Ilija Trojanow hat in einem vergessenen Klassiker die Blaupause für aktuelle politische Entwicklungen entdeckt: eine rabenschwarze Satire – realistischer, als einem lieb sein kann.
Um zu verstehen, was gerade politisch an verschiedenen Stellen in die falsche Richtung läuft, muss man nicht zu neuesten Theorien greifen. Angesichts eines Rollbacks, der die Leute in einem Land wie den USA mit „No Kings“-Plakaten auf die Straße treibt, kann es sein, dass der Blick zurück manches klarer vor Augen führt, als es der strauchelnde Glaube an ein stetes Voranschreiten vermag. Und für das machtzentrierte Denken, das sich gerade unter dem Begriff eines politischen Realismus über moralische, rechtliche oder ökonomische Gesichtspunkte erhebt, um irgendetwas wieder so groß zu machen, wie es nie zuvor war, trifft ein Buch aus dem Jahr 1897 den Nagel auf den Kopf.
Ausgegraben hat es der Autor Ilija Trojanow. Gäbe es für seine Authentizität nicht unwiderlegliche Beweise, man würde es glatt für die Erfindung eines literarischen Weltensammlers halten. So sehr passt es zum gegenwärtigen Stand der Dinge. Es stammt von dem bulgarischen Dichter Stojan Michailowski und erschien unter dem Titel „Buch für das bulgarische Volk“. Auf dieses blieb es als in fünfhebigen Jamben verfasster und wohl weitgehend ungelesener Klassiker auch beschränkt, bis es Trojanow in eine Prosanacherzählung übersetzt und aus seinem über hundert Jahre währenden Dornröschenschlaf befreit hat.
„Das Buch der Macht“ steht in einer literarischen Tradition
„Das Buch der Macht“, wie der deutsche Titel nun lautet, steht in einer bis in die Antike zurückreichenden literarischen Tradition, die Herrschenden moralische und praktische Ratschläge zur Machtausübung erteilt. Eine Summe politischer Lebensklugheit, die in diesem Fall ein alter mächtiger Wesir an seinen Neffen weiterreicht, der ihn beerben soll. Er steht der Hohen Pforte vor, dem Regierungssitz des osmanischen Reiches, dessen Zustand zu dieser Zeit das Sprachbild des „kranken Mannes am Bosporus“ als Synonym des Verfalls verkörperte.
Doch nicht auf diese historische Konkretion kommt es an, sondern auf ein universales Herrschaftswissen, dem auf dem Weg durch die Zeit alles ausgetrieben worden ist, was über den schieren Machterhalt hinausgeht. In fünfzehn Tagen verabreicht der alte Mann seinem potenziellen Nachfolger einen Crashkurs, „wie man Herrschaft an sich reißt, wie man souverän den Staat lenkt, wie man die Menschenherde zur Weide führt, wie man Chaos zur Ordnung formt, wie man die Gelüste der Raubtiere in nützliche Bahnen lenkt“ – und welche noch so brutalen und niederträchtigen Mittel von diesem Zweck geheiligt werden. Grundsätzlich alle, so sie zum Erfolg führen: „Was kümmert uns der Morast entlang des Weges, wenn wir am Ende süße Belohnung finden.“
„Herrsche, in dem du Laster säst“, lauten seine Maximen; „ziehe die ehrenwerten Gefühle durch den Schlamm“, „der gute Mensch ist ein dummes Menschlein“. Hier wird dem Nächsten nur das Schlechteste unterstellt, um ihn umso rücksichtsloser in Schach zu halten. Verlässlich sind allein Niedertracht, Gier und Lüge.
Begierig saugt der Neffe die Lehren seines Onkels auf. Trojanow erweitert den einseitigen Dialog zwischen den beiden, indem er den Text glossiert. Dieses Buch der Macht hat eine linke und eine rechte Seite: rechts ist in blauer Schrift die Nacherzählung des Originals zu lesen; links, in rot, ergänzen Zitate, Reflexionen, Kommentare aus politischer Theorie und Praxis den Text. Nietzsche, Machiavelli, Gracian, die Philosophen der Antike, indische und chinesische Weisheitslehren, aber auch Beispiele aus der jüngeren und jüngsten Vergangenheit bilden eine interkulturelle Echokammer für die Lektionen des Wesirs.
Rabenschwarze Satire
In seiner radikalen Zuspitzung ist Michailowskis allegorisches Poem eine rabenschwarze Satire im Einzugsbereich der großen politischen Katastrophen, die wenig später über die Welt hereinbrechen. Ihre befremdlichste Qualität aber entwickelt diese Text-Assemblage, wie sie ihrerseits zu glossieren scheint, was sich jetzt gerade in der Gegenwart vollzieht. Vieles in dem Unterweisungsprojekt des Wesirs deckt sich auf gespenstische Weise mit jenem „Project 2025“, das sich gerade in den USA ein skrupelloser Machtpolitiker samt seiner willigen Entourage umzusetzen anschickt.
Auch die Feindbilder gleichen sich. Der Wesir äußert sich in einer Weise, die man heute ausgesprochen antiwoke bezeichnen würde: „Der Idealismus ist das Böse, ein Aussatz des Geistes, ein Geschwür der Gesellschaft.“ Er tut alles, um ihn aus dem Gesellschaftskörper zu entfernen und das Fundament für Wahrheit und Wissenschaft zu untergraben. Was es heißt, die Zone mit Shit zu fluten, hat der zynische Techniker der Macht längst perfektioniert: „In den letzten dreißig Jahren habe ich mit zielstrebiger Beharrlichkeit Gift in das Maul der Öffentlichkeit gegossen, ein Gemisch aus Lügen, Verleumdungen und Unterstellungen.“
So wird dieses Buch der Macht zu einem Prisma, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart bündeln. Es hat aufmerksamere Adressaten verdient als den willfährigen Neffen des alten Mannes am Bosporus. An ihnen könnte sich entscheiden, was die Zukunft bringt.
Ilija Trojanow: Das Buch der Macht – Wie man sie erringt und (nie) wieder loslässt. Die Andere Bibliothek. 276 Seiten, 26 Euro.
Info
Autor I
Stojan Michailowski, 1856 in Elena und 1927 in Sofia gestorben, war ein bulgarischer Dichter und Satiriker. Er studierte Rechtswissenschaften in Frankreich und arbeitete als Lehrer, Rechtsanwalt, Beamter und Hochschullehrer. Er engagierte sich politisch und war Mitglied der bulgarischen Nationalversammlung. Er verfasste Fabeln, satirische Gedichte – und 1897 eben jenes allegorische Poem „Buch für das bulgarische Volk“, das Ilija Trojanows Nachdichtung zugrundeliegt.
Autor II
Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, Bulgarien, wuchs in Deutschland und Nairobi auf. Von 1984 bis 1989 studierte er Rechtswissenschaften und Ethnologie in München. Dort gründete er den Kyrill & Method Verlag und den Marino Verlag. 1998 zog Trojanow nach Mumbai, 2003 nach Kapstadt, heute lebt er, wenn er nicht reist, in Wien. Seine Romane wie „Der Weltensammler“, „Macht und Widerstand“ und „Tausend und ein Morgen“ sowie seine Reisereportagen wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Termin
An diesem Mittwoch eröffnet ein Gespräch zwischen Ilija Trojanow und der Verlegerin Nele Holdack über das „Buch der Macht“ die Stuttgarter Buchwochen.