Das Sammelgrab von 75 Juden auf dem Friedhof Tailfingen, die das KZ Hailfingen-Tailfingen nicht überlebt haben. Foto:  

Erschossen, erschlagen, von Hunden zerfetzt: Im KZ Hailfingen-Tailfingen waren Gewalt und Tod Alltag. 189 Menschen sind dort von November 1944 bis Februar 1945 in nur vier Monaten zu Tode gekommen. Was genau ist an diesem Ort des Schreckens passiert?

Wer heute an dem unscheinbaren Gelände zwischen dem Gäufeldener Ortsteil Tailfingen und dem Rottenburger Stadtteil Hailfingen vorbeikommt, kann sich kaum noch vorstellen, welche Gräueltaten dort vor knapp 80 Jahren verübt wurden. Von November 1944 bis Februar 1945 unterhielten die Deutschen an dieser Stelle ein KZ. In dem zum elsässischen KZ Natzweiler-Struthof gehörenden Außenlager waren Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Menschen, die aus anderen KZ im Deutschen Reich herverlegt wurden, interniert. Sie erfuhren am eigenen Leibe, zu welcher Brutalität die Deutschen und ihre Helfer in der Lage waren.

 

Heute sind die Spuren kaum noch sichtbar. Von den ärmlichen Baracken, der umzäunten Flughalle und der Landebahn für die militärischen Nachtjäger ist nichts mehr zu sehen. Ein Besuch im Dokumentationszentrum in Tailfingen zeigt aber, mit welchem Alltag die insgesamt 601 Inhaftierten konfrontiert waren. Es verging kein Tag, an dem keine Gewalt herrschte. Schläge mit Gewehrkolben auf den Kopf waren genauso an der Tagesordnung wie Erschießungen.

Wer von den Wacheinheiten wegen angeblicher Regelbrüche nicht umgebracht wurde, musste für den Aufbau des kleinen Militärflughafens körperliche Schwerstarbeit leisten. Viele hungerten, froren bei Eiseskälte oder schwitzten durch die Schufterei, litten unter Parasiten oder brachen vor körperlicher Erschöpfung zusammen. Doch es gab auch Überlebende des Ortes, den ehemalige Häftlinge unterschiedlich als „besser“ oder „schlimmer“ als Auschwitz bezeichneten.

KZ war auf einem Flugplatzareal angesiedelt

Warum an der heutigen Kreisgrenze zwischen Böblingen und Tübingen ein KZ entstand, erklärt Benjamin Merkt, Guide im Dokumentationszentrum und seit 2024 der Vorstandsvorsitzende des Gedenkstättenvereins: „Sie sollten mit ihren bloßen Händen die Infrastruktur eines Flugplatzes aufbauen, auf dem einerseits Angriffe gegen Frankreich geflogen, andererseits auch das Deutsche Reich verteidigt werden sollte.“

Zwei Überlebende waren beziehungsweise sind Israel Arbeiter und Mordechai Ciechanower. Letzteren traf Merkt erst vergangenes Jahr in dessen israelischer Heimat. Ciechanower ist heute 100 Jahre alt und der letzte Überlebende aus diesem KZ. An eine Aussage des Mannes, der durch den Film „Der Dachdecker von Birkenau“ berühmt wurde, erinnert sich Merkt besonders: „Ciechanower sagt: ‚Wir hatten nichts zu essen. Die Läuse aber hatten uns zum Essen.’“ Der ständige Ungezieferbefall war nicht nur lästig, er machte viele Insassen auch krank. „Oft wurde erzählt, dass auch nach Ausschütteln über dem Feuer noch Läuse in den Anzügen steckten“, erzählt der Jettinger, der neben seiner Gedenkstättenarbeit als Justizfachangestellter am Gericht in Stuttgart tätig ist.

Mit dem Schäferhund auf Menschenjagd

Die Gewaltexzesse im Lager hatten auch Namen. Als ausgesprochen gewaltliebend war Häftlingen vor allem der Lagerkommandant Eugen Witzig in Erinnerung. „Der Mann war sehr brutal und hetzte oft seinen Schäferhund auf die Häftlinge. Der Hund war so abgerichtet, dass er den Häftlingen das Fleisch von den Knochen riss. Er kam auch nachts in die Baracke und suchte sich sogenannte Opfer aus. Was er mit diesen Leuten gemacht hat, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass diese Häftlinge am nächsten Tag auf einem Haufen bei den Toten lagen“, erzählte Wolf Gimpel, ein KZ-Insasse, später. Auch Israel Arbeiter beschrieb Witzig als personifizierte Gewalt: „Er war stets von seinem Schäferhund begleitet. Er war sehr gemein. Ich war in sechs Lagern, aber dieser war einer der schlimmsten.“

Überlebende erinnerten sich auch eine andere Geschichte. „Max Steinhardt war Häftling hier. Der Familienvater war einen Tag hier. Als er auf einem Marsch eine am Wegesrand liegende Zuckerrübe aufnahm, wurde er direkt erschossen“, sagt Merkt. Damit war Steinhardt das erste Erschießungsopfer in dem KZ. Zwei andere, die einen Fluchtversuch aus dem später stark gesicherten Lager unternahmen und entdeckt wurden, starben, nachdem sie mit zurückgebundenen Händen aufgehängt wurden.

Menschenverachtende Zustände in dem Lager

Die Lebensbedingungen waren desaströs: „Den Häftlingen wurde nur eine halbe Scheibe Brot und maximal ein Liter Suppe zur Verfügung gestellt. Manche schliefen in Baracken, andere zusammengepfercht in Hangars auf altem Stroh. In der Hierarchie am weitesten unten waren Juden.“ Ein griechischer Zwangsarbeiter, schildert Merkt weiter, habe nach 1945 erzählt, dass er mit Hammer und Meißel Steine aus dem benachbarten Reustener Steinbruch schlagen und in Transportwagen umherkarren musste. Immer wieder hätten Aufseher und der lokale Steinbruchbesitzer August Schäfer gebrüllt: „Schneller, schneller!“

Von den Toten sollte möglichst nichts mehr übrig bleiben: „Viele Leichen wurden in den Krematorien in Esslingen und Reutlingen gebracht, andere in Massengräber verscharrt. Nur noch manche Leichen, die nach dem Krieg unter Augen der Alliierten ausgegraben wurden, konnten noch anhand ihrer eintätowierten KZ-Nummern identifiziert werden“, so Merkt.

189 der 601 inhaftierten Männer starben. Einige, wie Ciechanower und Arbeiter, überlebten den Holocaust. Sie besuchten Jahrzehnte später wieder Orte des Schreckens – auch Hailfingen-Tailfingen. „Was hier geschah, ist unbeschreiblich brutal und traurig. Durch die Erinnerungsarbeit vor Ort gibt es aber die Möglichkeit, die Geschichte zu erzählen und Menschen zusammenzubringen. Auch damit nachfolgende Generationen Bescheid wissen“, bekräftigt Benjamin Merkt.

Deutsche Vernichtungspolitik

KZ
 Das KZ Hailfingen-Tailfingen bestand von November 1944 bis Februar 1945. Ab Februar wurde der Betrieb im Konzentrationslager eingestellt, nachdem die Alliierten zu nahe kamen und Nazi-Deutschland unter akutem Treibstoffmangel litt.

Opfer
 189 Menschen kamen zu Tode. 75 von ihnen waren Juden. Sie starben vor Hunger, Krankheit, Erschöpfung, Misshandlung oder wurden erschossen.

Erinnerung
 Im Alten Rathaus Tailfingen gibt es eine Dokumentationsstätte mit Informationen zu den Verbrechen. Öffnungszeiten und mehr Infos zum Mahnmal gibt es auf der Website unter: https://kz-gedenkstaette-hailfingen-tailfingen.de/