„Aufbruch ins Ungewisse“ in der ARD Familie Schneider auf der Flucht

Von Tilmann Gangloff 

Ankunft im Flüchtlingslager in Südafrika: Die Camp-Mitarbeiterin Michelle Keyser (Naima Sebe, Mitte) zeigt Jan und Sarah  (Fabian Busch und  Maria Simon, Mitte hinten) ihre Unterkunft. Foto: WDR
Ankunft im Flüchtlingslager in Südafrika: Die Camp-Mitarbeiterin Michelle Keyser (Naima Sebe, Mitte) zeigt Jan und Sarah (Fabian Busch und Maria Simon, Mitte hinten) ihre Unterkunft. Foto: WDR

Am Mittwoch zeigt die ARD das von Kai Wessel gedrehte Drama „Aufbruch ins Ungewisse“: Eine deutsche Familie flieht vor einer rechten Diktatur nach Südafrika und erleidet dort ein typisches Flüchtlingsschicksal.

Stuttgart - Der einfachste Weg zur Empathie ist es, sich in die Lage eines anderen zu versetzen. Deshalb schlüpfen prominente Menschen immer mal wieder in die Rolle von Obdachlosen, um am eigenen Leib zu erleben und den Zuschauern zu vermitteln, wie sich so ein Dasein anfühlt. „Aufbruch ins Ungewisse“ funktioniert so ähnlich, nur als Drama.

Der Film beschreibt als Dystopie, also als Gegenstück zur optimistischen Utopie, den wenig erstrebenswerten Entwurf einer nicht allzu fernen Zukunft: Aus vielen europäischen Staaten sind totalitäre Systeme geworden. Auch Deutschland hat eine offenbar faschistoide Regierung, die Andersdenkende verfolgt und einsperrt. Dieser radikale Entwurf beschränkt sich jedoch auf wenige Zeilen, die dem Film vorangestellt werden, sowie auf einen Prolog, der die wichtigsten handelnden Personen einführt: Familie Schneider muss fliehen, weil Vater Jan (Fabian Busch), ein Anwalt, der als Regimekritiker schon im Gefängnis war, erneut verhaftet werden soll. Hals über Kopf verlassen die Schneiders ohne nennenswertes Gepäck das Land. Ein Frachter soll sie nach Südafrika bringen, doch dann werden sie mit vielen anderen vor der Küste Namibias in einem Schlauchboot ausgesetzt, das prompt kentert.

Im Flüchtlingslager sehen sich Jan, seine Frau Sarah (Maria Simon) und ihre Tochter Nora (Athena Strates) wieder, bloß vom siebenjährigen Nicklas fehlt jede Spur. Schlepper bringen sie bei Nacht und Nebel über die Grenze nach Südafrika, aber weil Sarah die namibischen Behörden um Hilfe bei der Suche nach Nicklas gebeten hat und bei dieser Gelegenheit auch registriert worden ist, kann die Familie in Südafrika kein Asyl beantragen; nun droht ihr die Abschiebung zurück nach Deutschland. Nur ein Wunder kann die Schneiders noch retten.

Gespenstisches Paradies

Das Drehbuch (Eva und Volker A. Zahn, Gabriela Zerhau) funktioniert im Grunde ganz einfach: Es erzählt die Geschichte einer Flüchtlingsfamilie, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Tatsächlich erleben die Schneiders all das, was für Geflüchtete aus Syrien oder Afrika Alltag ist: die lebensgefährliche Reise ins vermeintliche Paradies, die skrupellosen Schlepper, die gleichgültigen Beamten – und schließlich die Verzweiflung, als die Hoffnung auf einen Neuanfang zerplatzt. „Aufbruch ins Ungewisse“ ist aber auch ein Familiendrama, denn natürlich führen die Ereignisse zu diversen Konflikten: Jan und Sarah machen sich gegenseitig Vorwürfe, als Nicklas nicht mehr auftaucht, und die halbwüchsige Tochter Nora wäre sowieso lieber in Deutschland geblieben.

Der von Kai Wessel inszenierte Film hat nur ein Manko: Ihm fehlt die Fallhöhe, weil die Bedrohung für die Schneiders abstrakter Natur ist. Natürlich ist bekannt, wie Unrechtsstaaten mit Kritikern umgehen; anhand diverser Dramen über die DDR ist das im Fernsehen zur Genüge vorgeführt worden. Trotzdem ist der sparsame Prolog eine Leerstelle, die der Film mit sich herumträgt, sodass sich nicht nur Nora fragt, ob die Flucht wirklich nötig war. Um wahre Größe zu entfalten, hätte die Handlung als Zweiteiler erzählt werden müssen: mit einem ersten Teil, der die Repressalien in Deutschland schildert, und einem zweiten, der die Flucht beschreibt. Irgendwann erzählt Jan von einer Isolationshaft, die er auf keinen Fall noch mal erleben will, aber dazu liefert der Film keine Bilder.

Als Zweiteiler wäre der „Aufbruch ins Ungewisse“ selbstredend ein anderes Projekt geworden – und vor allem ein teureres. Der Film spielt größtenteils im Flüchtlingslager, dessen Eintönigkeit natürlich das Schicksal aktueller Geflüchteter widerspiegeln soll. Die Ausstattung wirkt ähnlich authentisch wie die Anmutung der Schauspieler, denen die Fluchtstrapazen überdeutlich in die Gesichter geschminkt worden sind. Aber selbst die Hauptfiguren bekommen keine Tiefe, und die Nebenrollen bleiben erst recht auf Schlagworte beschränkt: der Schwule, der Türke, die regimekritische Bloggerin.

Die Bildgestaltung allerdings ist vorzüglich. Bei der bedrückendsten Szene hatten Wessel und sein Kameramann Nicolay Gutscher zudem Glück im Unglück: Eigentlich wollten sie die Strandszene, als die Schneiders in Namibia an Land gespült werden, bei strahlendem Sonnenschein drehen, doch ausgerechnet am Drehtag zog dichter Nebel auf, der nun der Szenerie eine gespenstische Unwirklichkeit verleiht. Geplant war dagegen von vornherein die Verpflichtung südafrikanischer Schauspieler, die Deutsch können. Selbst wenn sie zum Teil trotzdem deutsche Stimmen bekommen haben, weil sie die Sprache nicht fließend beherrschen, so sind doch die Lippenbewegungen synchron. Es werden mittlerweile ja regelmäßig deutsche Fernsehfilme in Südafrika produziert; neben Athena Strates als Tochter Nora empfehlen sich vor allem Sabine Palfi als Bloggerin und Naima Sebe als einheimische Helferin für weitere Engagements.

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