Das Entwicklungshilfeprojekt „Ein-Dollar-Brille“ Mal seh’n

Von Verena Mayer 

Eine Brille für alle: in Burkina Faso läuft das Erfolgsprojekt seit vier Jahren. Foto: Ein-Dollar-Brille e.V.
Eine Brille für alle: in Burkina Faso läuft das Erfolgsprojekt seit vier Jahren. Foto: Ein-Dollar-Brille e.V.

Kann man 150 Millionen Menschen mit einer günstigen Brille ausstatten? Der Betriebswirt Markus Urff aus Esslingen versucht es.

Esslingen - Woran merkt man, dass das, was man tut, gut ist? Dass einen immer mehr Menschen unterstützen wollen, könnte ein starkes Indiz sein. Wahrscheinlich sagt es auch einiges, wenn Leute, denen man helfen konnte, vor Freude weinen. Dass man lange nach Feierabend noch immer arbeitet und am Wochenende dazu, ohne zu murren und ohne Geld dafür zu verlangen, spricht womöglich auch sehr dafür, dass die Arbeit ziemlich gut sein muss. Oder würde man sich so engagieren, wenn es nicht für eine gute Sache wäre? Die Antwort von Markus Urff klingt so: „Es ist schön zu sehen, dass der Einsatz etwas bewegt.“

Der Raum, in dem Markus Urff diesen Satz sagt, befindet sich im Keller seines Hauses in Esslingen, wo er sich ein provisorisches Büro eingerichtet hat. Das richtige Arbeitszimmer im Obergeschoss ist längst zu klein geworden. Und auch im Keller, das ist klar, kann Markus Urff nicht mehr lange bleiben. Schon gar nicht, seit er auch noch einen Praktikanten einarbeitet.

Die Sache, für die sich der 38-Jährige einsetzt, ist die: Rund 150 Millionen Menschen auf der Welt können nicht gut sehen, haben aber kein Geld, um sich eine Brille zu kaufen. Ein Verein mit dem Namen Ein Dollar Brille hat sich vorgenommen, diesen Bedarf nachhaltig zu decken. Der Verein hat seinen Sitz im fränkischen Erlangen, wo sein Gründer und Vorsitzender Martin Aufmuth lebt. Dass es Ein-Dollar-Brillen gibt, hat Markus Urff über einen Flyer erfahren, der der Packung für seine neue Brille beilag. Heute gehört er zur Spitze des Vereins und ist unter anderem für das Fundraising verantwortlich. Nicht schlecht: vom Werbezettelleser zum Vorstandsmitglied. Wobei man feststellen muss, dass der gesamte Verein seit seiner Gründung 2012 eine extrem steile Karriere hingelegt hat. Auch das dürfte ein Zeichen dafür sein, dass der Einsatz für die Ein-Dollar-Brillen sehr gut ist.

Weitsicht für die Welt

Martin Aufmuth hat eine feste Stimme, einen forschen Blick, seine grauen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die Erlanger Realschüler, denen er früher beibrachte, Parabeln zu berechnen und Widerstand zu messen, sind bestimmt gerne in seinen Unterricht gegangen, selbst falls sie sich null für Mathe und Physik interessierten. An seiner Schule hat er sich inzwischen beurlauben lassen. Nun bringt der 42-Jährige der Welt bei, was Weitsicht bedeutet.

Der Tag, an dem sich Martin Aufmuths Leben radikal zu ändern beginnt, ist der 9. Juni 2009. An jenem Dienstag, so hält er in seinem Tagebuch fest, liest er in Paul Polaks Werk „Out Of Poverty“ von einer „wichtigen Erfindung, die es noch nicht gibt“: eine günstige Brille, die sich Menschen leisten können, die von einem Dollar am Tag leben müssen. Wenn es Brillen für diese Menschen gäbe, dann müssten – zum Beispiel – Näherinnen in Äthiopien nicht aufhören zu arbeiten, nur weil ihre Augen schlechter werden. Oder Kinder in Bolivien könnten lesen und schreiben lernen, obwohl sie kurzsichtig sind. Bei rund 120 Milliarden Dollar pro Jahr, findet Martin Aufmuth heraus, liegt der Einkommensverlust, weil ältere Leute nicht mehr arbeiten und junge Leute nichts lernen können. Ungefähr genauso hoch ist die Summe, die jährlich für Entwicklungshilfe ausgegeben wird. Als Martin Aufmuth wenig später in einem Ein-Euro-Shop jede Menge Ein-Euro-Brillen entdeckt, fängt er an zu grübeln: Warum gibt es im reichen Deutschland spottbillige Brillen, nicht aber in bettelarmen Ländern? „Mein Forscher- und Erfindergeist ist geweckt“, schreibt Martin Aufmuth in sein Tagebuch.

Der Lehrer lernt. Er durchforstet das Internet nach den verschiedensten Brillentypen, er ackert 1000 Patente über Gläser- und Rahmenproduktionen durch, er experimentiert mit ungewöhnlichsten Materialien – und nach einem halben Jahr hat Martin Aufmuth tatsächlich die Ein-Dollar-Brille erfunden. Ihr Rahmen besteht aus Federstahldraht, die Linsen sind aus Polycarbonat. Das Modell ist so stabil, dass es sogar hält, wenn eine Kuh drauf tritt. Das Beste: Sie ist ganz einfach herzustellen. Alles, was es braucht, ist ein Stück Draht, zwei Linsen und eine kleine Holzbox, die Martin Aufmuth Biegemaschine genannt hat. Salopp formuliert, wird dort der Draht in eine Öse gesteckt, ein paar Mal an einem Hebelchen gedrückt, schon passt der Rahmen, in den, klick, klick, die Gläser gesteckt werden. Keine zehn Minuten dauert die Produktion dieser Brille, deren Materialwert bei knapp einem Dollar liegt.

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