Ennio Morricone hat das Kino geprägt – und vielen Filmfreunden lebenslänglich Ohrwürmer verpasst. Foto: dpa/Jörg Carstensen

Fast jeder kennt die Mundharmonika-Musik aus „Spiel mir das Lied vom Tod“. Der nun verstorbene Ennio Morricone hat fürs Kino aber noch viele andere unvergessliche Kompositionen geliefert. Wir haben ein paar der schönsten herausgesucht.

Stuttgart - Man soll nicht dauernd in Übertreibungen verfallen. Sagen wir’s also knapp: Ennio Morricone war ein Genie. Und äußerst produktiv. Der nun im Alter von 91 Jahren in Rom verstorbene Komponist hat fürs europäische Kino und für Hollywood über Jahrzehnte hinweg mehrere Filme pro Jahr vertont. Dass da ein paar solide Ideenwiederholungen dabei sind: geschenkt. In seinen begnadet inspirierten Momenten – und die waren unfassbar zahlreich – hat Morricone Musik geliefert, die weit über das einzelne Filmerlebnis hinausreichte und tief in die Popkultur hinein. Seine Musik zu italienischen Western etwa klingt nicht einfach zeitlos toll, sie hat das Genre verändert, hat ihm mit ihrer Tiefe und ihren Klangfarben neue Dimensionen geöffnet. Man könnte sagen: Morricone hat aus dem krawallig-vulgären Spaghetti-Western in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Sergio Leone den facettenreichen Italo-Western gemacht.

Das Spiel „Die zehn Lieblings-Soundtracks aus dem Werk von Ennio Morricone“ ist also eines zum Wahnsinnigwerden für alle Beteiligten, erst recht in der Variante „Die zehn besten Melodien“. Angefangen von den Italo-Western der Sechziger, die pro Soundtrack gleich mehrere Tracks für die Ewigkeit abwerfen, bis hin zur Musik für Quentin Tarantinos Spätwestern „The hateful Eight“ von 2016 müsste man vielleicht 30 Werke als Kanon nennen, bevor man überhaupt zu persönlichen Lieblingsstücken käme. Also haben wir hier einfach mal das allseits Akzeptierte und das zu Unrecht etwas Vergessene bunt gemischt – zum Erinnern und zum Neuentdecken. Aber Vorsicht: man kann sich in dieser Musik verlieren. Neben der Arbeit her hineinzuhören kann zu einem schwer verträumten Tag führen.

„Für eine Handvoll Dollar“ (1964)

Sergio Leones Western hat gezeigt, welche Wirkung der Amerikaner Clint Eastwood, der zuhause in einer TV-Serie feststeckte, auf der großen Leinwand entfalten kann. Morricones Musik definiert das eiskalte, spöttische, doch auch leicht romantische Selbstbewusstsein des Einzelgängers in einer Welt voller Unordnung und Aggression. Eastwoods Figur bekommt gleich mal den passenden Denkmalssockel untergeschoben.

„Für ein paar Dollar mehr“ (1965)

Leone, Eastwood und Morricone machen weiter. Sie liefern nicht einfach mehr vom selben, sie entfalten ihre Welt. Sie zeigen, dass im Western viel mehr verhandelt wird als die Frage, wer schneller zieht. Nämlich die Frage, was im Freiraum des Wilden Westens, jenseits der gefestigten Zivilisation, auf einen wartet: das Glück der Freiheit, der bittersüße Schmerz der Einsamkeit oder das Grauen des Ausgeliefertseins?

Zwei glorreiche Halunken (1966)

Noch mal Leone, Eastwood und Morricone. Der Komponist steht jetzt im offenen produktiven Wettbewerb mit allen anderen: Wird man Leones einprägsame Bilder, Eastwoods ikonisch cooles Spiel oder doch einen Ohrwurm als wichtigste Erinnerung mit aus dem Kino tragen? Man kann gar nicht anders, als tagelang nachzusummen, mitzupfeifen, sich an Einzelheiten des Arrangements dieser Titelmelodie erinnern zu wollen.

„Schlacht um Algier“ (1966)

Ab und an darf Ennio Morricone jetzt trotz des hohen Bedarfs der italienischen Filmindustrie an Western-Musik anderes komponieren. Er genießt die Abwechslung und Herausforderung sichtlich. Gillo Pontecorvos „Schlacht um Algier“ ist ein Spielfilm von dokumentarischer Wucht und wird damals international als Meisterstück wahrgenommen. Er braucht eine Musik, die Ernst, Opfer, Bitterkeit des Unabhängigkeitskampfes der Algerier umsetzen – aber ohne die deutlich verspielten Pathoszüge der Western-Soundtracks. Morricone kann die Trennlinie klar ziehen.

„Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968)

Für viele ist dies der Western schlechthin, alle amerikanischen Werke eingerechnet: Sergio Leone dreht diesmal mit Charles Bronson und Henry Fonda, nicht mit Eastwood, der Film ist ernster und brutaler als die früheren Werke – nicht, weil noch Schlimmeres passieren würde, sondern weil der spielerische Gestus noch weiter reduziert ist. Hier wird ein Röntgenbild des Westerntraums geliefert, das die Grausamkeit hinter der Fassade klar hervortreten lässt. Morricones Soundtrack ist bezwingend von vorn bis hinten. Aber bei den meisten Zuschauern setzt sich – wohl ein Leben lang – die Passage „Der Mann mit der Mundharmonika“ fest.

Sacco und Vanzetti (1971)

Wieder mal außerhalb des Genre-Kinos tätig: Morricone komponiert die Musik zu Giuliano Montaldos „Sacco und Vanzetti“. Diese Namen waren damals bekannter als heute, die zweier italoamerikanischer Anarchisten, die 1927 wegen Doppelmordes während eines Überfalls auf einen Juwelier zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. Vielen amerikanischen und europäischen Linken galt das als Justizverbrechen. Sie waren überzeugt, da habe man ein Verbrechen zwei Unschuldigen in die Schuhe geschoben, um sie für ihre politischen Ansichten bestrafen zu können. Sacco und Vanzetti, diese Namen markierten damals für viele Blutflecken auf der Freiheitsstatue. Das Besondere an Morricones Musik: Sie integriert im Song „Here’s to you“ den Text und die Stimme von Joan Baez, damals eine der großen Sirenenstimmen des liberalen Amerika.

„Days of Heaven“ (1978)

Zu Terrence Malick, einem der Sonderlinge des US-Kinos, ließe sich viel sagen. Vor allem lässt sich viel über ihn und seine späten Filme rätseln. Glasklar aber ist, warum er sich bei einem seiner frühen und besten Filme, „Days of Heaven“, für Ennio Morricone als Komponisten ausgesprochen und ihn auch bekommen hat. Die Musik brachte Morricone die erste seiner insgesamt (nur) sechs Oscar-Nominierungen ein.

„Cinema Paradiso“ (1988)

Zu den großen Liebeserklärungen ans Kino, vor allem ans Kino von einst, als Bewegtbilder noch nicht ins heimische Wohnzimmer kamen, zählt Giuseppe Tornatores Film über eine kleine Traumklitsche in der Provinz. Ennio Morricone weiß ganz genau, worum es geht, also auch, dass diese Kinotage nicht wiederkehren. allowfullscreen>

„Allen geht’s gut“ (1990)

Ein völlig unterschätztes, früh wieder vergessenes Kabinettstückchen des italienischen Kinos: Ettore Scolas „Stanno tutti bene - Allen geht’s gut“. Marcello Mastroianni spielt den älteren Mann, der sich auf eine Reise begibt, um reihum seine fünf Söhne zu besuchen. Morricone kann seine verschmitzte, humorvolle Seite zeigen – sein Talent als Gute-Laune-Komponist. Wer da nicht schon beim Zuhören lächeln muss, hat wirklich einen schlechten Tag.

Bugsy

1991 ist Barry Levinson noch einer der angesagten Regisseure Hollywoods: Sein Megahit „Rain Man“ liegt noch nicht lange zurück. „Bugsy“ aber, die Geschichte des Mafiosos und Las-Vegas-Organisators Bugsy Siegel mit Warren Beatty in der Titelrolle, wird unverständlicherweise ein Flop. Kaum jemand kennt den Film heute noch: Ennio Morricones Soundtrack alleine sollte schon Lust machen, ihn mal zu sichten.

The hateful Eight“ (2015)

Quentin Tarantino, wen wundert’s, ist Italo-Western- und Ennio-Morricone-Fan. Für „The hateful Eight“ will er den Altmeister as Komponisten. Morricone ist da längst ziemlich verbittert, was Hollywood angeht. Nie hat man ihm einen Oscar für eine seiner Musiken zuerkannt, aber 2007 den Ehren-Oscar fürs Gesamtwerk ausgehändigt. Diesem Preis haftet der „Mist, den haben wir immer verpennt“- Ruch an, und Morricone hat den überdeutlich in der Nase. Also legt er in hohem Alter für Tarantino noch einmal einen Soundtrack hin, der seinen eigenen Stil zusammenfasst und doch ganz frisch klingt. Und es klappt: Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences spricht ihm den Oscar zu. Keiner kann hier glauben, das sei wieder ein Trost-Oscar für verpasste Gelegenheiten zuvor. Morricone hat noch einmal allen gezeigt, was Filmmusik kann.

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