Die Konkurrenz in diesem ­insgesamt sehr starken Cannes-Jahrgang ist ­allerdings groß. Weit vorne in der interna­tionalen Kritikergunst etwa liegt auch der ­Koreaner Lee Chang-dong mit „Burning“, einem romantischen Rache-Thriller nach einer Kurzgeschichte des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami.

Spike Lee wäre der erste afroamerikanische Sieger

Die Italienerin Alice Rohrwacher mit ihrem folkloristisch-surrealen Märchen „Lazzaro felice“ gehört ebenfalls nach wie vor zu den Favoriten, genauso wie die berührende, zurückgenommene Familien­geschichte „Shoplifters“ des Japaners Hirokazu Koreeda. Und sollte sich die Jury für Spike Lees kurzweiligen, in Zeiten des aufflammenden US-Rechtsnationalismus hochaktuellen „BlacKkKlansman“ erwärmen, wäre der Amerikaner der erste schwarze Regisseur überhaupt, der in Cannes den Hauptpreis gewinnt. Doch auch „Cold War“ des Polen Pawel Pawlikowski und Jia Zhangkes „Ash Is Purest White“ liegen noch gut im Rennen um die begehrten Preise, nicht zuletzt wenn es darum geht, die beste Darstellerin zu küren.

Vermutlich eher geringe Chancen hat ­dagegen „Un couteau dans le coeur“ des Franzosen Yann Gonzalez, der ebenfalls noch im Festival-Endspurt ins Geschehen eingriff. Der komödiantisch-erotische Slasher, angesiedelt in der homosexuellen Subkultur der späten siebziger Jahre und mit Vanessa Paradis als Produzentin von Schwulen-Pornos, brachte zum Festivalende hin zwar nochmal buchstäblich eine er­frischend andere Farbgebung (sowie grandiose Elektromusik von M83) in den Wettbewerb – doch wie leidenschaftlich der in ­Nizza geborene Lokalmatador Gonzalez in seiner Erzählung über das Begehren und ­sexuelle Unterdrückung mit dem Trash liebäugelt, dürfte vermutlich nicht jedermanns Geschmack sein.

Ulrich Köhler hat Chancen in der Reihe „Un certain regard“

Ganz sicher keine Palme mit nach Hause nehmen wird Ulrich Köhler. Nicht weil der erstmals in Cannes vertretene Wahl-Berliner – und Lebensgefährte von Maren Ade – mit „In My Room“ an der Croisette gescheitert wäre. Viel mehr wartet seine Geschichte über Einsamkeit und Neuanfänge mit einem spannenden Konzept auf – sein von Hans Löw gespielter Protagonist ist über Nacht der vermeintlich letzte Mensch auf der Welt – und vor allem in der ersten Hälfte mit starken Beobachtungen. Nur lief der Film eben nicht im Wettbewerb, sondern lediglich in der Nebenreihe Un Certain Regard. Auch dort gibt es allerdings am Samstagabend Preise zu gewinnen, verliehen von einer Jury unter dem Vorsitz von Schauspieler Benicio del Toro.

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