Weniger Unterricht, viel Stress – unter diesen Vorzeichen beginnt am Dienstag für 40 000 Schüler das Abitur in Baden-Württemberg. Wie fair können die Prüfungen sein? Eine Analyse der aktuellen Reifeprüfung.
Stuttgart - Ein wenig ungerecht ist es schon: Längst ist das Abitur nicht mehr die alleinige Eintrittskarte für ein Studium, längst gibt es etablierte Wege, die aus der beruflichen Ausbildung zum Hochschulabschluss führen. Trotzdem ist das Abitur im Prüfungsreigen der Schulen alle Jahre wieder etwas Besonders. Das Abi – auch im 21. Jahrhundert ist es die gefühlte Mutter aller Prüfungen für die Deutschen. Der Vielfalt aller Wege zu hohen beruflichen Qualifikationen wie zu akademischen Würden zum Trotz gilt es auch in normalen Schuljahren nach wie vor als die zentrale Reifeprüfung: Deren Bestehen bezeugt im Verständnis vieler Menschen eben das entscheidende Quäntchen mehr als die allgemeine, zu jedwedem Studium befähigende Hochschulreife.
Macht Corona einen Unterschied?
In diesem Corona-Schuljahr gilt das wegen der widrigen Unterrichtsbedingungen noch mehr als sonst. Undenkbar wäre noch vor kurzem gewesen, dass eine heutige Schülergeneration mit jenen Abiturienten verglichen wird, die nach ihrem Schulabschluss unmittelbar an die Fronten des Zweiten Weltkriegs beordert wurden. Doch Quarantänemaßnahmen, Wechselbetrieb und Schulschließungen haben so viel „normalen“ Unterricht vereitelt, dass die etwa 400 000 deutschen Abiturienten ihren Schulabschluss in diesem Jahr in einem dramatischen Ausnahmezustand des Lernens absolvieren müssen. Auch wenn glücklicherweise nirgendwo geschossen wird, wird wegen Corona der Vergleich mit dem „Notabitur“ der Kriegsgeneration oft gezogen. In diesem Meinungsumfeld stehen auch die rund 40 000 baden-württembergischen Abiturienten, von denen die meisten am Dienstag mit Deutsch in den Prüfungsmarathon starten.
Wieso verzichtet man nicht auf das Examen?
Nur die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat sich in diesem Jahr erneut dafür ausgesprochen, die Klausuren zu streichen und die Zeugnisnoten zum Abitur aufzuwerten. Die Kultusminister aller Bundesländer haben sich gegen eine derartige „Schonung“ der Prüflinge entschieden. Sie halten an den Examen – unter veränderten Bedingungen – fest, weil sie eine lebenslange Stigmatisierung der aktuellen Schulabgänger zum „Corona-Jahrgang“ unbedingt vermeiden wollen. „Die in diesem Jahr erworbenen Abschlüsse werden denen früherer und späterer Jahrgänge gleichwertig sein“, erklärte die SPD-Politikerin und Präsidentin der Kultusministerkonferenz Britta Ernst (Brandenburg) übereinstimmend mit Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Das trägt der deutschen Bildungspolitik ein Lob der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ein. Die hat wegen mäßiger Pisa-Ergebnisse und weil die Pandemie Deutschland „kalt erwischt“ habe, wie OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher erklärt, stets viel zu bemängeln am deutschen Bildungssystem. Aber dass die Prüfungen anders als in Südeuropa nicht abgesagt, sondern durchgezogen wurden und werden, erkennt Schleicher an: Alles andere würde die Absolventen dieses Jahr doch zur verlorenen Generation abstempeln.
Gibt es Hilfestellung für die Abiturienten?
Um die Schulabgänger zu entlasten, wurde in Baden-Württemberg das Lernpensum schon zu Beginn des Schuljahrs auf den Pflichtstoff des Bildungsplans reduziert. Außerdem wurden die Abiturienten und die anderen Schulabgänger mit als erste aus dem Fern- in den Präsenzunterricht zurückgeholt und die Prüfungstermine nach hinten verlegt, damit die Schüler mehrere Wochen länger Zeit für ihre Vorbereitung haben. Wer wegen der Corona-Belastungen trotzdem akute Prüfungsangst bekommt, konnte noch eine Woche vor Klausurbeginn die Teilnahme am Abitur absagen und auf den Nachtermin im Juni oder aufs nächste Jahr verschieben. Zahlen, ob viele Abiturienten von diesem Sonderrecht Gebrauch machen, liegen noch nicht vor.
Welche weiteren Anpassungen gibt es?
Auch für die Klausuren selbst hat das Kultusministerium viele Stellschrauben genutzt, um die Examensbedingungen zu erleichtern. Ministerin Susanne Eisenmann hat den Prüflingen „faire“ Bedingungen im Examen versprochen. Außerdem bekommen die Abiturienten für ihre Klausuren eine halbe Stunde mehr Zeit. Es gibt eine größere Auswahl an Examensaufgaben in jedem Fach. So soll sichergestellt werden, dass auf jeden Fall Themen drankommen, die im Unterricht ausführlich behandelt werden. Um sicher zu gehen, hat Eisenmann das Institut für Bildungsanalysen (IBBW) beauftragt, den Schwierigkeitsgrad der Prüfungsaufgaben einem spezifischen Corona-Check zu unterziehen. Übrigens: Die generelle Testpflicht für Schüler, die seit mehreren Wochen gilt, ist für die Prüflinge ausgesetzt. Sie dürfen ihre Klausur, auch ohne Test schreiben – müssen dabei aber von den getesteten Klassenkameraden getrennt werden.
Was ist mit den Noten?
Geschenkt bekommen die Abiturienten ihre Abschlusszeugnisse nicht, ihre Noten müssen sie sich verdienen. Aber zwei Dinge wurden wegen Corona verändert: Erstens finden die Erst- und die Zweitkorrektur an der eigenen Schule statt – in normalen Jahren ist die Zweitkorrektur ausgelagert. Zweitens hat das Kultusministerium die Lehrer aufgefordert, „bei der Korrektur der Abschlussprüfungen auch in diesem Jahr die mit Corona einhergehende Sondersituation pädagogisch angemessen zu bedenken“.