Jonas Dassler in „Der goldene Handschuh“ Foto: Festival

Nach 18 Jahren nimmt der Berlinale-Chef Dieter Kosslick seinen Hut. Zum Abschied kommen als Gäste Fatih Akin, Christian Bale, Juliette Binoche und Charlotte Rampling. Insgesamt steht das Festival im Zeichen der starken Frauen.

Stuttgart - Die 69. Berlinale steht im Zeichen des Umbruchs. Der Festival-Direktor Dieter Kosslick (70) verabschiedet sich nach 18 Jahren, die neuen Leiter, Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, begleiten ihn auf seiner Abschiedstour. Ihre Aufgabe wird es sein, das Filmfestival neu zu erfinden – was in Zeiten der Streaming-Konkurrenz bitter nötig ist.

Kosslicks hinterlässt das größte Publikumsfestivalfestival der Welt mit zuletzt knapp einer halben Million Besuchern. Er hat mehr deutsche Filme denn je ins Wettbewerbsprogramm geholt, das unter seiner Ägide mitunter sperrig war und Dramen-lastig. Auch diesmal erwartet die Besucher einiges an harter Kost: Gebeutelte Familien und verlorene Kinder, Frauenhass und Missbrauch sind die Themen.

Fatih Akin ist zurück im Wettbewerb

400 Filme bietet die Berlinale 2019 insgesamt, 17 davon konkurrieren um den Goldenen und die Silbernen Bären, einige davon stammen von Regisseurinnen und Regisseuren, die dem Festival einen Karriereschub verdanken. Die Dänin Lone Scherfig gewann 2001 mit ihrer Komödie „Italienisch für Anfänger“ den Silbernen Bären der Jury, nun eröffnet sie das Festival mit „The Kindness of Strangers“, einem Film über vier Menschen in Lebenskrisen im winterlichen New York. Fatih Akin bekam für sein Deutschtürken-Drama „Gegen die Wand“ 2004 den Goldenen Bären, danach zog er – wie so viele - Cannes im Mai vor. Nun aber schickt Akin in Berlin seine nächste Literaturverfilmung nach „Tschick“ ins Rennen um die Bären: Er hat Heinz Strunks Hamburger Kiezroman „Der goldene Handschuh“ adaptiert, eine drastische Milieustudie um den Serienmörder Fritz Honka.

Auch zwei Goldbären-Gewinner aus China sind am Start: Wang Quan’an („Tuyas Hochzeit“, 2007) blickt in „Öndög“ in die mongolische Steppe und auf existenzielle Menschheitsfragen, Zhang Yimou („Rotes Kornfeld“, 1988) taucht in „One Second“ noch einmal ein in die Härten der sogenannten „Kulturrevolution“ unter Mao Zedong, die Zhang selbst erlebt hat.

Um Missbrauch in der katholischen Kirche geht es in „Grâce à Dieu“, einem Drama des treuen Berlinale-Teilnehmers François Ozon. Und neben Akin sind auch zwei deutsche Filme im Rennen, beide von Frauen: Angela Schanelec, eine Protagonistin der Berliner Schule, erzählt in „Ich war zu Hause, aber“ von einem Schüler, der für eine Woche spurlos verschwindet; Nora Fingscheidt, Absolventin der Ludwigsburger Filmakademie, in ihrem Langfilmdebüt „Systemsprenger“ von einem unangepassten Mädchen, das sich allen Bildungs- und Hilfsangeboten widersetzt.

Viele weibliche Stimmen

„Das Private ist politisch“, ein Leitsatz der zweiten Frauenbewegung der 70er Jahre, dient in diesem Jahr als als Berlinale-Motto. Und tatsächlich sind Frauen wieder stärker vertreten als andernorts – auch als Gleichstellungsaktivist wird Dieter Kosslick in die Geschichte eingehen. Acht ­Wettbewerbsfilme stammen von Regisseurinnen, darunter die Polin Agnieszka ­Holland, die Spanierin Isabel Coixet und – außer Konkurrenz – die Französin Agnès Varda. Die Retrospektive trägt den Titel „Selbstbestimmt“ und zeigt 26 Spiel- und Dokumentarfilme deutscher Regisseurinnen von 1968 bis 1999, darunter Werke von Helke Sander, Ula Stöckl oder Jutta ­Brückner. Die britische Schauspielerin Charlotte Rampling, ein gern gesehener Berlinale-Gast, bekommt den Ehrenbär, ihr ist auch die Hommage gewidmet. Enthalten ist unter anderem der italienische Film „Der Nachtportier“ (1974), in dem eine Holocaust-Überlebende eine sadomasochistische Beziehung mit ihrem ehemaligen SS-Peiniger hat – damals ein veritabler Skandal.

Auch die Jury ist in weiblicher Hand: Die Französin Juliette Binoche steht ihr vor und gab sich schon im Vorfeld kämpferisch. „Die Metoo-Debatte ist so wichtig wie die feministische Bewegung in den 70er Jahren, und wir sind noch nicht am Ende“, hat die Binoche dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gesagt. Als Ko-Jurorin fungiert die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller, die 2006 den Silbernen Bären als beste Darstellerin für ihre Rolle im Exorzismus-Drama „Requiem“ bekam.

Stars? Welche Stars?

Praktisch keine Rolle spielt bei dieser Berlinale das große Kino aus Hollywood. Wegen der zeitlichen Nähe zur Oscar-Verleihung eine Woche später laufen die dort nominierten Filme ohnehin höchstens außer Konkurrenz, diesmal die Spielfilm-Satire „Vice – Der zweite Mann“ über den früheren, sehr mächtigen US-Vizepräsidenten Dick Cheney. Hauptdarsteller Christian Bale wird nach Berlin kommen, ebenso wie Tilda Swinton, Catherine Deneuve und Martin Freeman. Diane Kruger („Aus dem Nichts“) wird im israelischen Thriller „The Operative“ außer Konkurrenz als Mossad-Agentin zu sehen sein, aber wohl nicht persönlich erscheinen.

2020 könnte es dazu kommen, dass die Oscars erstmals während der Berlinale verliehen werden – und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat vorige Woche in der Berliner „B.Z.“ erklärt, es gebe Überlegungen, den Festivaltermin nach hinten zu verlegen auf Ende Februar oder Anfang März. Im Umgang mit den Filmen von Streamingdiensten, die in Cannes und Venedig schon für Kontroversen gesorgt haben, bekräftigte Grütters die bisherige Haltung der Berlinale: Ein Kinostart sei für einen Film unerlässlich, um sich für ein dem Kino gewidmeten Festival zu qualifizieren. Im aktuellen Wettbewerb läuft Isabel Coixets von Netflix produziertes Drama „Elisa & Marcela“, weil ein Kinostart immerhin in Spanien vorgesehen ist – wäre sie konsequent, so müsste die Berlinale außerdem einen Start in Deutschland fordern.

Netflix ist auch bei der Reihe Berlinale Series vertreten, die schon zum fünften Mal Bestandteil des Festivals ist: Die schwedische Produktion „Störst av allt“ erzählt von einem Amoklauf an einer Eliteschule. Auch sonst geht es im Serien-Special der Berlinale eher düster zu: Österreich ist zum Beispiel mit „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ vertreten, Deutschland schickt das Endzeitdrama „8 Tage“ mit Christiane Paul und Mark Waschke ins Rennen, die britische Serie „Hanna“ handelt von einer 14-jährigen Killerin.

Man darf gespannt sein, wie die neue Festivalleitung auf den rasanten Umbruch bei den bewegten Bildern reagiert.

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