Frei wie ein Vogel fühlt sich Steffen Obenland in der Luft. Gute Zeiten für einen Start mit seinem Flyke sind die frühen Morgen- und die späten Abendstunden. Foto: privat

Wenn Steffen Obenland abschalten will, dann schnappt er sich sein Liegefahrrad. Doch statt damit entlang der Wiesen zu radeln, hebt der 60-jährige Hobbyfotograf mit seinem Flyke ab, genießt in der Luft pure Freiheit und hält nebenbei alles mit der Kamera fest.

Es ist nicht das Adrenalin, das ihn antreibt. Im Gegenteil. Wenn Steffen Obenland in die Luft steigt, dann deshalb, weil er runterkommen will, abschalten vom Alltag und ruhig und entspannt seine Runden drehen. „Ich fühle mich dann frei wie ein Vogel, das ist einfach mein Ding. Klar, gibt es auch mal stressige Momente. Start und Landung sind nicht zu unterschätzen, aber dazwischen ist es pure Erholung für mich“, sagt der 60-Jährige.

 

Wenn es um sein verrücktes Fluggefährt geht, gerät der Mann aus Spiegelberg ins Schwärmen. Und das, obwohl er es eigentlich gar nicht so sehr mit der Höhe hat: Als er einmal auf einer Feuerwehrleiter stand und diese ganz schön hin und her schaukelte, war Steffen Obenland ziemlich mulmig zumute. Und wenn er von einer Mauer nach unten schaut, kriegt er Höhenangst. Auch Flugreisen sind nicht sein Ding. „Da fühle ich mich so ausgeliefert und weiß nicht, was passiert. Wenn ich dagegen mit meinem Flyke fliege, habe ich alles selbst in der Hand und die Kontrolle.“

Flyke – Steffen Obenland aus Spiegelberg schwärmt vom Liegerad mit Gleitschirm

Und wo der 60-Jährige mit dem zum Hobby passenden Nachnamen auftaucht, zieht das fliegende Fahrrad mit seinem großen Propeller die Blicke auf sich. Vorne hat es ein Rad, hinten zwei. Und am Heck sitzt der einem Ventilator ähnelnde, riesige Propeller. Wenn Obenland beim Start Gas gibt, kommt erst der Gleitschirm nach oben und wenn die Geschwindigkeit passt, hebt dann das ganze Gefährt ab. Maximal 1500 Meter Höhe kann er mit seinem Flyke erreichen – aber eigentlich bleibt er gerne drunter, denn der Hobbyfotograf nutzt die Touren, um Bilder zu machen.

„Ich halte die Strecken mit vielen Aufnahmen fest. Da ist es besser, nicht zu hoch zu fliegen. Danach bearbeite ich die Fotos am PC.“ Das sei total spannend. Und die Luftaufnahmen kämen gut an. „Ich habe schon für viele Nachbarn welche gemacht.“ Doch wer jetzt denkt, Steffen Obenland tuckere da oben gemächlich vor sich hin und drücke gelegentlich auf den Auslöser, täuscht sich. Um die 50 Stundenkilometer hat so ein Flyke drauf. Mit Rückenwind sind es schnell mal 100 Kilometer die Stunde. „Wenn dagegen der Wind von vorne kommt, dann geht gar nichts mehr. Man steht dann in der Luft“, erklärt Obenland und fügt hinzu, dass es auch schon Flüge gab, bei denen er abbrechen musste.

Pilot Steffen Obenland mit Teddybär Bert. Foto: privat

Beim Flyke-Start ist höchste Konzentration gefragt

Auch beim Start ist höchste Konzentration gefragt. Der Hobbypilot aus dem Lautertal hat da immer noch jedes mal ein bisschen Lampenfieber und das findet er auch ganz gut so: „Wenn man da zu nachlässig wird, dann fehlt die Konzentration, und es passieren Fehler. Auch in der Luft gibt es mal Turbulenzen, aber ich hatte noch nie eine wirklich kritische Situation.“ Für den Notfall hat der 60-Jährige einen Rettungsschirm dabei, falls der Gleitschirm ausfällt – und sein Handy. Zudem sind die Flieger – meist startet er mit Bekannten, die auch ein Flyke haben – über Funk verbunden und können sich absprechen.

Das Flyke – eine Verballhornung der englischen Begriffe Fly und Bike – schafft es dank eines Propellermotors in die Luft und hält sich mit diesem Antrieb dort. Damit der Start mit dem fliegenden Gefährt, das auf der Erde schlicht ein Liegefahrrad ist, glückt, brauchen die Piloten entweder kein Wind oder Gegenwind. Steffen Obenland, Geschäftsführer eines Computerkabel-Fachhandels, hebt gern abends ab. Wenn er mit Vollgas Kurs in den Himmel über dem Schwäbisch-Fränkischen Wald oder dem Neckar genommen hat, klinkt sich der 60-Jährige aus dem Alltag aus. „Am Abend ist die Thermik schwach, die Luft ruhig, das sind optimale Voraussetzungen“, erklärt der Mann, der mit seiner Frau erst vor zweieinhalb Jahren hergezogen ist.

Davor wohnte der Familienvater und Opa in Ilsfeld (Kreis Heilbronn), wo die Flugwiese eines Bekannten liegt, die er für den Start nutzt. „Als ich noch in Ilsfeld wohnte, bin ich mit dem Fahrrad zu der Wiese gefahren. Nach dem Flug ging es mit dem Fahrrad wieder zurück nach Hause“, sagt Steffen Obenland. Das Flyke sei also eine Art Allzweckwaffe, was ihn auch so fasziniere. Seit er in Spiegelberg wohnt – er nutzt immer noch die Wiese des befreundeten Bauern – kann er nicht mehr rüberradeln. Stattdessen lädt er sein Flyke seither in einen Hänger und fährt rüber. Wenn der Herbst die Blätter färbt, liebt Obenland es noch mehr, über die Landschaft zu gleiten. Zum 40. Geburtstag hatte er sich einen Tandem-Gleitschirmflug gewünscht. „Als ich den im Urlaub eingelöst hatte, war es um mich geschehen. Ich wusste, das will ich wieder machen, mit Motor, weil hier gibt es ja nicht so viele Berge.

Gesagt, getan: Seit vielen Jahren betreibt der 60-Jährige nun schon sein Spezialhobby. Während er die Landschaft aus der Vogelperspektive bestaunt und Fotos macht, baumeln links und rechts von ihm die Handgriffe – Bremsen oder auch Steuerleinen genannt. Obenland weiß, was er tut. Er kennt die Regeln und fliegt auf Sicht. Die Anschaffung eines Flykes ist mit rund 10 000 Euro recht günstig – man braucht aber einen Motorgleitschirm-Führerschein. Steffen Obenland kann mit 15 Liter Sprit mehrere Stunden in der Luft sein. „Mein längster Flug ging 120 Kilometer weit. Das sieht man so einiges. Ich starte so oft es geht, ohne Absprachen. Man ist herrlich frei.“

Weitere Infos und die Möglichkeit, Luftbildaufnahmen zu bestellen, gibt es unter: https://luftbild-unterland.de/