Das Alte Schauspielhaus spielt Molières „Der Geizige“ Mein Geld! Mein Gott!

Von Ulla Hanselmann 

Seine Geldkassette ist ihm heilig: Harpagnon (Volker Risch) leidet unter exzessivem Geiz. Foto:  
Seine Geldkassette ist ihm heilig: Harpagnon (Volker Risch) leidet unter exzessivem Geiz. Foto:  

Wenn das Alte Schauspielhaus Molières „Geizigen“ zum Leben erweckt, ist das geschliffene Wort der Star. Verknüpfungen zum Heute wie zur Griechenlandkrise oder zur Rentendebatte stellen sich wie von selbst her.

Stuttgart - Mein Geld! Mein Gott!“ Aus den vom Geiz trockengelegten Abgründen seiner Seele herauf entfährt Harpagon dieser Stoßseufzer, dann erlischt das Bühnenlicht. Seine beiden Kinder ist er los, dafür darf er das fest umklammern, was ihm das Liebste auf der Welt ist. „Mein Geld! Mein Gott!“: So könnte auch ein Slogan für die von Profitstreben angetriebene Globalisierung des 21. Jahrhundert lauten; ein smarter PR-Mensch könnte es nicht besser formulieren.

Der es so knackig auf den Punkt bringt, ist indes kein Werbeprofi, sondern der Regisseur Ulf Dietrich: Mit dem Schluss-Satz wandelt er die literarische Vorlage seiner Inszenierung, die am Freitagabend im Alten Schauspielhaus Premiere feierte, mit versteckt zeitkritischem Impetus ab.

Ein gewisser Jean Baptiste Poquelin hat seine 1668 erstmals auf die Bühne gebrachte Komödie mit anderen Worten enden lassen. Ja, Harpagon ist niemand anderer als „Der Geizige“, den der große französische Komödiendichter Molière (1622-1673) ins Zentrum seines Stückes stellte. In dem Prosa-Fünfakter gibt der Theater-Guru der französischen Klassik die Geldgier und den exzessiven Geiz seiner Hauptfigur der Lächerlichkeit preis. Harpagons (Volker Risch) Sparzwang führt nicht nur dazu, dass er seinem Koch und Kutscher Jacques (Michael Hiller) das Packpapier für den Toilettengang reduziert und jeden Nagel bunkert. Sein krankhaftes Lechzen nach Barem droht vor allem seine Kinder ins Unglück zu stürzen. So will der knitze Knauser seine Tochter Elise (Kim Zarah Langner) mit einem betuchten Alten verkuppeln, sein Sohn Cléante (Lukas Benjamin Engel) soll eine wohlhabende Witwe ehelichen.

Der Gold-Écu ist nicht weit weg vom Euro

Er selbst plant die Heirat mit Mariane (Katharina Paul), einer jungen zwar mittellosen Frau, bei deren Mutter sich aber sicher noch etwas an „Habe“ herausschlagen lässt, so sein Kalkül, wofür er die verschlagene Frosine (Heike Schmidt) einspannt. Doch genau diese Mariane ist schon mit Cléante verbandelt, auch die lebensfrohe Elise hat andere Pläne – mit Valère (Marius Hubel), der sich im Hause Harpagons als Diener ausgibt, seine wahre Identität aber verbirgt. Verbergen will der Hausherr wiederum eine gut gefüllte Geldkassette vor den Begehrlichkeiten seiner Mitmenschen, was jedoch gründlich misslingt: Plötzlich sind die 10 000 Écu verschwunden.

Der Gold-Écu des 17. Jahrhunderts ist gar nicht so weit weg vom Euro, wenn man weiß, dass ECU ein Vorläufer des Euro war. Im Alten Schauspielhaus bleibt Écu aber Écu, so wie Dietrich sich überhaupt eng an Molières Vorlage hält, sprachlich und inhaltlich jedoch strafft und glättet, beim Bedienstetenpersonal kürzt. Erstaunlich, wie gut man der antiquierten, verschlungenen Sprache folgen kann. Aber Molières in Sprachwitz gefasste, den menschlichen Egoismus erhellende Geistesblitze – sie zünden eben bis heute.

Ulf Dietrich hat von einer modernen Adaption die Finger gelassen, vertraut ganz auf das Genie Molière und dessen universelle Wahrheiten. Diese Rechnung geht zwar sehr unterhaltsam auf, über etwas weniger altbackenes Volkstheater in schlichter, funktioneller Kulisse – die Bühne zeigt das blau tapezierte Foyer des Hauses Harpagons - hätte man sich dennoch gefreut. So geschieht es nachgerade der Inszenierung zum Trotz, dass sich im Kopf des Zuschauers Verknüpfungen zum Heute herstellen. Der Zinswucher, dem Cléante zum Opfer werden droht, lässt an die Griechenland-Krise denken; beim so aufs Pekuniäre reduzierten Generationen-Clinch kommt einem die Rentendebatte in den Sinn.

Mit ihren tollkühnen Perücken sind alle schrille Comicfiguren

Der Text ist Trumpf, es wird teuflisch viel, schnell und gedrechselt geredet – der Respekt gebührt den Schauspielern. Action in die Wortgefechte bringt die Regie mit ein paar simplen Ausstattungskniffen (Bühnenbild und Kostüme: Beate Zoff). Dabei spielt eine lockere Dielenbohle, ein Ledersofa und ein mobiler Kronleuchter eine Rolle. Ja, hier ist das geschliffene Wort der Star, aber die Schauspieler sind es zweifelsohne, die ihn strahlen lassen – sie werfen sich mit einer mitreißenden Inbrunst in ihre Rollen hinein. Schrille Comicfiguren sind sie in ihrer simplifizierenden Typisierung, mit ihren tollkühnen Perücken alle irgendwie, doch Lukas Benjamin Engel schlägt über die Stränge. Sein struwwelpetriger Cléante ist einer vom Liebeswahn und Vaterjoch gleichermaßen dauerhaft an den Rand des Nervenzusammenbruchs gedrängter Jammerlappen.

Die Karikatur besser dosieren können Kim Zarah Langner und Marius Hubel; die Regie lässt Elise und Valère unverhohlen ihrer Libido nachgehen, wovon halboffene Hosenlätze und hochgerutschte Röcke zeugen. Und Volker Risch ist ein erstaunlich vitaler Pfennigfuchser, einer, der ganz mit sich und seiner Geldmanie im Reinen ist, von eitler Selbstgerechtigkeit und der Leichtgläubigkeit eines Verblendeten.

„Der Geizige“ ist eine Bilderbuch-Komödie, mit Intrigen, Verstellungen und einer Deus-ex-machina-haften Familienzusammenführung – eine RTL-Doku-Soap könnte sich ein Beispiel daran nehmen. Was sie lehrt? Geiz war noch nie geil, auch vor 350 Jahren nicht.

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